Vaclav Havel über Zuhausesein

Ich habe dieses kurze Essay erst vor einigen Monaten entdeckt, als mir im Verkauf von Gebrauchtbüchern meiner Universitätsbibliothek ein alter Sammelband zum Thema Nationalismus in die Hände fiel. Dieser kurze Aufsatz hat mich nachhaltig beeindruckt, weil er ein gut formuliertes und meinen eigenen Überlegungen entsprechendes Bild von dem zeichnet, was die Nation ist. Ein komplementäres Element jedes Einzelnen, seiner Identität, die so bewahrenswert ist, wie sein Eingebundensein in Familie, Staat und Europa. Ein Element, dass ebenso wichtig, nicht wichtiger ist, als die anderen, dem man entsprechend aber auch sein Recht geben muss.

Ich wollte euch diesen wunderbaren Artikel nicht vorenthalten und werde ihm im folgenden in ganzer Länge einstellen.


Havel, Vaclav: Zuhausesein. In Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus. Hrsg. v. Michael Jeismann & Henning Ritter. Leipzig: Reclam 1993. S. 129 – 132.

übersetzt aus dem Tschechischen von Joachim Bruss.

Zu dem, was moderne Philosophen >>Lebenswelt<< nennen, gehört auch die Kategorie des Zuhauses. Jan Patocka hat sie schon vor dem Krieg analyisiert. Für jeden Menschen ist das Zuhause eine der grundlegenden existenziellen Erfahrungen. Was der Mensch als sein Zuhause wahrnimmt (im philosophischen Sinne), kann man mit einem System konzentrischer Kreise vergleichen, in dessen Mitte sich unser >>Ich<< befindet. Mein  Zuhause ist der Raum, in dem ich einige Zeit lebe, an den ich mich gewöhnt habe und den ich sozusagen mit meinen Duftmarken überzogen habe. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß für mich selbst die Gefängniszelle auf ihre Weise ein Zuhause war und ich es immer als eine große Beeinträchtigung empfand, wenn ich plötzlich in eine andere umziehen mußte. Diese sah zwar absolut genauso aus wie die vorhergehende, ja sie konnte sogar besser sein, nichtsdestoweniger empfand ich sie als etwas Fremdes und Feindliches, fühlte mich in ihr zunächst entwurzelt und von Fremdheit umgeben, und es dauerte eine gewisse Zeit, bevor ich mich in ihr eingerichtet hatte, mich zu Hause fühlte und meine Sehnsucht nach der vorhergehenden loswurde.
Mein Zuhause ist das Haus, in dem ich lebe, die Gemeinde oder die Stadt, in der ich geboren wurde oder in der ich mich aufhalte, mein Zuhause ist meine Familie, die Welt meiner Freunde, das gesellschaftliche Millieu, in dem ich lebe, mein Beruf, mein Betrieb oder Arbeitsplatz. Mein Zuahsue ist selbstverständlich auch das Land, in dem ich lebe, die Sprache, die ich spreche, das geistige Klima, das mein Land hat und das die Sprache vergegenwärtigt, die man darin spricht. Das Tschechische, die tschechische Art der Wahrnehmung der Welt, die tschechische historische Erfahrung, die tschechische Art des Mutes und der Feigheit, der tschechische Humor – das alles ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil dieser Sedimente meines Zuhauses. Mein Zuhause ist also für mich auch mein Tschechentum, das heißt meine nationale Zugehörigkeit, und es gibt keinen Grund, warum ich mich zu diesem Teil meines Zuhauses nicht bekennen sollte, hat es doch für mich dieselbe existentielle Selbstverständlichkeit wie beispielsweise meine Männlichkeit.
Mein Zuhause ist allerdings nicht nur mein Tschechentum sondern auch mein Tschechoslowakentum, also meine Staatsangehörigkeit. Mein Zuhause ist dann auch Europa und mein Europäertum und – endlich – dieser Planet und dessen gegenwärtige Zivilisation sowie verständlicherweise auch diese ganze Welt. Doch nicht einmal das ist alles: Mein Zuhause sind auch meine Bildung und Erziehung, meine Gewohnheiten, das soziale Millieu, in dem ich lebe und zu dem ich mich bekenne: wäre ich in einer politischen Partei, wäre ohne Zweifel auch sie mein Zuhause.

Ich glaube, daß jeder dieser Schichten des menschlichen Zuhauses das zuerkannt werden muß, was ihr zusteht, es hat keinen Sinn, die eine im Namen der anderen zu bestreiten oder auszuschließen, als weniger wichtig oder weniger wert zu interpretieren. Sie gehören alle zu unserer Lebenswelt, und eine gute gesellschaftliche Organisation muß sie alle angemessen respektieren und allen Gelegenheit zur Entfaltung geben. Nur so kann Raum entstehen für eine freie Selbstverwirklichung des Menschen als Mensch, zur Verwirklichung seiner Identität, denn alle Schichten unseres Zuhauses, ebenso wie unsere ganze Lebenswelt, sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer selbst und ein nicht wegzudenkendes Mittel unserer Selbstindentifizierung als Mensch; ein von allen Schichten seines Zuhauses entblößter Mensch wäre ganz seiner selbst, seines Menschseins entledigt.
Ich bin für ein politisches System, dessen Grundlage der Bürger ist mit all seinen grundlegenden Bürger- und Menschenrechten in ihrer universalen Gültigkeit, als auch in ihrer allgemeinen Gleichheit (aufgrund dessen kein Angehöriger dieser oder jener Rasse, dieses oder jenes Volkes, Geschlechtes oder religiösen Bekenntnisses mit anderen Grundrechten als andere ausgestattet sein darf), ich bin also für das, was man Bürgergesellschaft nennt.
Dieses Bürgerprinzip wird heute häufig als Widerspruch zum nationalen Prinzip gesehen, als ob es die Schicht unseres Zuhauses übersehe oder unterdrücke, die von unserer nationalen Zugehörigkeit gebildet wird. Ich glaube, dies ist ein grobes Missverständnis. Ich bin für das Bürgerprinzip, gerade weil es dem Menschen am besten ermöglicht, sich mit sich selbst zu identifizieren und sich selbst in allen seinen Schichten der Zugehörigkeit zu seinem Zuhause zu verwirklichen, Freude an allem zu haben, was zu seiner Lebenswelt gehört, nicht nur an einem Teil davon. Einen Staat auf einem anderen als dem Bürgerprinzip begründen, zum Beispiel auf einem ideologischen, nationalen oder religiösen, bedeutet, eine bestimmte Schicht unseres Zuhauses über andere zu erheben, uns also als Menschen einzuschränken, unsere Lebenswelt zu beschneiden. Die meisten Kriege oder Revolutionen sind aus einer derartig eindimensionalen Konzeption des Staates entstanden. Ein Staat, der im Gegenteil auf dem Bürgerprinzip begründet ist und der den Menschen und seine Lebenswelt in seiner ganzen Breite und Schichtung respektiert, ist von seinem Wesen selbst her ein friedliebender und menschlicher Staat.

Ich will also die nationale Determinante des Menschen keineswegs bestreiten, ihre Legitimit oder ihr Recht auf vollständige Selbstverwirklichung, ich lehne bloß die politischen Konzeptionen ab, die im Namen und im Interesse dieser Determinante andere Schichten des menschlichen Zuhauses, andere Schichten des Menschseins und andere Menschenrechte als das Recht auf eigene Nationalität unterdrücken möchten. Und mir scheint, daß eine Bürgergesellschaft, auf die moderne demokratische Staaten allmählich hinarbeiten, genau das ist, was dem Menschen im gesamten Spektrum seiner Determinanten und in der gesamten Vielschichtigkeit seiner Lebenswelt Raum gibt und damit auch  den Ebenen seiner Selbstidentifizierung.
Die Bürgergesellschaft, die auf der Universalität der Menschenrechte begründet ist, ermöglicht es uns nälich am besten, uns als alles das zu verwirklichen, was wir sind, also nicht nur als Angehörige unseres Vilkes, sondern auch als Angehörige unserer Familie, unserer Gemeinde, unserer Region, unserer Kriche, unseres Berufsverbandes, unserer politischen Partei, unseres Staates unserer überstaatlichen Gemeinschaft – und das alles, weil sie uns vor allem als Angehörige des Menschengeschlechtes versteht, also als Menschen, als konkrete menschliche Wesen, deren individuelles Sein seinen primären, natürlichsten und zugleich universalsten Ausdruck in ihrem Status als Bürger findet, in ihrem Bürger-Sein im weiteres und tiefsten Sinne des Wortes.Die Souveränität der Gemeinde, der Region des Volkes, des Staates, jegliche höhere Souveränität hat nur dann Sinn, wenn sie von der in der Tat einzigen originalen Souveränität abgeleitet ist, nämlich von der Souveränität des Menschen, die ihren politischen Ausdruck in der Souveränität des Bürgers findet.

Erhebungen zu Trumps Wählergruppen

Ein Freund hat mir einen Link zugeschickt. Er führt zu einem Artikel der Jungen Freiheit (ich empfehle daher auch nochmal kritische Quellenprüfung), in dem einige Ergebnisse bezüglich von Trumps Wählergruppen dargestellt werden. Der Artikel setzt sich kritisch mit der Analyse aus, dass der Angry White Man, hier ein rassistisches Wahlurteil gesprochen habe bzw. Trump mit einer rassistischen Kampagne insbesondere punkten konnte. Tatsächlich sind Trumps Wählerschichten diverser, als es den Anschein hat.

Ich wollte euch den deshalb mal verlinken: Weißes Rollback gegen buntes Amerika


Zum Thema US-Wahl werden in den kommenden Tagen auch noch  zwei Artikel erscheinen, die sich mit den Reaktionen europäischer, rechter Parteien und einem Artikel im aktuellen SPIEGEL befassen werden.

Sieg ist Trump(f) – Change ist das Wort der Stunde

Chapeau, Herr Trump! Wir erinnern uns an meinen Beitrag von vor zwei Tagen:

„Selbst wenn Trump gewählt wird, was angesichts der derzeitigen Demoskopie reichlich, reichlich mit dem Glück zugehen müsste, wird die Welt sich morgen weiterdrehen, und übermorgen und auch wenn nach dieser Legislatur ein anderer Präsident sein Amt übernehmen wird.“

Zumindest dreht sich die Welt noch weiter, kann man wohl sagen. Wäre vielleicht angebracht gewesen, schon gestern etwas dazu zuschreiben, aber ich habe mit großer Spannung die Nacht über die Wahl verfolgt. Ursprünglich, weil ich ohnehin sehr lange wach bin, wollte ich mir eigentlich anschauen, wie groß Frau Clintons Vorsprung ist, wenn ich ins Bett gehe, im Vertrauen auf die demoskopischen Erhebungen und dann wurde daraus zunächst ein Kopf-an-Kopf-Rennen im wichtigen Florida und anderen Swing-States und Trump machte immer und immer mehr Boden gut. Wo es zunächst noch ein Bild aus der Wahlkampfzentrale mit deutlich gespannter Stimmung gab, wurde immer deutlicher das der sichere Sieg der Demokraten hart erkämpft sein würde und noch später dann endgültig Makulatur war.
Was als eindeutige Sache begann, wurde zu einem Thriller, der mich vor den Bildschirm fesselte, bis es endgültig vorbei war und ich dann gänzlich übernächtigt, den Rest des vergangenen Tages brauchte, einerseits um mich auszuschlafen, andererseits um die Überraschung zu verarbeiten. Von einem Schock möchte ich nicht gerade sprechen, aber ich ging auch wie sicher davon aus, dass Frau Clinton das Rennen machen würde. Außerdem gab es auch erstmal Berichterstattung und Meinungsbilder zu konsumieren und zu verarbeiten.

Und was zeigt nach Aufrufen der Versöhnung die amerikanische Straße? Demonstrationen der Demokraten gegen Trump und die Wahl. Und rassistische Idioten, die jetzt Oberwasser haben und meinen gegenüber Schwarzen, Latinos und auch ihren liberalen Mitbürgern die hässlische Seite des Menschseins herauskehren zu können und zu müssen. Bei den Demokraten herrscht Untergangsstimmung. Am ehesten dürfte von Trump wohl dieses Bild vorherrschen:

Und bei uns in Europa und Deutschland sieht das Meinungsbild nicht wirklich besser aus. Die Welt steht vor Veränderungen zum Schlechteren, denn jetzt ist ein Brandstifter im Weißen Haus. Doch glaube ich weiterhin nicht, dass es – zumindest jetzt schon – Anlass zur Panik gibt.

Trump im stahlharten Gehäuse der Wirklichkeit

Wie ich bereits in dem erwähnten Beitrag sagte, fürchte ich die Wahl Trumps nach wie vor nicht. Das sagte sich sicherlich so leicht hin, als er noch nicht gewählt war und sein Sieg auch nicht sonderlich wahrscheinlich.schien. Allerdings hat sich an den Gegebenheiten, die ich bereits vor zwei Tagen im Kopf hatte, wenig geändert.
Auch wenn Amerika ein mächtiger Staat ist so funktioniert die Welt nicht monopolar auch nicht, wenn man mit dem größten Militär der Welt auch über die größte Drohkulisse verfügen kann. Noch immer gibt es internationale Organisationen und Netzwerke. Es gibt Abkommen die die USA auch unter einem Präsidenten Trump nicht von heute auf morgen aufkündigen oder aussetzen können, zumindest nicht ohne selbst unter deren Folgen zu leiden und die Macht im internationalen System wird auch durch die eingeschränkt, die dort ebenfalls Macht besitzen: durch Russland, China, die EU und andere aufstrebende Staaten wie Indien und alten Wirtschaftsgrößen wie Japan.

Auch ein Präsident Trump wird die auf die Erfahrung und das Wissen im administrativen Apparat zurückgreifen können. Beamte mit Erfahrung und Einschätzungen, aufmerksame Diplomaten und wirkmächtige Ministerialbeamte, die Gesetzestexte entwickeln und formulieren werden ihm ebenso zur Seite stehen, wie ein noch zu bestimmender Stab und Kabinett, die zwar gewiss auch mit Hardlinern aber nicht unbedingt Hasardeuren gefüllt werden und einem Präsidenten Trump vor Augen führen werden, dass es strategische und wirtschaftliche Interessen gibt, die an Partnerschaften und außenpolitisches Handeln gebunden sind.

Was sich hingegen verändert hat ist die Machtarithmetik in der Institution, die Checks and Balances in den USA gegenüber dem Präsident verwirklicht: dem Kongress mit seinen zwei Kammern. Die Republikaner schafften es nicht nur dort ihre Position zu halten sondern beide Kammern mehrheitlich zu besetzen und auch im obersten Gericht kann ein Präsident Trump demnächst willfährige Richter platzieren. Mit der Kontrolle des Parlamentes, das jedem Gesetz seinen Segen geben muss, erscheint es, als könne Trump nun durchregieren nun sind die USA jedoch nicht Deutschland und selbst ein Präsident mit „eigener“ Parteimehrheit im Kongress ist dennoch auch ein Gegenspieler der dort wirkenden ebenfalls einflussreichen Politiker und derer Egos und freiem Willen. Schon unter normalen Umständen müsste ein Präsident selbst bei seinen „eigenen“ Abgeordneten für seine Pläne und Gesetze werben, im Fall von Trump der im Wahlkampf eine Spur der politischen Verwüstung gerade auch in der republikanischen Partei hinter sich hergezogen hat und den das von ihm verachtete Partei- und Politestablishment auch nicht sonderlich schätzt, wird es doppelt schwer haben. Sicherlich werden die Republikaner ihren eigenen Präsidenten nicht total blockieren oder beschädigen wollen, aber sie können und werden wahrscheinlich ein waches Auge darauf haben, was er tut und was er durchsetzen kann und werden den Gesetzen wahrscheinlich auch maßgeblich ihren eigenen Stempel aufzudrücken versuchen.

Unter den Republikanern dort gibt es sicher auch viele Hardliner und sicher auch den ein oder andere Hasardeur im Endeffekt dürften sie aber ggf. Aus- und Einfälle eines Präsidenten Trump in gesetzgeberischer Hinsicht einzuhegen wissen.
Die Möglichkeiten per Dekret zu regieren lassen sich von einem Nachfolger rückgängig machen.
Und dank des starken Föderalismus ist auch noch nicht ausgemacht, wie schnell und wie stark entsprechende Vorhaben in Washington überhaupt auf den Rest des Landes durchschlagen werden.

Versöhnliche Töne nach der Wahl

Nun ist es sicher nicht unüblich nach der Wahl formell gesehen versöhnliche Töne anzuschlagen, schließlich regieren in einer Demokratie selbst Regierende, die nur von einem Teil des Volkes gewählt wurden das ganze Volk und Amerika ist im Moment besonders zerrissen. Nicht das es seitens Frau Clinton anders gewesen wäre. Die Wahl zeigt an sich, dass der Riss quer durch die Gesellschaft ging. Auch eine Präsidentin Clinton hätte die Hälfte des Wahlvolkes primär gegen sich gehabt.

Ein kurzer Exkurs dazu: Findige Statistiker haben festgestellt, dass eigentlich Trump nur von einem Viertel der Amerikaner gewählt wurde, weil die Wahlbeteiligung nur etwa bei 50% lag. Allerdings ist zu bedenken, dass diese niedrige Wahlbeteiligung für die USA durchaus üblich ist und sich regelmäßig eher im Bereich zwischen 50% und 60% bewegt und auch eine Frau Clinton, wenn sie knapp gewonnen hätte, auch nur etwa ein Viertel der Wähler auf sich vereinigt hätte. Aber solcherlei statistischer Zahlendreherei sind natürlich seit dem Brexit groß in Mode.

In jedem Fall hat Trump in seiner Rede versöhnliche Töne angeschlagen, weil es zum  guten Ton gehörte, weil er es musste, sicher auch aus strategischem Kalkül, aber ggf. wird jetzt wo er sich nicht mehr wie ein Kampfhund in einem blutigen Zweikampf in seinen Gegner verbeißen muss, um sich durchzusetzen, vielleicht sogar eine Chance. Einige der Dinge, die er versprochen hat, wird er nicht oder zumindest nicht bald durchsetzen können und es besteht die Chance, dass er vielleicht kein herausragender Präsident wird, aber das Land tatsächlich mit einem zwar rechten aber gemäßigten Kurs, der eher extrem in seiner Umsetzung werden könnte, halbwegs in der Balance hält. Konservative und sehr rechte Politiker, auch Kriegstreiber haben die USA ausgehalten bzw. haben auch deren Amtszeiten nicht nur schlechtes für das Land gebracht. Auch wenn einige der ‚Fortschritte‘ (je nachdem wie man das bewerten will) der Obama-Administration rückgängig gemacht werden, bietet Trump mit der Möglichkeit einer besseren Regierungsperspektive im Kongress, auch die Chance für die tatsächliche  Umsetzung von Politik, an der Obama leider gescheitert ist.

Man sollte skeptisch und vorsichtig sein, aber man sollte abwarten und schauen, wie Trump sein Amt tatsächlich ausfüllen wird. Denn auch Herr Trump hat bewiesen, dass er duchaus flexibel sein kann, was seine Überzeugungen anbelangt. Was ihm als Populismus angekreidet wurde, könnte jetzt nützlich sein, wenn es darum geht, ihn von moderatem Handeln zu überzeugen.

Change als altes, neues Prinzip

Die wohl größte Ironie dieser Wahl ist die Tatsache, dass Trump mit dem gleichen Versprechen gewonnen hat, wie Obama erstmal vor acht Jahren, nämlich Change. Er hat einen anderen Politikstil versprochen, einen Bruch mit dem bisherigen Parteisystem, mit dem bisherigen politischen Apparat in Washington und mit Regierungskurs von Obama und mit dem größeren Kurs auf dem sich das Land allgemein befindet. Die Leute haben Wandel gewählt. Zum paradoxen Verhältnis von Wandel und Stillstand oder Progression und Konservatismus gehört das das eine dem anderen bereits innewohnt. Sobald man einen Fortschritt (und Fortschritt ist da eher subjektiv zu sehen) erreicht hat, möchte man ihn konservieren, sobald man einen Wandel durchgekämpft hat, möchte man dessen Errungenschaften auf Dauer stellen. So bedeutet aber dennoch im reinen Wortsinn die Abkehr von Obamas Kurs auch erstmal Wandel.

Es wird deutlich das die naive Aufbruchs- und Erlösungsstimmung, die Obama mit der Formel „Yes we can“ für die Demokraten und die sich als progressiv verstehenden Teile der amerikanischen Bevölkerung ausgelöst hat, jetzt durch Donald Trump auch das Lager der Konservativen und Republikaner beseelt. Dabei ist „We make America great again“ nicht etwa das rückständige oder düstere Zerrbild der Vision Obamas. Eher einer Vision einer großen Zukunft, dessen Vorbild die vergangene Größe ist. Man sucht das Heil nicht im Überkommenen sondern versucht überhaupt auf einen Status, vor allem des Wohlstands und der Prosperität zurückzukommen, der seitdem fühlbar und tatsächlich abgenommen hat, weshalb Trump genau in dem Lager Erfolg hatte, nämlich jener Menschen, die sich nicht als Gewinner sondern eher als Verlierer der inneramerikanischen aber auch weltweiten Entwicklung sehen.

Die haben auf ein Change, auf einen Wandel ihrer prekären oder bedrohten Lage gehofft und Trump Frau Clinton, bei der eigentlich kein großer Bruch der bisherigen Politik zu erwarten war, als glaubwürdiger vorgezogen, was die Möglichkeit anging eine Verbesserung ihrer Lage zu erreichen.

Im Endeffekt hat auch von Obama niemand erwartet, dass er eins zu eins darlegen könne, wie er sich seinen gesellschaftlichen Aufbruch, die Sicherung des Weltfriedens und Verbesserung der amerikanischen Beziehungen genau durchgeplant und durchgerechnet vorstellte. Auch den Friedensnobelpreis erhielt er einfach in der Hoffnung und in Gemahnung an sein Versprechen, nicht weil er den israelisch-palästinensischen Konflikt bspw. schon geschlichtet gehabt hätte. „Yes we can“ reichte aus. Einfach versuchen. Ich glaube auch nicht, dass Trump sein wichtigstes Versprechen, das Schaffen von Millionen neuer Jobs wird umsetzen können, aber er wird es versuchen und hat auch dabei erstmal die gleiche Chance wie Obama verdient, zu zeigen was er kann.

Wie gesagt im Endeffekt ist die Ironie der Wahl, dass jetzt die politische Gegenseite mit ihrem eigenen messianischen Hoffnungsträger gewinnen konnte. Und bei aller berechtigten Kritik an Trump zum Trotz, sollte er da jetzt nicht weniger als Obama die Möglichkeit bekommen, dass er den Traum, den er seinen Anhängern gegeben hat, in die Realität zu setzen versucht.

Viel mehr passt dieser Ausschnitt aus der Folge von South ParkObamas Eleven‚ aus 2008 nun in umgekehrter Weise für die Republikaner.

Während sie mit ihrem neuen Präsidenten die neue Zeit feiern, verziehen sich diesmal die Demokraten in den Bunker. Die Demokraten werden dann aber feststellen, dass die Welt nicht untergegangen ist, die Republikaner das eine harte Feier auch ein Kater folgen kann.

Das Moral-Problem

Bei allem gesagten und auch dem im letzten und diesem Beitrag genannten Punkten, die erklären, warum es unabhängig von Bauernfängerei und reiner Protestwahl für die Amerikaner auch gute Gründe gab auf die Vision wirtschaftlicher Prosperität und nationaler Stärke zu setzen, die Trump versprochen hat, so bleibt das Problem, dass diese Vision an einem bestimmter Person, nämlich der Trumps hängt und man sich eigentlich doch die Frage hätte stellen sollen, was für einen Menschen wähle ich da eigentlich und bei mir immer auch die Frage im Kopf war und jetzt auch bei vielen Europäern im Kopf ist, wie konnte es dieser Mann schaffen? Und wie nur konnten die Leute so jemanden wählen?

Nun sagt der Welt- und Moralbewegte sicher schon, dass allein die Pläne bezüglich eines härteren Vorgehens in der Einwanderungspolitik und die erzkonservativen Absichten in gesellschaftlichen Fragen wie der Anerkennung des Ehe- oder Adoptionsrechts für Homosexuelle schon die moralische Verwerflichkeit begründen. Ich hab das hier im Blog verschiedlichentlich implizit wie explizit bereits ausgedrückt, dass auch konträrere Positionen zu Diversity, zu Multi-Kulti und deshalb zu Einwanderung und auch in Gesellschaftsfragen nichts darüber aussagen, ob jemand ein schlechter Mensch ist und das diese Forderungen an sich nicht unmenschlich oder unmoralisch per se sind, sondern es auch darauf ankommt, was man wie in welchem Umfang und mit welchem Eifer umsetzt. Migration kritisch zu sehen und auch gegen Migration zu sein und Bestrebungen zu betreiben sie abzuwehren ist etwas anderes als Migranten zu beleidigen, durch die Straßen zu jagen, sie zu verfolgen und zu töten. Eine „Our State first“-Politik bedeutet nicht automatisch, niemals offen zu sein für Kompromisse, radikal und egoistisch auf Kosten anderer seine Interessen zu verfolgen oder gleich mit dem Gedanken der Unterwerfung oder Ausbeutung anderer Länder zu spielen.

Es sind also nicht per se Absichten, die sich in diese Richtung bewegen, sondern eher die Art wie sie umgesetzt werden sollen, die einmal Anlass dazu geben die moralische Integrität eines Politikers zu hinterfragen. Hier erschien Trump zumindest im Wahlkampf als Hasardeur dem eine gemäßigte und maßvolle Politik nicht unbedingt vorschwebte. was mir Sorgen bereitet. Auch gaben seine Auftritte immer wieder das Gefühl, dass er nicht unbedingt bereit ist, die Dinge in komplexen Kausalitäten zu durchdenken und anzugehen. Ich denke nicht, dass ihm dazu die Intelligenz fehlt, ich glaube nur er sieht nicht die Notwendigkeit dafür.

Auch hat Trump mit einem absolut ungebührlichen Verhalten gegenüber Mitkandidaten, Kritikern, Journalisten, mit schwersten Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen operiert, gehetzt und aufgewiegelt, wo es ihm dienlich erschien um seine Ziele verfolgen. Ein Mann der sich Fehltritte, unmenschliches und absolut derangiertes Arschloch-Verhalten geleistet hat, das in einer Gesellschaft, wie den USA, mit hohem Pietismus erstaunlicherweise nicht zu dessen Degradierung geführt hat, er im Gegenteil sogar damit durchgekommen ist und ins Weiße Haus einziehen konnte.

Er hat deutlich gemacht, dass er sich um Minderheiten einen Dreck schert, rassistisch, homophob sowieso sexistisch und frauenfeindlich denkt (vielleicht jetzt eingehegt von PR-Leuten nicht mehr unbedingt offen agiert) aber dennoch einen Einblick in seine hemdsärmelige egalistische Persönlichkeit gab, die einen Schaudern lässt. Auf dem Stuhl des Präsidenten hat ein andere Menschen verachtender Pöbler Platz genommen.

Also mal ganz unabhängig von der Politik, die man so oder so sehen und entsprechend wählen kann. Und mal ganz unabhängig davon, dass man auch um Beispiel hier in Deutschland auch Parteien wegen der politischen Überzeugungen, für die sie und man selbst steht wählen kann, auch wenn es schwarze Schafe oder unympathische Kotzbrocken unter den Frontleuten oder im restlichen Personal gibt. Aber ehrlich bei so einer Konzentration von schlechten Eigenschaften, Hemdsärmeligkeit bei einem so wichtigen Amt und der ganzen Unerträglichkeit des Verhaltens und des Gesagten erscheint es gerade bei einer Personenwahl wie dieser hier geradezu für mich völlig unverständlich, dass so jemand tatsächlich gewählt werden konnte.

Und gerade hier bin ich reichlich am Kopf schütteln über soviel Ignoranz (ich denke Dummheit wäre der falsche Begriff) gegenüber den menschlichen Qualitäten bzw. deren Nicht-Vorhandensein bei einem Kandidaten, jetzt Präsidenten Trump.

Die neue außenpolitische Unsicherheit

Auch wenn im Vorfeld viele Befürchtungen mit einer Wahl Trumps verknüpft wurden und selbst unsere Politiker nicht müde wurden, sich in den Wahlkampf der Amerikaner einzumischen und nachdem sie einen Präsidenten Trump schön in öffentlichen Interviews und Aussagen angefeindet haben, nun feststellen müssen, dass er ihnen womöglich in wenigen Monaten als Staatsoberhaupt und Regierungschef auf Gipfeln und an langen Tischen in Konferenzen sowie bei vertraulichen Konsultationen gegenüber sitzen wird. Ich will an der Stelle meine Hoffnung äußern, dass sich unsere Politiker demnächst derartige öffentliche Meinungen und Einmischungen in Wahlkämpfe fremder Länder verbitten. Denn die Situation könnte jetzt peinlich werden.

Tatsächlich ist trotz der genannten Aussagen und Untergangsprognosen eigentlich eines jetzt nach der Wahl deutlich geworden. Man weiß nämlich eigentlich gar nicht genau, was passieren wird und hat es auch vorher nicht gewusst. Trump hat nur wenig zur Außenpolitik zu sagen gehabt. Eine Aussöhnung mit Russland wurde angesprochen, eine härtere Linie gegen Iran (die sich aber eher aus einer bedingungslosen Pro-Irsrael-Politik speist, wo auch unsere Bundesregierung reichlich oft mit Samthandschuhen agiert hat und besser nicht allzu besserwisserisch auftreten sollte) und eine weniger interventionistische, stärker isolationistische Politik waren weitere Punkte. Trump hat in seiner Antrittsrede noch einmal betont, dass er Amerika eher als einen Partner unabhängiger Staaten als einen überwölbenden Hegemon verstehen wird.

Das ruft jetzt Unsicherheiten hervor, weil es mit der seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes verfolgten Linie der USA als globaler Sicherheitsgarant, globaler Demokratie-Leuchtturm und notfalls interventionistischer Hegemon zu sein bricht. Sowohl die Rolle in der Nato als auch der militärische Schutzschild gegenüber Zweit- und Drittstaaten wird ebenso wie die außenpolitischen und geostrategischen Interessen werden damit eine Neuordnung erfahren. Da Trump nicht einmal den Entwurf eines Kabinetts aufgestellt hat bisher, kann man weder an seinen dürftigen Aussagen noch vom Namen eines neuen Außenministers her erfahren, wie die Interessenlage und die bisherigen Bestandsgarantien für Taiwan, Japan und Süd-Korea im pazifischen Raum ausfallen. Die Frage danach also, ob dem Griff Pekings nach der Macht dort Tür und Tor geöffnet wird. Für Europa bedeutet es zumindest gegen Putin tendenziell weniger Schutz, wenn die Annäherung an Russland funktioniert, was Unsicherheiten und Aufrüstmentalität in Osteuropa stärken und die Ukraine destabilisieren könnte. Gleichzeitig könnte es ein Signal für Putin sein, aus seiner selbst eingeredeten Bedrohungssituation rauszukommen, könnte sich aber auch als Einladung herauszustellen, sich in Osteuropa noch mehr der alten Einflusssphäre sichern zu wollen.

In Syrien könnte es aber genau den Effekt haben, dass dort eine Schaffung von klaren und stabileren Verhältnissen einkehrt, auch wenn sie unter dem Zeichen einer Restauration der Assad-Diktatur geschehen, wenn die USA ihre Unterstützung auch für Rebellengruppen zweifelhafter Gesinnung einstellen, nur um dort einen Stellvertreterkampf mit Russland zu führen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen wenn das Ego eines Trump auf das eines Putin trifft, es zwar nicht gleich zu einem Krieg aber doch zu einer direkten und massiven Verschlechterung der Beziehungen in undiplomatischer Weise kommen kann.

Im Endeffekt aber bietet der Rückzug der USA Chancen insbesondere für Europa. Wir haben zulange die USA als selbstverständlich gehalten. Haben uns unter ihrem Schutz ausgeruht und haben uns selbst allzu willfährig zu ihren dienstbaren Geistern degradiert. Bündnistreue wurde zu Kadavergehorsam degradiert, nur einer transatlantischen Partnerschaft wegen, die die Europäer und unsere deutsche Regierung insbesondere der CDU lange Zeit unangemessen romantisiert haben. Fakt war, dass die Amerikaner schon in der Vergangenheit immer nur das getan haben, was ihren strategischen oder wirtschaftlichen Interessen dienlich war, dass nur besser kaschieren konnten. Ein Präsident Trump hat eigentlich nur die Maske herunter gerissen, mag uns jetzt aber auch die weiche Decke nehmen unter deren Schutz, wir uns nicht bekümmern mussten, um eine eigene politische Linie in Europa und unserem Umgang mit der Welt als auch in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik.

Es ermöglicht uns mehr Eigenständigkeit aber ohne das wir dafür die guten Beziehungen und das dennoch auf einer deutlich ähnlicheren Basis als mit Russland stehende Verhältnis mit einem transatlantischen Band mit den USA aufgeben müssen. Die neuen Unsicherheiten sprechen noch nicht für einen außenpolitischen Verfall der Stabilität in der Welt, da kann viel kommen, muss aber nicht unbedingt. Aber allein die Möglichkeit, dass Trump den traditionellen Isolationismus der USA eine neue zyklische Phase anfügt (solche Phasen gab es in der amerikanischen Geschichte immer wieder, also Trump tut da auch nichts noch nie dagewesenes), kann Chancen für Europa in der Welt bereithalten.

Fazit

Am Ende wird selbst ein Präsident Trump in seiner Willkürlichkeit immer noch von seinen eigenen begrenzten und überwachten Möglichkeiten eingegrenzt bleiben, aber er ist auch Präsident mit einer ansprechenden Vision zumindest für die eine Hälfte des amerikanischen Volkes. Es erscheint zwar unverständlich und fragwürdig, dass die Person Trump des Amt des Präsidenten bekleiden darf, doch sollte er jetzt, wo es geschehen ist, eine Möglichkeit bekommen seine Versprechen wahr zu machen versuchen oder scheitern und dabei zu beweisen, dass er auch maßvoll regieren kann und nicht als extremistischer Hasardeur. Die neue Unsicherheit in der Außenpolitik und die womöglich eintretenden Fakten können das bisherige Funktionsgefüge der Internationalen Beziehungen durcheinander bringen und zu Instabilität und Konflikten führen, können aber gleicherweise andernorts Entspannung festgefahrener Problemherde herbeiführen. In jedem Fall besteht für Europa jetzt die Chance darin, sich nach Jahrzehnten amerikanischer Hegemonie endlich aus der fälschlich romantisierten geradezu treudoofen Unterwerfungs- und Schülerhaltung zu emanzipieren und mit den USA als nahem Partner aber auf Augenhöhe mit eigenen Fähigkeiten zu begegnen.

Ich fürchte keinen Präsidenten Trump

Ein protofaschistischer Hardliner, der die Welt an den Rand des Abgrunds führen will und aus den USA eine Diktatur mit ihm als Herrscher machen wird? Die Vorwürfe gegen Trump sind Legion und heute wird gewählt. Trotz demoskopischen Vorsprungs von Frau Clinton, könnte Trump doch überraschend ins Weiße Haus einziehen? Warum ich keine Angst habe und warum wir die Sache entspannter sehen sollten.

Eine Reflexreaktion, die wir uns in jahrelanger Abarbeitung an unserer eigenen Geschichte erworben haben und die auch hier inländisch gegen gewisse Parteien immer auch wieder gepflegt wird, ist das schnelle Heranziehen des Vorwurfs des Faschismus. Aus diesem Vorwurf, ob begründet oder gar bewiesen oder nicht, leitet sich daraus dann mit einer am historisch einmaligen Machtergreifungsvorgang konstruierten Logikkette vermeintlich naturgesetzgemäß ein weiteres Handlungsmuster her: Nach der Machtergreifung folgen der Umbau des Staates in eine Diktatur und der Krieg.

Und heutzutage ist der Faschismus-Vorwurf dann auch ein probates Mittel, um damit jede populistische Bewegung zu überziehen, die sich nicht zuvörderst links gibt und man sie trotz ihrer Methoden für ihr gerechtes Engagement loben kann. Nun ist Populismus an sich eine schwierige Sache. Man kann darunter eine politische Taktik verstehen, sich an das Volk heranzuwanzen, um es als Steigbügelhalter zu benutzen. Es kann aber auch von „echter“ Überzeugung ausgehen, in dem der Kandidat die Interessen des Volkes wirklich vertreten möchte. Nur um das Thema kurz und unumfassend etwas anzustrahlen.

Wenn wir uns deshalb Trump ansehen, haben wir ihn mit seinem Charakter, seinen eigenen Überzeugungen und Ansichten, die er mehr oder weniger anstelle eines abstrakten, ideologisch-durchdachten Konzeptes zur Grundlage der Politik machen möchte. Für den Griff nach einer faschistischen Diktatur mit sich in der Führer-Rolle fehlt ihm der Weitblick und ich glaube auch das längerfristige Interesse. Trump erscheint vielmehr als Instinkt- und Willensmensch, der praktisch keiner größeren (ideologischen) Vision sondern einfach seiner Überzeugung in der jeweils konkreten Situation verpflichtet ist.
Seine Ansichten sind auf eine oberflächliche Art und Weise konservativ, nutzpatriotisch (der Staat als Mittel, nicht als Zweck) und zugleich libertär (gerade in wirtschaftlichen Zusammenhängen). Als Kandidat von außerhalb des Establishments und Mann aus der freien Geschäftswelt ist nicht nur ihm selbst das reglementierende Politsystem des Staates suspekt, sondern er wird damit auch zum Symbol seiner Anhänger, die zumeist auch im Staat wahlweise ein zudringliches Umverteilungs- oder Umerziehungsorgan sehen und in den im System befindlichen Politikern eine korrupte politische Klasse.

Im Endeffekt verkörpert Trump damit quasi seine Wählerschichten mit dem Unterschied, dass er als Unternehmer sehr viel wohlhabender ist, was allerdings dem amerikanischen Geist trifft und ihn zudem unabhängig macht gegenüber der Beeinflussung wohlhabender Lobby-Organisationen und ihn damit scheinbar vertrauenswürdiger mit dem durchaus fragwürdigen Polit-Gefüge der USA etwas härter umzuspringen. Härter umzuspringen bedeutet bspw. eine Begrenzung der Amtszeiten von Politikern in den beiden Kammern sowie Ruhezeiten vor dem Wechsel in die Wirtschaft, um Verfilzung und Interessenkonflikte zu vermindern. Als erfolgreicher Geschäftsmann mit einem Fokus auf einer Forderung nach der Stärkung der amerikanischen Wirtschaft (auch unter Einschränkung des Freihandels, was immo angesichts der fortschreitenden Deindustrialisierung der USA für dieses Land eine Maßnahme wäre, die man in Betracht ziehen kann) spricht er zudem der amerikanischen, weißen Arbeiterklasse aus dem Herzen, die allzu lang vernachlässigt wurden in Washington.

Für uns diesseits des großen Teiches mag die Ablehnung der allgemeinen Krankenversicherung (Obama-Care) in gerade diesen Schichten paradox erscheinen, das sie ja eigentlich – auf dem absteigenden Ast befindlich und von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen – davon profitieren. Allerdings sehen wir das tiefe Misstrauen gegenüber der Abhängigkeit von jemandem,  insbesondere dem Staat, und dem Wunsch der Eigenversorgung statt ‚Almosen‘, das den Amerikanern grundsätzlich Eigen ist, dabei nicht. Statt eine Versicherung, die ihre Nöte lindert, wollen sie lieber Arbeitsplätze, um für sich selbst  zu sorgen. Trump erscheint als die Figur, die das erfüllen soll.

Diese kurze Exkurs soll dazu dienen zu zeigen, dass Trump einerseits tatsächlich für einen nicht geringen Teil des amerikanischen Volkes spricht und auch ein paar vernünftige Idee hat, ganz im Gegensatz zu seinen Forderungen gegenüber Migranten, seinen Mauerbau vorhaben und seiner ansonsten geradezu proletarischen Vorgehensweise (ja liebe Linke, Prolet kommt von Proletariat und dazu gehört in der Regel nicht ein Basmati-Tee schlürfendes Bildungsbürgertum sondern auch die vermeintlich schmutzigen und dummen Leute, die vermeintlichen Rattenfängern hinterher laufen, aber vielleicht aus dem Grund, weil die Parteien, die ursprünglich mal ihre Interessen vertreten haben, nicht mehr dorthin wollen, „wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt“, dorthin wo das „Pack“ zu Hause ist).

Da wir ihn aber bereits als Proto-Faschisten abgestempelt haben, wird die libertäre demokratische Ansicht einer weitgehenden Schwächung politischer Institutionen zur Maximierung der Freiheit (was man jetzt von Libertären auch immer halten mag) ausgelegt als antidemokratischer gegen das System der Demokratie gerichtet Furor, obwohl sich dieser nicht gegen die Demokratie sondern eigentlich die Macht des Staates richtet. Ich empfehle dazu sich mal mit Thoreau und dem Konzept des Nachtwächterstaates auseinanderzusetzen.
Und weil bei einem Faschisten der Wille zum Krieg naheliegt (den wir eigentlich nur aus einer historischen Kausalität ableiten) wird natürlich direkt darüber gesprochen, dass Trump wohl mit seinen nervösen Fingern allzu eilfertig Rote Knöpfe drücken könnte. Tatsächlich hinterließ er zuletzt im ganzen Gegensatz zur Kandidatin Clinton den Eindruck, dass er Amerikas Kriege beenden und dessen militärisches Engagement zurückfahren wolle. Europa läuft zwar Gefahr damit vor Russland allein gelassen zu werden, allerdings der stärkere Isolationismus-Kurs Trumps könnte in eine Phase deutlich geringerer amerikanischer Intervention im Rest der Welt führen, eingeschlossen einen Interessenausgleich mit Putins Russland, allerdings einer stärkeren harten Kante gegenüber den Atombestrebungen des Irans.

Was man allerdings nicht erwarten kann ist, dass er Rücksicht nehmen wird, nicht auf Konkurrenten, nicht auf politische Gepflogenheiten und nicht auf faule Kompromisse. Er wird weiter wie ein Elefant durch den Porzellan-Laden stolpern aber am Ende wird auch er sich am stahlharten Gehäuse der Wirklichkeit stoßen. Was der Kandidat Trump verspricht und als Präsident wahrscheinlich sogar umzusetzen versuchen würde, muss spätestens dann immer noch die Mühlen des alten politischen Systems durchlaufen, dass seiner vermeintlichen Entmachtung und allen anderen von Trumps Ideen oder Exzessen überhaupt zustimmen muss und sie womöglich, wenn sie nicht rundheraus blockiert werden, noch erheblich modifizieren wird.
Trump wird feststellen, dass die USA zwar immer noch ein Global Player sind, aber sich selbst so nicht mehr ohne Rücksicht auf die Gestaltungsmacht Chinas, Russlands und anderer aufstrebender Staaten mehr Politik machen lässt, nicht einmal Isolationspolitik, die die Chinesen vllt. ihrerseits mit dem Ausschluss amerikanischer Produkte kontern.

Insgesamt wird der Einfluss den Trumps Präsidentschaft auf den Rest der Welt, also auch auf uns haben wird, keinesfalls zu den Weltuntergangsszenarien hinreichen, die ihm jetzt im willfährigen Versuch einen als problematisch identifizierten Kandidaten zu torpedieren, unterstellt werden. Selbst wenn Trump gewählt wird, was angesichts der derzeitigen Demoskopie reichlich, reichlich mit dem Glück zugehen müsste, wird die Welt sich morgen weiterdrehen, und übermorgen und auch wenn nach dieser Legislatur ein anderer Präsident sein Amt übernehmen wird.
Panik ist für unsere Sache nicht angebracht und das schlimmste was den Amerikanern bevorsteht, sind weitere Jahre des Stillstandes und gegenseitigen Blockierens und einer Spaltung des Landes, die allerdings auch eintritt, wenn Trump nicht gewählt werden sollte.

Nur fürs Protokoll übrigens: Ich halte Hillary für die bessere und geeignetere Kandidatin und war auch schon 2008 der Meinung, dass sie und nicht Obama den besseren Präsidenten abgegeben hätte.