Zerstörung von Freundschaften & Soziale Ächtung

Was tun wenn der beste Freund, die Freundin oder der Partner Dinge von sich gibt, die furchtbar sind? Das Netz empfiehlt: verstoßen. Kann man es sich aber damit wirklich so einfach machen?

Was tun wenn der beste Freund, die Freundin oder der Partner Dinge von sich gibt, die furchtbar sind? Das Netz empfiehlt: verstoßen. Kann man es sich aber damit wirklich so einfach machen?

Neulich kam mir in einem Gespräch, an dem ich eher als unbeteiligter Dritter bzw. Vierter teilnahm zu Ohren, wie sich jemand außerordentlich negativ über eine Freundin ausließ, die sich als reichlich homophob herausgestellt hatte. Er kannte seine Freundin eigentlich immer als sehr offenherzig, hilfsbereit und lieb und war dann über ihre Äußerungen mehr als erstaunt, weil sie so gar nicht zu ihr passten und richtig gehend erbost, weil sie nach einem Gespräch davon auch nicht lassen wollte. Nun habe ich mich daraus gehalten, aber der Tenor der Umstehenden war deutlich, dass man die Freundschaft beenden und sie ausgrenzen solle, denn mit so jemandem, will man schließlich nichts zu tun haben.

Im Internet, wenn man Suchanfragen bemüht wie „Hilfe, mein Freund ist rechts…“ oder ähnliches wird man auf ähnliche Fälle und auch Empfehlungen stoßen. Die dortigen Antwortenden reagieren sehr häufig mit absoluten Positionen, der Tenor: Ich würde sofort die Freundschaft beenden, mit so jemanden, würde ich nichts mehr zu tun haben wollen. Mal davon abgesehen, dass da selten differenziert wird zwischen rechts, nazistisch, faschistisch, rassistisch (und je nachdem wie weitgehend die Definition der jeweiligen Gegenstände ist, die Frage ob der Vorwurf berechtigt ist) werden häufig, die bereits im Artikel zur Rechtfertigung angesprochenen Denkmuster zu Grunde gelegt. Jemand ist ausländerfeindlich, also ist er rechts und damit spult sich das Ganze weitere Portfolio dieser Denkfigur ganz automatisch ab.
Vielleicht passiert das auch nicht und diese eine rassistische Denkfigur ist schon ein ausreichender Grund, um schwer empört zu sein. Aber es zeigt sich in der Empfehlung aber in beiden Fällen eine gewisse Beiläufigkeit. Homophobie findet man nicht ausschließlich bei alten, konservativen Männern und Rassismen (oder was je nach Definition als solche bezeichnet werden) nicht ausschließlich bei unfreundlichen, stiernackigen Männern in Springerstiefeln. Will sagen: Wir finden Einstellungen, die wir für uns als problematisch ansehen, viel weitläufiger als wir vermuten würden. Was wir in dem Fall als problematisch ansehen, ist eine Frage danach, was wir selbst für uns für richtig halten. Aber noch viel wichtiger: Diese Positionen begründen nicht zwangsläufig einen verdorbenen Charakter. Dem Klischee-Nazi würden wir alles Schlechte zutrauen. Ist er einmal identifiziert, können wir ihn nach Herzenslust verabscheuen.
Solche Exemplare gibt es sicher, denn Klischees finden immer ihre Bestätigung. Aber die besondere Brisanz liegt im oben genannten Fall. Wir kennen eine Person, kennen diese Person sehr gut, kennen ihre vielen guten Charaktereigenschaften und können eigentlich guten Gewissens behaupten, dass wir einen guten Menschen vor uns haben. Und dann ein solcher Ausfall. Eventuell ist es eine Verirrung durch Unwissen, Indoktrination oder anderweitig erzeugt – etwas das abgelegt werden kann, wenn man nur überzeugend genug argumentiert. Doch was passiert, wenn sich die Person nicht darauf einlassen will bzw. kann, weil es einer inneren Überzeugung von richtig oder falsch entspringt? Damit wird dieser Ausfall zu einem Teil ihrer Persönlichkeit. Eine (schlechte) Angewohnheit, die abzulegen von ihr kein Grund gesehen wird oder weil es einem Selbstverrat gleich kommt, auch gar nicht zur Debatte stehen kann.

Um das mit einen Exkurs zur Homophobie zu untermauen: Homosexualität galt noch sehr, sehr lange auch in der BRD als Verbrechen. Homosexualität war demnach nicht eine angeborene sexuelle Präferenz sondern eine abartige Neigung, für die man sich (wie bei Sodomie; daher die in der Vergangenheit synonyme Verwendung der Begriffe) freiwillig entschied, seinen niederen Trieben also bewusst nachgab – die Diskriminierung als Krankheit kann im Vergleich dazu fast noch als zivilisatorischer Fortschritt durchgehen. Diejenigen, die sich für eine Entkriminalisierung einsetzten oder dazu standen, taten das, weil sie es in einer gesellschaftlichen Umgebung, die das nicht tat, für das Richtige hielten. Dass es sich durchgesetzt hat, beweist, im Sinne einer absoluten Wahrheit, nicht, dass es das entscheidend Richtige gewesen ist. Wir halten es nur inzwischen dafür, wie wir zuvor von der Sündhaftigkeit oder Verdorbenheit homosexueller Handlungen überzeugt waren. Die jetzige Gegenbewegung operiert unter den gleichen Umständen, denn wir sind jetzt davon überzeugt, dass die Anerkennung von Homosexualität das moralisch Richtige sei und arbeiten mit den gleichen Repressionsmechanismen.

Will sagen: Was wir schlussendlich für ein unmoralisches, unmenschliches oder gar verdorbenes Handeln und Denken benennen wird schlussendlich auch stark von unseren persönlichen Überzeugungen geprägt. In diesem Fall können wir alle „Opfer“ unserer Ideale werden. Hegel beschrieb die besondere Brisanz der Tragödie im Widerstreit zweier gleichberechtigter Interessen. Die Lösung den Konflikt aufzulösen, in dem wir die Positionen der Gegenseite der Unmenschlichkeit anheim stellen, verfängt wenn wir uns sagen können, mit verdorbenen Subjekten Umgang zu haben. Die früher übliche Bezeichnung für Homosexualität war Sodomie, was sich von Sodom ableitete, jener Stadt, die Gott für die Sündhaftigkeit vom Erdboden tilgte. Wer ein Sodomit ist, muss eine sündhafte, verachtenswerte Kreatur sein, so legt uns dieses Bild nah. Doch sie verfängt nicht mehr, wenn wir uns vor Augen führen, dass hier nicht Monster vor uns stehen, sondern Leute wie wir, die wir vielleicht sogar (bisher) gut (zu) kennen (meinen): Freunde, Verwandte, Geliebte. In diesem Moment wird begreiflich, dass wir es nicht unbedingt mit verdorbenen Subjekten zu tun haben, sondern mit Menschen, die andere, divergierende Ideale haben, die sie ebenso umzusetzen versuchen. Wir stellen fest, dass es >>eigentlich<< gute Menschen sind.

Hier zeigt sich die Blindheit solcher Empfehlungen, wie sie oben genannt werden. Wir alle haben bestimmte Ideale und Überzeugungen, von denen wir nur schwer lassen können, wenn überhaupt. Und sie schlummern unter der Oberfläche. Im Alltag thematisiert man das nicht unbedingt untereinander, wenn man das Thema nicht gerade hat. Wir stellen es fest, wenn unbedachte Anmerkungen auftauchen, wenn es doch mal etwas politischer wird  oder wenn diejenigen, mit denen wir befreundet sind, plötzlich auf einer Demo auftauchen, die wir am liebsten verbieten lassen würden. Und allzu häufig können wir auch feststellen, dass es einzelne Ideale sind, die dort ausgelebt werden und eher selten eine Übereinstimmung mit allen Positionen der Gruppe, denen wir sie zurechnen wollen, stattfindet. Kurz um: Wir erleben das die Leute, die wir kennen, uns in Punkten auf einmal fremd, sogar antagonistisch werden. Und das kann jedem passieren. Der homophobe beste Freund, die Schwester, die mit Migranten ausgeht, aber gegen Zuwanderung ist, der chauvinistische aber aufopfernde Schwager, die aufgeklärten Eltern, die sich dann aber schon Sorgen machen, wenn der Sohn einen türkischen Freund mit nach Hause bringt usw. Im Alltag treffen wir ihn selten, DEN Nazi oder DEN Rechten oder DEN Rassisten. Ein Teil von ihm, kann in jedem sein, den wir kennen oder sogar in uns selbst. Man macht es sich leicht, die Leute zu Monstern zu erklären, zu leicht. Die Empfehlung also den Kontakt mit all jenen abzubrechen ist allzu schnell und allzu leichtfertig, weil sie ausblendet, was in uns oder unserem Freundes- oder Verwandtenkreis nicht an verdeckten Idealen schlummert und das sie dadurch nicht zu schlechten Menschen per se werden und nicht zu besseren Menschen, wenn sie sich ändern. Der Widerstreit ist nicht aufzulösen, ohne sich selbst an einem Instrumentarium der Unmenschlichkeit zu bedienen.

Mag das eine übertrieben Wortwahl sein? Gewagt aber berechtigt, wie ich finde. Der Druck – insbesondere der öffentliche – entfaltet sich nicht nur da, wo solche Empfehlungen allzu leichtfertig ausgesprochen und Ernst genommen werden und rettungslos Tischtücher zerschneiden und Beziehungen zerstören, sondern wo diese Empfehlung mit einer Handlungserwartung verknüpft wird.

Der Fall liegt nun schon einige Zeit zurück, aber ist mir noch sehr präsent, weil er damals in sehr zudringlicher Weise illustrierte, welch unmenschliche Züge auch das Eintreten für Menschlichkeit (in diesem Fall gegen Rechts) annehmen kann. Ich spreche vom Fall der Olympia-Ruderin Nadja Drygalla. Der Vorfall ist mit 2012 jetzt sicher auch schon einige Zeit her, aber er beschäftigt mich hin und wieder immer noch. Die Frau selbst war soweit mir zu Ohren kam nicht durch rechte Umtriebe oder Äußerungen aufgefallen, eher sogar noch im Gegenteil. Doch als die Öffentlichkeit spitzbekam, dass sie mit einem vermeintlich ehemaligen aktiven Kader der NPD liiert ist (ob ihre Aussage er sei nicht mehr politisch in diesen Kreisen aktiv der Wahrheit entspricht oder nicht, ist für den Fall meiner Ansicht nach auch irrelevant), machte sich an ihr die Frage fest, ob sie die richtige Person sei, um Deutschland international zu vertreten. Ich will gar nicht darauf abheben, wie wichtig für Sportler bezüglich des Lebensunterhalts ein gutes Image für Sponsoring und internationale Wettbewerbe mitsamt Preisgeldern sind. Die Grenze war in der Erwartung schon überschritten, dass die Frau für ihren Lebenswandel bestraft werden sollte, nicht weil ihr Lebenswandel selbst sondern der ihres Partners zur Debatte stand, sprich sie dafür zu bestrafen war, dass sie sich verliebt hatte und eine Beziehung zu einer – nach öffentlichen Wahrnehmung – falschen Person führte. Sie hat sich öffentlich von den politischen Überzeugungen ihres Partners distanziert (das kann man in der Situation erwarten) sich aber dagegen verwehrt ihn dafür zu verurteilen bzw. zu verstoßen. Ihre Distanzierung erschien damit als halbherzig und ihr hing damit der Vorwurf an, eine Nazi-Braut zu sein. Das Image war durch das Tribunal der Öffentlichkeit entstellt und sie selbst in die Nähe rechter Umtriebe gerückt, ohne dass sie selbst jemals in dieser Richtung Partei ergriffen hätte.

Nun die Frage, wenn man einen guten Freund hat oder einen Partner den man liebt, ist es verwerflich ihn auch mit diesen scheints negativen Eigenschaften zu behalten, das zu tolerieren, wenn er im Endeffekt trotzallem ein guter Kumpel, ein fürsorglicher Familienmensch sein kann? Ich gebe mit Verweis auf das zuvor Gesagte zu bedenken, dass wir es vielleicht nicht erwarten, aber in jedem unserer Bekannten und Verwandten solche Überzeugungen schlummern können. Und würden wir dann wollen, dass man uns unsere Gefühle zum Vorwurf macht? Ich sage nein. Der Kritiker würden sagen, in dem wir das tolerieren, leisten wir dem Gedanken Vorschub das dies in Ordnung sei. Er mag recht haben, unterschlägt für sich einerseits das Gefühlsdilemma in das er selbst kommen könnte, in dem er diese Empfehlung im Tenor absoluter Überzeugung vorträgt ohne eben zu bedenken, dass im besten Freund womöglich doch ein Chauvinist stecken könnte. Andererseits folgt er der oben im Beispiel ebenfalls integrierten Argumentationslinie: „Wenn wir jetzt Homosexualität tolerieren, könnte ja der Eindruck einstehen, dass sowas in Ordnung sei!“ und muss sich eben fragen, was ihn dann von den Leuten, die er zu bekämpfen meint, unterscheidet, als eine andere Auffassung vom Guten.

Die blinde Empfehlung von oben allein kann schon soziale Beziehungen blindwütig zerstören, doch wenn wir zudem noch eine Handlungserwartung daran knüpfen, eine Person für ihren sozialen Umgang bzw. deren Betragen in Haftung nehmen, dann bewegen wir uns wieder auf Verhältnisse zu, die man früher noch aus der nun opportun gewordenen politischen Richtung kritisiert hatte. Wir sind im Bereich einerseits der Sippenhaft, andererseits wird unsere persönliche Präferenz was Menschen angeht – es ist dann egal, ob wir diese Menschen sympathisch finden, lieben oder gerne mit ihnen befreundet sind und schon ganz, dass sie auch gute Eigenschaften haben – zum Ausdruck unseres eigenen moralischen Handelns erklärt. Wenn wir gute Menschen sein wollen, müssen wir auch bereit sein unsere Nächsten und Liebsten in den Rinnstein zu stoßen. Tun wir das nicht, machen wir uns selbst schuldig.

In dieser Denke ist es nicht mehr Weit zur Inquisition, zur Gestapo oder zur Staatssicherheit: Freunde verraten, Ehefrauen auf den Scheiterhaufen bringen oder von Kindern die ihre eigenen Eltern anzeigen. Wer mit solchen Empfehlungen hantiert zerstört soziale Beziehungen aus Gründen ideologischer Reinheit.

Notwendigkeit der Rechtfertigung

Der Begriff des Nationalen ist vergiftet und rechtsradikale Kräfts sorgen dafür das es so bleibt. Auch dadurch befindet sich die Gesellschaft und Abgrenzung und Ablösung zum und vom Nationalen. Es ist daher notwendig, dass wir mit offenen Karten spielen und klar machen, dass es auch anders geht. Drum müssen wir die Last der steten Rechtfertigung annehmen.

Der Begriff des Nationalen ist vergiftet und rechtsradikale Kräfte sorgen dafür, dass es so bleibt. Auch dadurch befindet sich die Gesellschaft in Abgrenzung und Ablösung zum und vom Nationalen. Es ist daher notwendig, dass wir mit offenen Karten spielen und klar machen, dass es auch anders geht. Drum müssen wir die Last der steten Rechtfertigung annehmen.

Es bietet sich gerade dieser Beitrag an, weil sich beim Schreiben anderer Beiträge doch gerade immer eine gewisse Tendenz abbildet. Gerade jetzt beim Anfang des Blogs. Man ist ständig versucht sich zu rechtfertigen, um die Geduld der Leser zu bitten für spätere oder differenziertere Erklärungen, darum Aussagen nicht für absolut und monolithisch zu nehmen, darum zu bitten anzuerkennen, dass man sich womöglich auch revidieren wird und diese Änderung zur Kenntnis genommen wird. Das Problem: Man bewegt sich in diesem Themenbereich in einem Minenfeld. Der Nationalismus gilt als ausgedeutet, von der Gegen- wie von der Befürworterseite aus. Der gesellschaftliche Diskurs hat eine Gut-Böse-Dichotomie installiert, die von Parteien und Organisationen bespielt wird und die Gegenseite tut ihr möglichstes dem Klischee möglichst vollumfänglich zu entsprechen und all das zu bestätigen, was gerechtfertigter weise gehasst und abgelehnt wird. Und über allem schwebt die geschichtliche Monstranz des 20. Jahrhunderts mit seinen Weltkriegen und dem Gedanken des „Nie wieder!“ als auch politischer Opferverbände, die dieses dogmatische „Nein“ ganz zwangsläufig zum Lebensinhalt erhoben haben und mit menschlichem Antlitz vortragen. Das nationale Modell ist diskreditiert und es gibt zudem die scheinbare Diskrepanz, dass es dafür in der modernen, globalisierten Welt auch keinen Platz mehr gibt oder geben dürfe. Und wie gesagt: Die Apologeten des Nationalen (zumindest deren Lauteste und Hässlichste) tun das möglichste dazu, die negativen Erwartungen, die Ängste und ihre eigene Kleingeistigkeit zu bestätigen und den Hass und die Häme, die ihnen entgegenschlägt, zu legitimieren.

In diesem sehr negativ besetzen Feld bewegen sich damit aber auch dann diejenigen, die sich ohne autoritären Hintersinn oder Überheblichkeit dem Nationalen zuwenden, sich einem leichten oder beschwingten Patriotismus hingeben und durchaus auch an der Aussage „Stolz ein Deutscher zu sein“ nichts schlimmes finden können, da es eher Zufriedenheit mit dem eigenen Sein ausdrückt als in der Vergangenheit Erhebung über andere. Gleichwohl aber all jene mit genauso inquisitorischem Eifer bekämpft werden, wie jene Gefahr von rechts, die auch heute noch den Holocaust leugnet und erneut bereit steht für den Marsch auf Berlin, auch wenn dies ein kleiner Marsch mit einem vielfachen an Gegenmärschen sein würde. Der viel genannte und wohl herbei geschriebene Fußballpatriotismus ist nicht nur in seiner eher seichten Art sondern gerade auch in der ihm entgegen rollenden Reaktion eine wahre Stilblüte des Diskurses, die wohl mit dem herunterreißen deutscher Fahnen zur WM von den Balkonen deutschtürkischer Wohnungen in Berlin ihre z.T. absurdestes Triebe zeigte. Was allgemeinhin belächelt wird, veranschaulicht aber in welchem Klima sich alles bewegt, dass auch nur den Anschein nationaler Gesinnung zeitigt. Es herrscht ein überaus negatives Klima, dass durch rechte Ausfälle und unerträgliche Akte, wie die Taten des NSU, bestätigt und verschärft wird. Das Ergebnis ist die naheliegende Frage: Wie kannst du guten Gewissens noch nationalem Denken anhängen?

Ich verwende für mich bewusst – auch im Bewusstsein der Brisanz des Ausdrucks – selbst die Bezeichnung Nationalist.
Ich wurde, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, nicht in der Form sozialisiert oder politisiert wie das für Wähler von Parteien wie der NPD üblich wäre. War nie Mitglied in Parteien oder Organisationen mit dieser Schlagseite. Auch, obwohl eine durchaus belastete, ländliche Region gab es kein offenes Auftreten rechter Parteien, Nazis oder Skinheads, an das ich mich erinnern würde. Das höchste an Präsenz waren Wahlplakate, an die ich mich im Detail auch nicht mehr erinnern kann, nur das sie da waren. Ich hatte einfach ein positives Nationalgefühl, das aber immer auch schon sehr stark staatsbezogen geprägt war. Relativ unbeeinflusst durch Quellen fanatischen oder dummen Nationalismus hat sich daraus eher eine eigene Erarbeitung dessen ergeben, was Nationalismus für mich ist oder bestenfalls sein soll und wie die eigene Position zum Gemeinwesen sein sollte/ müsste, um dem gerecht zu werden.
Entsprechend war es auch ein Findungsprozess nämlich nach Namen oder Begriffen, die das adäquat fassen konnten. Die besondere Problematik liegt daran, dass Nationalismus und Nationalist sowohl historisch als auch politisch-aktuell verbrannt sind und keinen guten Stand hatten bzw. die Leute sich darunter etwas vorstellten (und heute ja auch tun), mit dem ich mich eigentlich gar nicht identifiziere. Ein weiteres Problem bestand darin, dass sich extrem nationalistische Gruppierungen aus reiner Taktik auch immer wieder neue Logos und Slogans zulegten, um einen angeblichen Gesinnungswandel zu verkaufen und wählbar zu werden, obwohl unter dem neuen Etikett der gleiche Wein und unter der Oberfläche der gleiche Radikalismus verkauft wurde. Es war eine Abwehrschlacht immer neuer Begriffe wie „Neue Rechte“ oder „Nationale Alternative“, die aber alle diese Begriffe wiederum verbrannte. Ich bezeichnete mich dann immer mal wieder abwechselnd als Nationalgesinnter oder auch als Patriot. Ein durchaus positives Softpower-Nationalgefühl wie in den USA war damals ein wenig Vorbild dafür gewesen. Die Variante eines Verfassungspatriotismus, der Teil meiner späteren Konzepte wurde, kam mir erst später unter.
Später dann fand ich den Begriff des Patriotismus nicht mehr aussagekräftig genug und auch historisch wenig anschlussfähig, da unsere patriotische Kultur durchaus eine gewesen ist, die sich als Nationalbewegung verstanden hatte. Darüber hinaus, erschien ich anderen – und das auch nicht zu Unrecht – mit meinen Konzepten und Denkweisen im nationalen Bereich zu liegen. Ich fand es ab da unwürdig mit unpassenden oder verschleiernden Begriffen um den heißen Brei zu reden und nahm die Eigenbezeichnung Nationalist an. Erst fügte ich noch ein >>gemäßigt<< hinzu, später ließ ich das ganz und ergänzte es nur, wenn es die Gesprächssituation erforderlich machte. Die Selbstbezeichnung als Linksnationalist entwickelte sich dann mit der Zeit daraus. Demnach empfand ich es immer mehr als Zumutung das sich rechtes Pack, das dem Nazismus zuzurechnen war, sich dem Begriff des Nationalen bediente. Entsprechend war diese Begriffsübernahme ein Versuch das Nationale aus dem nazistischen Würgegriff zu re-emanzipieren und diesen Begriff bewusst selbst zu besetzen und ihn nicht verfassungsrechtlich fragwürdigen Kräften zu überlassen, die ihn benutzten um nationalgesinnten Nachwuchs anzulocken und dann zu indoktrinieren.

Sagen wir also für mich stellt sich die obige Frage anders. Ich betrachte den Nazismus als etwas anderes und extremen Nationalismus als nicht zwangsläufig. Es ergibt sich daraus nun ein Nationalismusbild, dem man sich nicht schämen muss oder wegen dem man nicht zwingend Gewissensbisse zu haben braucht, zumindest der Einschätzung meines Gewissens nach. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass das von Außenstehenden auch so verstanden wird.

Da der Begriff Nationalist mit der Erwartungshaltung (Nationalist = Nazi) belastet ist, binde ich das natürlich nicht jedem potenziellen Gesprächspartner auf die Nase, sondern warte mit dieser Offenbarung bis es einen Anlass dafür gibt und wenn ich sicher sein kann, dass mein Gegenüber mich gut genug kennt, um dort dann zu differenzieren.
Dieses persönliche Beispiel zeigt gut, dass wir uns als Nationalisten in einer Position befinden, in der wir uns rechtfertigen müssen. Sie, lieber Leser, mögen mir also verzeihen, wenn es eine gewisse Neigung in den Artikeln für Erklärungen und Rechtfertigungen gibt, aber ich denke sie sind nötig, damit die Leute eine Möglichkeit haben, zu erkennen, dass hier kein Funktionär der NPD sitzt und das trotz einiger ähnlicher Termini oder auch Positionen hier nicht Nazismus gepredigt wird. Eher im Gegenteil.

Für den öffentlichen Diskurs ist also zu sagen: Ja es ist manchmal nervig und anstrengend manche Sachen fünfmal sagen zu müssen, Kontexte zu betonen, Unterschiede klar zu machen, sich immer wieder zu rechtfertigen und abzugrenzen und vielleicht sogar beschimpft zu werden. Aber wir bewegen uns in einem Feld das durch die Historie und die politische Betätigung fragwürdiger Parteien und Organisationen besetzt und vergiftet ist und das durch andere (linke) Parteien und Gruppen in seiner pauschalen Form (durchaus notwendig) zum Feind erklärt worden ist. Wir können nicht a priori auf Verständnis hoffen oder darauf bestehen und auch nicht darauf, dass unsere Prämissen verstanden werden, denn das ist unter den gegebenen Umständen nicht zu erwarten; und in der Hoffnung auf eine potente Reaktion gegen rechtsextreme Umtriebe auch nicht unbedingt wünschenswert. Dadurch, dass wir uns rechtfertigen und nicht arrogant verschließen, ermöglichen wir es erst ein anderes Verständnis und einen anderen, gemäßigten Blickwinkel auf einen Teil des nationalen Spektrums zu etablieren, nämlich den, dass es da draußen nicht nur Nazis gibt sondern auch Nationalisten.