Notwendigkeit der Rechtfertigung

Der Begriff des Nationalen ist vergiftet und rechtsradikale Kräfte sorgen dafür, dass es so bleibt. Auch dadurch befindet sich die Gesellschaft in Abgrenzung und Ablösung zum und vom Nationalen. Es ist daher notwendig, dass wir mit offenen Karten spielen und klar machen, dass es auch anders geht. Drum müssen wir die Last der steten Rechtfertigung annehmen.

Es bietet sich gerade dieser Beitrag an, weil sich beim Schreiben anderer Beiträge doch gerade immer eine gewisse Tendenz abbildet. Gerade jetzt beim Anfang des Blogs. Man ist ständig versucht sich zu rechtfertigen, um die Geduld der Leser zu bitten für spätere oder differenziertere Erklärungen, darum Aussagen nicht für absolut und monolithisch zu nehmen, darum zu bitten anzuerkennen, dass man sich womöglich auch revidieren wird und diese Änderung zur Kenntnis genommen wird. Das Problem: Man bewegt sich in diesem Themenbereich in einem Minenfeld. Der Nationalismus gilt als ausgedeutet, von der Gegen- wie von der Befürworterseite aus. Der gesellschaftliche Diskurs hat eine Gut-Böse-Dichotomie installiert, die von Parteien und Organisationen bespielt wird und die Gegenseite tut ihr möglichstes dem Klischee möglichst vollumfänglich zu entsprechen und all das zu bestätigen, was gerechtfertigter weise gehasst und abgelehnt wird. Und über allem schwebt die geschichtliche Monstranz des 20. Jahrhunderts mit seinen Weltkriegen und dem Gedanken des „Nie wieder!“ als auch politischer Opferverbände, die dieses dogmatische „Nein“ ganz zwangsläufig zum Lebensinhalt erhoben haben und mit menschlichem Antlitz vortragen. Das nationale Modell ist diskreditiert und es gibt zudem die scheinbare Diskrepanz, dass es dafür in der modernen, globalisierten Welt auch keinen Platz mehr gibt oder geben dürfe. Und wie gesagt: Die Apologeten des Nationalen (zumindest deren Lauteste und Hässlichste) tun das möglichste dazu, die negativen Erwartungen, die Ängste und ihre eigene Kleingeistigkeit zu bestätigen und den Hass und die Häme, die ihnen entgegenschlägt, zu legitimieren.

In diesem sehr negativ besetzen Feld bewegen sich damit aber auch dann diejenigen, die sich ohne autoritären Hintersinn oder Überheblichkeit dem Nationalen zuwenden, sich einem leichten oder beschwingten Patriotismus hingeben und durchaus auch an der Aussage „Stolz ein Deutscher zu sein“ nichts schlimmes finden können, da es eher Zufriedenheit mit dem eigenen Sein ausdrückt als in der Vergangenheit Erhebung über andere. Gleichwohl aber all jene mit genauso inquisitorischem Eifer bekämpft werden, wie jene Gefahr von rechts, die auch heute noch den Holocaust leugnet und erneut bereit steht für den Marsch auf Berlin, auch wenn dies ein kleiner Marsch mit einem vielfachen an Gegenmärschen sein würde. Der viel genannte und wohl herbei geschriebene Fußballpatriotismus ist nicht nur in seiner eher seichten Art sondern gerade auch in der ihm entgegen rollenden Reaktion eine wahre Stilblüte des Diskurses, die wohl mit dem herunterreißen deutscher Fahnen zur WM von den Balkonen deutschtürkischer Wohnungen in Berlin ihre z.T. absurdestes Triebe zeigte. Was allgemeinhin belächelt wird, veranschaulicht aber in welchem Klima sich alles bewegt, dass auch nur den Anschein nationaler Gesinnung zeitigt. Es herrscht ein überaus negatives Klima, dass durch rechte Ausfälle und unerträgliche Akte, wie die Taten des NSU, bestätigt und verschärft wird. Das Ergebnis ist die naheliegende Frage: Wie kannst du guten Gewissens noch nationalem Denken anhängen?

Ich verwende für mich bewusst – auch im Bewusstsein der Brisanz des Ausdrucks – selbst die Bezeichnung Nationalist.
Ich wurde, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, nicht in der Form sozialisiert oder politisiert wie das für Wähler von Parteien wie der NPD üblich wäre. War nie Mitglied in Parteien oder Organisationen mit dieser Schlagseite. Auch, obwohl eine durchaus belastete, ländliche Region gab es kein offenes Auftreten rechter Parteien, Nazis oder Skinheads, an das ich mich erinnern würde. Das höchste an Präsenz waren Wahlplakate, an die ich mich im Detail auch nicht mehr erinnern kann, nur das sie da waren. Ich hatte einfach ein positives Nationalgefühl, das aber immer auch schon sehr stark staatsbezogen geprägt war. Relativ unbeeinflusst durch Quellen fanatischen oder dummen Nationalismus hat sich daraus eher eine eigene Erarbeitung dessen ergeben, was Nationalismus für mich ist oder bestenfalls sein soll und wie die eigene Position zum Gemeinwesen sein sollte/ müsste, um dem gerecht zu werden.
Entsprechend war es auch ein Findungsprozess nämlich nach Namen oder Begriffen, die das adäquat fassen konnten. Die besondere Problematik liegt daran, dass Nationalismus und Nationalist sowohl historisch als auch politisch-aktuell verbrannt sind und keinen guten Stand hatten bzw. die Leute sich darunter etwas vorstellten (und heute ja auch tun), mit dem ich mich eigentlich gar nicht identifiziere. Ein weiteres Problem bestand darin, dass sich extrem nationalistische Gruppierungen aus reiner Taktik auch immer wieder neue Logos und Slogans zulegten, um einen angeblichen Gesinnungswandel zu verkaufen und wählbar zu werden, obwohl unter dem neuen Etikett der gleiche Wein und unter der Oberfläche der gleiche Radikalismus verkauft wurde. Es war eine Abwehrschlacht immer neuer Begriffe wie „Neue Rechte“ oder „Nationale Alternative“, die aber alle diese Begriffe wiederum verbrannte. Ich bezeichnete mich dann immer mal wieder abwechselnd als Nationalgesinnter oder auch als Patriot. Ein durchaus positives Softpower-Nationalgefühl wie in den USA war damals ein wenig Vorbild dafür gewesen. Die Variante eines Verfassungspatriotismus, der Teil meiner späteren Konzepte wurde, kam mir erst später unter.
Später dann fand ich den Begriff des Patriotismus nicht mehr aussagekräftig genug und auch historisch wenig anschlussfähig, da unsere patriotische Kultur durchaus eine gewesen ist, die sich als Nationalbewegung verstanden hatte. Darüber hinaus, erschien ich anderen – und das auch nicht zu Unrecht – mit meinen Konzepten und Denkweisen im nationalen Bereich zu liegen. Ich fand es ab da unwürdig mit unpassenden oder verschleiernden Begriffen um den heißen Brei zu reden und nahm die Eigenbezeichnung Nationalist an. Erst fügte ich noch ein >>gemäßigt<< hinzu, später ließ ich das ganz und ergänzte es nur, wenn es die Gesprächssituation erforderlich machte. Die Selbstbezeichnung als Linksnationalist entwickelte sich dann mit der Zeit daraus. Demnach empfand ich es immer mehr als Zumutung das sich rechtes Pack, das dem Nazismus zuzurechnen war, sich dem Begriff des Nationalen bediente. Entsprechend war diese Begriffsübernahme ein Versuch das Nationale aus dem nazistischen Würgegriff zu re-emanzipieren und diesen Begriff bewusst selbst zu besetzen und ihn nicht verfassungsrechtlich fragwürdigen Kräften zu überlassen, die ihn benutzten um nationalgesinnten Nachwuchs anzulocken und dann zu indoktrinieren.

Sagen wir also für mich stellt sich die obige Frage anders. Ich betrachte den Nazismus als etwas anderes und extremen Nationalismus als nicht zwangsläufig. Es ergibt sich daraus nun ein Nationalismusbild, dem man sich nicht schämen muss oder wegen dem man nicht zwingend Gewissensbisse zu haben braucht, zumindest der Einschätzung meines Gewissens nach. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass das von Außenstehenden auch so verstanden wird.

Da der Begriff Nationalist mit der Erwartungshaltung (Nationalist = Nazi) belastet ist, binde ich das natürlich nicht jedem potenziellen Gesprächspartner auf die Nase, sondern warte mit dieser Offenbarung bis es einen Anlass dafür gibt und wenn ich sicher sein kann, dass mein Gegenüber mich gut genug kennt, um dort dann zu differenzieren.
Dieses persönliche Beispiel zeigt gut, dass wir uns als Nationalisten in einer Position befinden, in der wir uns rechtfertigen müssen. Sie, lieber Leser, mögen mir also verzeihen, wenn es eine gewisse Neigung in den Artikeln für Erklärungen und Rechtfertigungen gibt, aber ich denke sie sind nötig, damit die Leute eine Möglichkeit haben, zu erkennen, dass hier kein Funktionär der NPD sitzt und das trotz einiger ähnlicher Termini oder auch Positionen hier nicht Nazismus gepredigt wird. Eher im Gegenteil.

Für den öffentlichen Diskurs ist also zu sagen: Ja es ist manchmal nervig und anstrengend manche Sachen fünfmal sagen zu müssen, Kontexte zu betonen, Unterschiede klar zu machen, sich immer wieder zu rechtfertigen und abzugrenzen und vielleicht sogar beschimpft zu werden. Aber wir bewegen uns in einem Feld das durch die Historie und die politische Betätigung fragwürdiger Parteien und Organisationen besetzt und vergiftet ist und das durch andere (linke) Parteien und Gruppen in seiner pauschalen Form (durchaus notwendig) zum Feind erklärt worden ist. Wir können nicht a priori auf Verständnis hoffen oder darauf bestehen und auch nicht darauf, dass unsere Prämissen verstanden werden, denn das ist unter den gegebenen Umständen nicht zu erwarten; und in der Hoffnung auf eine potente Reaktion gegen rechtsextreme Umtriebe auch nicht unbedingt wünschenswert. Dadurch, dass wir uns rechtfertigen und nicht arrogant verschließen, ermöglichen wir es erst ein anderes Verständnis und einen anderen, gemäßigten Blickwinkel auf einen Teil des nationalen Spektrums zu etablieren, nämlich den, dass es da draußen nicht nur Nazis gibt sondern auch Nationalisten.

Über Seldis

Ich bin ein politischer Denker auf der Suche nach neuen, positiven Interpretationsweisen nationalen und nationalistischen Denkens. Diese theoretische Denkschule soll einerseits wiederbelebt andererseits in Anknüpfung auch an frühere theoretische Konzepte und Modelle vom Ballast übersteigerten und extremistischen Denkens des Nationalsozialismus befreit werden. Mein Ziel hierbei soll es sein eine patriotisch-nationale Perspektive als Alternative zum ewiggestrigen Denken neonazistischer Gruppen zu eröffnen. Ich würde mich in diesem Kontext selbst als Linksnationalist bezeichnen wollen.
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