Vaclav Havel über Zuhausesein

Ich habe dieses kurze Essay erst vor einigen Monaten entdeckt, als mir im Verkauf von Gebrauchtbüchern meiner Universitätsbibliothek ein alter Sammelband zum Thema Nationalismus in die Hände fiel. Dieser kurze Aufsatz hat mich nachhaltig beeindruckt, weil er ein gut formuliertes und meinen eigenen Überlegungen entsprechendes Bild von dem zeichnet, was die Nation ist. Ein komplementäres Element jedes Einzelnen, seiner Identität, die so bewahrenswert ist, wie sein Eingebundensein in Familie, Staat und Europa. Ein Element, dass ebenso wichtig, nicht wichtiger ist, als die anderen, dem man entsprechend aber auch sein Recht geben muss.

Ich wollte euch diesen wunderbaren Artikel nicht vorenthalten und werde ihm im folgenden in ganzer Länge einstellen.


Havel, Vaclav: Zuhausesein. In Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus. Hrsg. v. Michael Jeismann & Henning Ritter. Leipzig: Reclam 1993. S. 129 – 132.

übersetzt aus dem Tschechischen von Joachim Bruss.

Zu dem, was moderne Philosophen >>Lebenswelt<< nennen, gehört auch die Kategorie des Zuhauses. Jan Patocka hat sie schon vor dem Krieg analyisiert. Für jeden Menschen ist das Zuhause eine der grundlegenden existenziellen Erfahrungen. Was der Mensch als sein Zuhause wahrnimmt (im philosophischen Sinne), kann man mit einem System konzentrischer Kreise vergleichen, in dessen Mitte sich unser >>Ich<< befindet. Mein  Zuhause ist der Raum, in dem ich einige Zeit lebe, an den ich mich gewöhnt habe und den ich sozusagen mit meinen Duftmarken überzogen habe. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß für mich selbst die Gefängniszelle auf ihre Weise ein Zuhause war und ich es imme rals eine große Beeinträchtigung empfand, wenn ich plötzlich in eine andere umziehen mußte. Diese sah zwar absolut genauso aus wie die vorhergehende, ja sie konnte sogar besser sein, nichtsdestoweniger empfand ich sie als etwas Fremdes und Feindliches, fühlte mich in ihr zunächst entwurzelt und von Fremdheit umgeben, und es dauerte eine gewisse Zeit, bevor ich mich in ihr eingerichtet hatte, mic zu Hause fühlte und meine Sehnsucht nach der vorhergehenden loswurde.
Mein Zuhause ist das Haus, in dem ich lebe, die Gemeinde oder die Stadt, in der ich geboren wurde oder in der ich mich aufhalte, mein Zuhause ist meine Familie, die Welt meiner Freunde, das gesellschaftliche Millieu, in dem ich lebe, mein Beruf, mein Betrieb oder Arbeitsplatz. Mein Zuahsue ist selbstverständlich auch das Land, in dem ich lebe, die Sprache, die ich spreche, das geistige Klima, das mein Land hat und das die Sprache vergegenwärtigt, die man darin spricht. Das Tschechische, die tschechische Art der Wahrnehmung der Welt, die tcheschiche historische Erfahrung, die tschechische Art des Mutes und der Feigheit, der tschechische Humor – das alles ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil dieser Sedimente meines Zuhauses. Mein Zuhause ist also für mich auch mein Tschechentum, das heißt meine nationale Zugehörigkeit, und es gibt keinen Grund, warum ich mich zu diesem Teil meines Zuhauses nicht bekennen sollte, hat es doch für mich dieselbe existentielle Selbstverständlichkeit wie beispielsweise meine Männlichkeit.
Mein Zuhause ist allerdings nicht nur mein Tschechentum sondern auch mein Tschechoslowakentum, also meine Staatsangehörigkeit. Mein Zuhause ist dann auch Europa und mein Europäertum und – endlich – dieser Planet und dessen gegenwärtige Zivilisation sowie verständlicherweise auch diese ganze Welt. Doch nicht einmal das ist alles: Mein Zuhause sind auch meine Bildung und Erziehung, meine Gewohnheiten, das soziale Millieu, in dem ich lebe und zu dem ich mich bekenne: wäre ich in einer politischen Partei, wäre ohne Zweifel auch ssie mein Zuhause.

Ich glaube, daß jeder dieser Schichten des menschlichen Zuhauses das zuerkannt werden muß, was ihr zusteht, es hat keinen Sinn, die eine im Namen der anderen zu bestreiten oder auszuschließen, als weniger wichtig oder weniger wert zu interpretieren. Sie gehören alle zu unserer Lebenswelt, und eine gute gesellschaftliche Organisation muß sie alle angemessen respektieren und allen Gelegenheit zur Entfaltung geben. Nur so kann Raum entstehen für eine freie Selbstverwirklichung des Menschen als Mensch, zur Verwirklichung seiner Identität, denn alle Schichten unseres Zuhauses, ebenso wie unsere ganze Lebenswelt, sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer selbst und ein nicht wegzudenkendes Mittel unserer Selbstindentifizierung als Mensch; ein von allen Schichten seines Zuhauses entblößter Mensch wäre ganz seiner selbst, seines Menschseins entledigt.
Ich bin für ein politisches System, dessen Grundlage der Bürger ist mit all seinen grundlegenden Bürger- und Menschenrechten in ihrer universalen Gültigkeit, als auch i ihrer allgemeinen Gleichheit (aufgrund dessen kein Angehöriger dieser oder jener Rasse, dieses oder jenes Volkes, Geschlechtes oder religiösen Bekenntnisses mit anderen Grundrechten als andere ausgestattet sein darf), ich bin also für das, was man Bürgergesellschaft nennt.
Dieses Bürgerprinzip wird heute häufig als Widerspruch zum nationalen Prinzip gesehen, als ob es die Schicht unseres Zuhauses übersehe oder unterdrücke, die von unserer nationalen Zugehörigkeit gebildet wird. Ich glaube, dies ist ein grobes Missverständnis. Ich bin für das Bürgerprinzip, gerade weil es dem Menschen am besten ermöglicht, sich mit sich selbst zu identifizieren und sich selbst in allen seinen schichten der Zugehörigkeit zu seinem Zuhause zu verwirklichen, Freude an allem zu haben, was zu seiner Lebenswelt gehört, nicht nur an einem Teil davon. Einen Staat auf einem anderen als dem Bürgerprinzip begründen, zum Beispiel auf einem ideologischen, nationalen oder religiösen, bedeutet, eine bestimmte Schicht unseres Zuhauses über andere zu erheben, uns also als Menschen einzuschränken, unsere Lebenswelt zu beschneiden. Die meisten Kriege oder Revolutionen sind aus einer derartig eindimensionalen Konzeption des Staates entstanden. Ein Staat, der im Gegenteil auf dem Bürgerprinzip begründet ist und der den Menschen und seine Lebenswelt in seiner ganzen Breite und Schichtung respektiert, ist von seinem Wesen selbst her ein friedliebender und menschlicher Staat.

Ich will also die nationale Determinante des Menschen keineswegs bestreiten, ihre Legitimit oder ihr Recht auf vollständige Selbstverwirklichung, ich lehne bloß die politischen Konzeptionen ab, die im Namen und im Interesse dieser Determinante andere Schichten des menschlichen Zuhauses, andere Schichten des Menschseins und andere Menschenrechte als das Recht auf eigene Nationalität unterdrücken möchten. Und mir scheint, daß eine Bürgergesellschaft, auf die moderne demokratische Staaten allmählich hinarbeiten, genau das ist, was dem Menschen im gesamten Spektrum seiner Determinanten und in der gesamten Vielschichtigkeit seiner Lebenswelt Raum gibt und damit auch  den Ebenen seiner Selbstidentifizierung.
Die Bürgergesellschaft, die auf der Universalität der Menschenrechte begründet ist, ermöglicht es uns nälich am besten, uns als alles das zu verwirklichen, was wir sind, also nicht nur als Angehörige unseres Vilkes, sondern auch als Angehörige unserer Familie, unserer Gemeinde, unserer Region, unserer Kriche, unseres Berufsverbandes, unserer politischen Partei, unseres Staates unserer überstaatlichen Gemeinschaft – und das alles, weil sie uns vor allem als Angehörige des Menschengeschlechtes versteht, also als Menschen, als konkrete menschliche Wesen, deren individuelles Sein seinen primären, natürlichsten und zugleich universalsten Ausdruck in ihrem Status als Bürger findet, in ihrem Bürger-Sein im weiteres und tiefsten Sinne des Wortes.Die Souveränität der Gemeinde, der Region des Volkes, des Staates, jegliche höhere Souveränität hat nur dann Sinn, wenn sie von der in der Tat einzigen originalen Souveränität abgeleitet ist, nämlich von der Souveränität des Menschen, die ihren politischen Ausdruck in der Souveränität des Bürgers findet.

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Über Seldis

Ich bin ein politischer Denker auf der Suche nach neuen, positiven Interpretationsweisen nationalen und nationalistischen Denkens. Diese theoretische Denkschule soll einerseits wiederbelebt andererseits in Anknüpfung auch an frühere theoretische Konzepte und Modelle vom Ballast übersteigerten und extremistischen Denkens des Nationalsozialismus befreit werden. Mein Ziel hierbei soll es sein eine patriotisch-nationale Perspektive als Alternative zum ewiggestrigen Denken neonazistischer Gruppen zu eröffnen. Ich würde mich in diesem Kontext selbst als Linksnationalist bezeichnen wollen.
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