Sieferle, Rolf Peter: Finis Germania – Rezension & Skandal

Dies ist eine partielle Rezension von mir zu Sieferles Nachlass-Werk Finis Germania und eine Rückschau auf den darum betriebenen Skandal, inklusive einer Erklärung der kontroversesten Zitatstellen aus dem Buch.

Dies ist eine partielle Rezension von mir zu Sieferles Nachlass-Werk Finis Germania und eine Rückschau auf den darum betriebenen Skandal, inklusive einer Erklärung der kontroversesten Zitatstellen aus dem Buch.

Ich schreibe diesen Beitrag als eine Art partikularer Rezension, die ich auch, sofern es mir die dortigen Richtlinien gestatten, auch auf Amazon zur Verfügung stellen will. Statt einer umfassenden Betrachtung des Werkes, will ich mich inbsesondere jenen Abschnitten und jener Polemik widmen, die dieses kleine Heftchen in eine Reihe mit Hitlers Mein Kampf stellen sollte und richtet sich daher an jene Unentschlossenen, die womöglich nur die tendenziöse Presseberichterstattung verfolgt haben; jene Berichterstattung, die die Realität der dort gebrachten Zitate, der in jeder Form unzureichend oder womöglich sogar böswilligen interpretatorischen Entstellung untergeordnet haben. Wer bisher aus gutem Glauben an jene Verisse vielleicht deshalb mit dem Kauf noch zögert, um sich nicht dem vermeintlich aus den Seiten triefenden braunen Brei auszusetzen, will ich hiermit ansprechen.

Um das Aufhebens um Sieferles Buch zu verstehen, muss man einerseits wissen, dass wir es hier mit einem kleinen Sammelband kurzer Gedankenspiele, Fragmenten, anekdotischer und akademischer Betrachtungen über einen langen Zeitraum zu tun haben, die eine Monographie wahrlich nicht gerechtfertigt hätten, so als hätte der Autor jene ausformulierten Gedanken zu Aspekten des Zeitgeschehens und Zeitgeistes gesammelt und uns eben als eine Anthologie hinterlassen. Man muss auch wissen, dass Rolf Peter Sieferle im vergangenen Jahr Selbstmord beging und „finis germania“ posthum erschienen ist. Ein Bändchen kaum großformatiger als eine Taschenbibel, nur nicht annähernd so eng bedruckt und auch nur mit rund 100 Seiten. Ein Band der, wenn man ehrlich ist, kaum die Aufmerksamkeit wert gewesen wäre, die ihn eine zeitlang an der Spitze der Amazon-Bestseller hielt, wäre nicht ein lächerlicher Skandal darum betrieben worden, der sich dann zu einem echten veritablen Skandal bezüglich Meinungsunterdrückung entfaltete.

Um dem Tenor meiner Ausführungen vorwegzugreifen, verbirgt sich in Sieferles Nachlasswerk kein Nazi, kein zweiter Hitler oder Rosenberg. Ein Konservativer, Rechts-Konservativer vielleicht und offenbar auch mit den Wassern des Christentums gewaschener Historiker, kurzum das, was man in früheren Zeiten als das konservative Rückgrat der CDU bezeichnet hätte und was heute in gänzlicher Indifferenz dieser politikwissenschaftlich erfassbaren Begrifflichkeiten als Nazi verbrämt wird, als rechtsextrem oder rechtsradikal etikettiert wird und eigentlich nur meint: Jemand der Gedanken, Überlegungen oder Überzeugungen hat, die gemäß eines sich zunehmend hegemonial entfaltenden linken ehtischen Reinheitsgebots im besten Fall kauzig oder weltfremd im schlimmsten Fall als unsäglich und gefährlich eingestuft werden. Wenn es überhaupt tolerabel ist dann hinter vorgehaltener Hand oder in den Schmutzecken, in denen man seine Gegner gerne wähnen möchte.

Er ist auf jeden Fall jemand, den man nicht dort haben möchte, wo man über das (moralisch) Erhabene und Gute sprechen will: dem z.T. links-progressiv angepinselten Elfenbeinturm der Kultur oder in unserem speziellen Fall der Sachliteratur. Nun war Sieferle ein streitbarer aber kultivierter und akademischer Mensch, sein Text durchaus auch erfüllt mit einer lesenswerten sprachlichen Qualität und keine Plebs, wie die versammelten Kritiker sie bei besagten Demos in Dresden oder kürzlich auch in Berlin finden und mit dem wohlklingenden und kulturell wertvollen Begriff „Pack“ beschreiben wollen. Aber bleiben wir bei der Sache.

Ein solcher Gesprächskreis kommt im Rahmen des Kulturprogramms des NDR monatlich zusammen, um eine Liste mit Buchempfehlungen zusammenzustellen: Kenner, Genießer und eben auch Kulturjournalisten, die nach den Modus operandi des NDR über Entscheidungs- und Wahlfreiheit verfügen und entsprechende Unabhängigkeit seitens der großen Medienanstalt garantiert bekommen haben und mittels eines persönlichen Punktekontingents die Platzierung von Büchern auf jener Hitliste der höheren Kultur beeinflussen können.

Nun wagte es einer der Beteiligten, Johannes Saltzwedel, ein Journalist des SPIEGEL, gegen jene Etikette des rosa-roten Elfenbeinturmes dadurch zu verstoßen, dass er ein dem jetzigen Zeitgeist zumindest als kontrovers gegenüberstehendes Buch begründeter Weise auf jene Liste setzte. Ein Buch das Kontroverse aufwirft, in Zeiten in denen der Korridor des Sagbaren sich immer weiter verengt, erscheint eigentlich selbst jedem Unbedarften als eine passable Idee. Die sich daran anschließende mediale Hysterie zeigt eigentlich mehr als deutlich, dass es auch mehr als nötig war.

Nicht nur, dass die Entscheidung für einen als rechts geltenden Autor an sich schon Zweifel an der Integrität jenes Juroren aufwarfen, wobei rechts hier synonym mit Nazi begriffen wurde oder zumindest in dessen unmittelbarer geistiger Nähe, nein da war ja auch noch dieser unsägliche Text, aus dem im medialen Kreuzfeuer dann auch noch jene Bosheit heraus zitiert wurde, die offenkundig machen mussten, dass dieser Text in den geistigen Giftmüllschrank und sicher nicht auf eine Empfehlungsliste gehört (etwas zu dem ich gleich komme). Und war es deshalb nicht allenthalben gerechtfertigt die virtuellen Bluthunde loszulassen? Dramatisch? Nicht unbedingt.

Parallel zur medialen Entrüstung war man nämlich bestrebt jenen Nestbeschmutzer so schnell wie möglich dingfest zu machen, damit sich jene öffentliche Empörung ein greifbares Ziel suchen konnte und nicht etwa an der Jury oder gar dem NDR haften bleiben würde. Wenn man erstmal Opfer des eigenen Nazi-Narrativs hätte werden können (Staatsanstalt empfiehlt Nazi-Literatur) ist es besser man schlachtet einen Sündenbock. Wie ernst der NDR nämlich die Zusicherung von Unabhängigkeit und Freiheit der Jury und ihrer Entscheidungen nahm, ließ sich an der Empfehlung an den – damals noch nicht bekannten – >>Täter<< ablesen, doch bitte seinen Rücktritt von der Jury zu nehmen. Was inzwischen geschah und mit schadenfrohem Gegurre goutiert wurde.

Was als das schon bekannte Treiben der abgehalfterten Nazi-Sau durch die ranzigsten publizistischen Dörfer begann und in der Nachschau einer Reise durch Hysteria gleichkam, wurde durch den offensiven Versuch der Diskreditierung des Autors, des Textes und des Jurors, der in Teilen eröffneten Hexenjagd und dem ausdrücklichen Aufruf zum Boykott zu einem echten Skandal, nämlich publizistischer Einflussnahme auf den Bereich des Sagbaren, der aber – die Schadenfreude sei mir an dieser Stelle vergönnt – genau den gegenteiligen Effekt hatte. Begrüßenswerter Weise zeigte er, dass Menschen noch immer zu einem selbstständigen und kritischen Denken in der Lage sind und auch bereit waren mit dem Geldbeutel dem an Zensur grenzenden Versuch der Diskursausgrenzung eine Absage zu erteilen. Im Endeffekt bescherte er dem Text einen Verkaufserfolg, der dazu hinreichte die Amazon-Bestseller eine Zeit anzuführen und auch auf der Sachbuchliste des SPIEGELs zu landen, nur um dann von dort aus ideologischen Gründen entfernt zu werden, was Kritik aus der Branche (uA von Henryk M. Broder) nach sich zog und nur noch abgerundet wurde, von einer allzu selbstentlarvenden Darstellung von SPIEGEL-GrandenDarstellung von SPIEGEL-Granden. Im Versuch sich zu rechtfertigenden zeigten diese, dass selbst ein rein rationales auf Verkaufszahlen basierendes Instrument, wie besagte Sachbuchliste, doch dem politischen Reinheitsgebot zu unterwerfen ist. Der Streisand-Effekt in idealtypischer Form.

Und dies führt mich nun zu jenen vermeintlich tiefbraunen Unsäglichkeiten des Textes zurück, die heranzitiert wurden, um die unbewältigten Gedankenverbrechen des Herrn Sieferle zu beweisen, der aufgrund seines Ablebens nicht mehr in der Lage war, die an ihn herangetragenen widerwärtigen Vorwürfe selbst zu entkräften. Diese gar als Beleg dafür dienen sollte, wie es einige Kommentatoren unter jenen tendenziösen Machwerken halten wollten, das wir es hier mit einem Text auf der Stufe eines Mein Kampf oder eines neuen Breivik Manifestes zu tun haben. Oh wie schön ist es offenbar in Hysterien?

Tatsächlich stammen die in den meisten Artikeln zitierten Passagen einzig aus dem mit „Mythos VB“ übertitelten 16 Seiten umfassenden Abschnitt, in dem sich Sieferle seinerseits kritisch mit dem Nachleben des deutschen Antisemitismus, also dem Anti-Anti-Semitismus auseinandersetzt und dabei in eine ähnliche Kerbe schlägt, wie es ein Henryk M. Broder tat, der schon vor einer Weile die ritualhafte Erstarrung der dt. Erinnerungskultur einem ebensolchen Blick unterzogen hatte, bspw. bei der Frage, ob die deutsche Nationalmannschaft einen (wenn auch zweifellos lehrreichen) Pflichtbesuch in Auschwitz absolvieren sollte, als in Polen eine Meisterschaft zu bestreiten war.

Sieferle beschäftigt sich, anders als ihm vielfach in der Rezeption verkürzt unterstellt wurde, nicht mit der Relativierung der NS-Verbrechen und der deutschen Aufarbeitung, leugnet gar den Holocaust sondern greift, was wohl die eigentliche Kontroverse ist, die quasi-religiösen Auswüchse eines Erinnerungs- und Schuldkultes an, der Auschwitz zum zentralen Kern seiner eigenen Legitimation und Offenbarung erhoben hat.

Dabei entblödeten sich entsprechende Zitationen nicht, die getroffenen Aussagen möglichst in ein negatives Licht zu rücken, zitierten aber eigentlich so, dass einem aufmerksamen Leser jederzeit aufgehen müsste, was Sieferle eigentlich sagte.

Besonders anstößig, wenn man nach der Zahl der Zitierungen geht, empfand man wohl die Aussage[1]:

„Der Nationalsozialismus, genauer Auschwitz ist zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden.“

Ein Mythos, ein Irrealis, haben wir hier mal wieder einen ewiggestrigen Holocaust-Leugner vor uns, der entweder die Schwere des Verbrechens oder gar seine Existenz leugnet? Nur dumm, dass jene Medien meistens dann auch Sieferle direkt anschließende Definition in der Regel sogar mitzitierten[2]:

„Ein Mythos ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Er braucht sich nicht zu rechtfertigen, im Gegenteil: Bereits die Spur des Zweifels, die in der Relativierung liegt, bedeutet einen ernsten Verstoß gegen das ihn schützende Tabu.“

Auschwitz und oder NS, so Sieferles Einschätzung unterliegen einer fortschreitenden Mystifizierung, die einer aufklärerischen im engsten Sinne wissenschaftlichen Betrachtung entzogen sind und zwingend entzogen werden müssen.

Der Zweck des Mythos war es seit jeher, einen unzweifelhaften Sinn in einer unübersichtlichen oder chaotischen Realität zu stiften. In gleichem Maße in der die Rationalisierung der Welt voranschreitet und alte Gewissheiten moralischer oder spiritueller Natur wegbrechen, Lebenssinn zu einer raren Ressource wird, ist die Gesellschaft nach wie vor darauf angewiesen, gemeinsame Bilder und Narrative, schlechthin Mythen, zu erzeugen, um sich selbst zu erklären und zu legitimieren. Die USA haben den amerikanischen Traum und Nachkriegsdeutschland hat in Sieferles Sinn den Nationalsozialismus und Auschwitz. Liest man nämlich zum Ende des Abschnitts und greift nicht im Sinne größerer Skandalisierung ein paar kontroverse Aussagen aus dem Gesamtbild, so findet man vielleicht eine streitbare aber nicht mehr gar so plakativ obszöne Aussage[3]:

„Jede Geschichtskonstruktion ist das Werk einer Gegenwart, die damit bestimmte ideologische Ziele verfogt, nach Sinn sucht oder konkrete Freund-Feind-Verhältnisse feststellen möchte. Bei dem heute so populären Auschwitz-Komplex handelt es sich offenbar um den Versuch, innerhalb einer vollständig relativistischen Welt ein negatives Absolutum zu installieren, von dem neue Gewißheiten ausgehen können. >>Auschwitz<< bildet insofern einen Mythos, als es sich um eine Wahrheit handelt, die der Diskussion entzogen werden soll. Dieser Mythos hat allerdings einen wesentlich negativen Charakter, da dasjenige als Singularität fixiert werden soll, was nicht sein soll. Daher trägt die sich auf diesen Komplex stützende politische Bewegung auch einen negativen Namen: Antifaschismus.“

Womit könnte man die Geschichte des Nachkriegsdeutschlands und die Haltung der meisten Bundesbürger zu ihrem Staat, ihrer Vergangenheit, Zukunft und Identität als Angehörige des Tätervolkes besser überschreiben als mit „Nie wieder Auschwitz“? Schon sind wir beim Kern der Sieferleschen Ausführungen. Nicht um das reale Auschwitz geht es, das nur am Rand, sondern um das Narrativ Auschwitz oder das Narrativ Nationalsozialismus. In einem Rückgriff auf biblische Verhältnisse, da sich eine Parallelität des Bildes von der Erbsünde mit der singulären (Erb-)Schuld des Tätervolkes zu ergeben schien, zeigt Sieferle die quasi religiöse, gar christliche Natur des Auschwitz-Mythos auf.

Nicht Auschwitz selbst wird zu etwas Irrealem, das Verbrechen nicht zu einer Imagination, sondern eine Imagination mit religiösem Anklang, die sich im Kern anti-rational um dieses reale Ereignis herum konstruiert, ist das, was Sieferle hier kritisiert. Es wird unmöglich in einer anderen Form über Auschwitz, die deutsche Schuld und Verantwortung nicht allein in der Vergangenheit, sondern in Gegenwart und auch in der Zukunft zu sprechen – die angesprochene „Normalisierung“ – ohne damit in einen ideologisch, wenn nicht längst religiös aufgeladenen Deutungsbereich zu stechen und zurückgestochen zu werden von einem Apparat, in dem die Erinnerungspflege eigentlich zu einem eingeübten Ritual geworden ist. Sieferle dazu[4]:

„Die rituelle Verkündung präsentiert keinen >>neuen<<, keinen >>originellen<< Text (ihr spezifischer Informationsgehalt muß – bei Strafe der Empörung – gegen null gehen), sondern eine Gemeinde von Gläubigen wird zur Andacht versammelt. Der Inhalt der vorgetragenen Geschichte bleibt ewig neu und immer wahr, er kann und darf nicht vergessen werden, sondern ist permanent von neuem zu erzählen. Die endlose liturgische Repetition einer immergleichen Geschichte beschwört deren unverlierbare Aktualität. Das Erste Gebot aber lautet: Du sollst keinen Holocaust neben mir haben. Das Ritual der Vergangenheitsbewältigung besitzt Züge einer veritablen Staatsreligion.“

Im Endeffekt jede Beschäftigung, jede nüchtern wissenschaftliche Betrachtung, jede Lossagung von den Ketten der Vergangenheit auch seitens jener Generationen, die nicht einmal mehr einen Ur-Großelternteil kannten, der noch besagte Zeit miterlebt hat, trägt bereits den Keim und Gefahr eines Rückfalls in sich. und gemeint ist nicht, niemals nicht Lehren aus der Geschichte zu ziehen, sondern sich von der Vergangenheit nicht die Zukunft diktieren zu lassen. In jedem Sinn der Wörter unaufgeklärt und unsouverän verhält sich, und das kritisiert Sieferle, die infantile gedankliche Selbstverstrickung, wenn es den Deutschen um ihre Vergangenheit oder ein Deutschenbild abseits oder im ergänzenden Widerspruch zum reinen Täterbild geht. Wie verwanden sich Kommentatoren bei einer an sich harmlosen Abendproduktion, wie „Unsere Mütter, unsere Väter“? Deutsche nicht als Täter bzw. nicht nur? Darf man das? Und in diesem Dürfen steht das Narrativ der Schuld an erster Stelle. Auf was anderes als einen Mythos Auschwitz beziehen sich Aussagen der Art „Unsere Geschichte verbietet oder gebietet uns“ ein bestimmtes Tun oder Unterlassen und das nicht in Form einer reflektierten Analyse sondern einer unumstößlichen, selbstevidenten Gewissheit, die nicht vorgeschlagen und zur Diskussion gestellt, sondern verkündet wird?

In der gleichen gedanklichen Linie befindet sich auch Sieferles andere sehr häufig zitierte Aussage, nämlich die über den Bau von Gedenkstätten. Der ein oder andere Betrachter mag vielleicht sensibilisiert gewesen sein, als ein AfD-Spätzünder es noch einmal wissen wollte mit diesem alten CDU-Debattenthema aus den 90ern und frühen 2000ern als es um das Stelenfeld in Berlin ging und mag angesichts dieser Worte Sieferles, die dazu zu passen schienen, nochmal krätig in die Papiertüte inhaliert haben, aber schauen wir uns das auch noch kurz an[5]:

„Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird.“

Ob die Zuschreibung des Vornehmens von Zuschreibungen richtig ist, lassen wir mal als legitim in Frage stellbar stehen, im Endeffekt rezipieren die Gedenkstätten aber natürlich, dass jene Millionen Juden nicht einfach so tot umfielen, sondern Opfer eines Verbrechens manifester Täter geworden sind. Die Interpretation der Kommentatoren machte aber aus dem ganzen Komplex einen Vorgang als hätte Sieferle die Chuzpe besessen in Frage zu stellen, ob die Juden ihren ermordeten Volksgenossen legitimerweise gedenken dürften oder zu kritisieren, wie sie es tun. Tatsächlich befindet sich der Abschnitt aber in jener erwähnten Analogie zum christlichen Schuldkomplex und bezog sich auf auf im Satz davor angesprochene Kathedralen, die Manifestationen und Symbole des christlichen Heilsgeschehen und Gedenkstätten an Christus, den ermordeten Gott, sind. Auch wenn der christliche Glaube in einer Zeit der Abkehr, zumindest europäischer Menschen, von der Religion auf dem Rückzug ist und zunehmend unverständlich wird, erregen diese Bauwerke nach wie vor Erstaunen und tragen zu einem zumindest plakativen Fortleben christlicher Symbolik und Heilssprache bei, über das Sterben der Religion hinaus. Und Sieferle trifft die Vermutung, dass es dereinst mit den Gedenkstätten ebenso gehen könnte, wenn die Deutschen verschwunden sind. Er schreibt dazu[6]:

„Nachdem das reale Deutschland untergegangen ist, bleibt es als Mythos dauerhaft erhalten. Die Fellachen aber, die heute in den Ruinen seiner Städte ihren Geschäften nachgehen, konnten gerade dadurch in die Geschichtslosigkeit versetzt werden, welche Basis ihres pragmatischen Erfolgs ist. Hier zahlt sich die Abgebrühtheit aus, welche die permanente Konfrontation mit einem Mythos erzeugt: Die Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt, mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mußten, mit dem Antisemitismus zurechtzukommen.“

Damit verdeutlicht er, dass neben ihrer reinen Baugewalt, die Kathedralen auf einen nicht oder nicht mehr christlichen Besucher kaum mehr eine Wirkung ausüben, das heilsgeschichtliche Portfolio, das sich in Christus oder in biblischen Szenen als Teil des Wand-, Altar- oder Fensterdekors unverständlich bleibt. Aus dieser Analogie ist herauszulesen, dass die Bedeutung, eindeutig kultischer Natur, die die Deutschen dem Holocaust beimessen, keineswegs eine universale, von ihnen losgelöst in der Realität verankerte Tatsache ist, sondern eine mythische Überhöhung. Was für den Deutschen eine ewige historische Monstranz ist, ist in anderen Teilen der Welt und deren historischer Rezeption, kaum mehr eine Fußnote, wenn überhaupt bekannt. Auf dem Holocaust fußende moralische Belehrungen verfangen bei einem unbeteiligten Chinesen so wenig, wie christliche Heilsmoral basierend auf Christus‘ Sühneopfer bei jemandem, der einem ganz anderen Gott zugetan ist. Der Nazi wird eher zum Gegenstand der Popkultur: Vermarktbar oder als ewiger Nazi in jeder gewünschten Debatte aus dem Hut ziehbar.

Die Gedenkstätten des Holocaust oder des Nazi-Übels mögen also für die „Fellachen“, die dann und wann in den deutschen Städten leben werden, kaum mehr verständlich oder gänzlich unnütz sein. Wer sich klar macht, von wem der Antisemitismus unserer Zeit überwiegend ausgeht, bekommt einen sehr eindrücklichen Geschmack davon auf die Zunge, wie es nach dem erwünschten oder erhofften Verschwinden der Deutschen um die vermeintliche universale Auschwitz-Lehre bestellt sein wird.

Ich entschuldige mich an der Stelle, dass ich dem Rest des Buches nur noch eine summarische Betrachtung widmen werde, aber ich denke jene „Kontroversen“ dürften wohl für einen möglichen Käufer die drohendste Abschreckung gewesen sein, wenn er nur den hysterischen Anfall der Literaturpresse mitbekommen hatte, die offenbar selbst in ihrem Furor anderen zu verleiden dieses Buch bloß nicht zu lesen, wohl auch selbst Abstand davon genommen hatte, mehr als ein paar Blicke hinein zu werfen.

Der überwiegende Rest sind Sieferles Sentenzen zu verschiedenen Themen sind auch keine rechte Kampfansage, wie manche Kommentatoren meinten, eher ein kulturkritischer und kulturpessimistischer Abschlusssermon. Neben der Kritik am modernen Künstlertum, das mehr nur noch von der Selbstvermarktung und Image des Künstlers weniger vom Wert der Kunst lebt. Wir haben kritische Passagen zu Fragen der Deutschen Wiedervereinigung und sozialer Gleichmacherei und einen Roten Faden einer fortgesetzten Entzauberung eines irrationalen aber zuweilen dogmatischen und alternativlosen Fortschrittsglaubens verbunden mit der Kritik an einer Aufzehrung geistiger aber auch materieller Ressourcen und der damit verbundenen Krisen. Eine Kritik nicht allein an der linken sondern an einer liberalen Welt. Nicht dem Projekt von Freiheit, sondern einer Freiheit, die sich zunehmend selbst ihre Grundlagen entzieht oder einer Freiheit die schlussendlich in der Freiheit von sich selbst im Sinne einer materiellen und geistigen Selbstentleibung gipfelt. Nicht das Loblied auf den Totalitarismus ist das Ziel sondern ein Schwanengesang auf den Ist-Zustand.

Im Endeffekt liest man, gerade wenn man über Mythos VB (und auch dort) hinausgeht, wenig, was nicht längst Themen oder Ansichten von allgemeinerer Verbreitung wären, das auch hier der eingesetzte Beißreflex überrascht. Wie Thomas Assheuer in einem Veriss für Die ZEIT schreibt, sind viele der Positionen Sieferles nicht einmal originär rechte Positionen oder Positionen auf die rechts exklusives Monopol hätte (so als müssten wie in früherer Zeit die ideologischen Lagergrenzen in allen Belangen klar widersprüchlich sein, damit man weis wo der Feind steht?), wir finden sie manchmal sogar deutlich schärfer formuliert ebenso in der liberalen und vor allem auch in linken Kreisen. Auch wenn Assheuer das ganze mit einem ominösen „Sound dünkelhafter Verachtung“ umrahmt (zugeben einen gewissen Elitismus kann man dem Intellektuellen Sieferle nicht absprechen, aber wir waren ja schon beim „Pack“) wird klar, dass das Problem vornehmlich eigentlich darin besteht, dass ein rechter Autor sich geäußert hat und dank des mutiges Beitrags eines Journalisten zur Weitung des Meinungskorridors, oder zumindest mit der Bereitschaft auch mal jenseitig rechts des politischen Meridians nach diskutablen Ansichten zu schauen, auch im Mainstream wahrgenommen wurde. Auch wenn das Buch, nicht allein für originär rechts denkende Menschen, wenig Überraschendes oder Neues enthält und an sich selbst auf so einer Empfehlungsliste die Aufmerksamkeit nicht wert gewesen wäre, diesen Skandal jedoch auf jeden Fall nicht.

Wenn aber dieser Vorgang einen derartigen Skandal und einen derartigen Beißreflex auslöst, erkennt man, wie eng der Korridor des Sagbaren tatsächlich geworden ist. Man unterstütze, allein um jene Mahner, die meinen man möge in dieses gefährliche, quasi entartete, Buch nicht hinein schauen, zu ärgern aber auch um jenen Korridor zu weiten, dieses Buch mit einem Kauf. Darüber hinaus kann man gerne auch den einen oder anderen Blick hinein werfen, um sich davon zu überzeugen, dass sicher so einiges darin steht, aber die Endlösung der Meinungsfreiheit gewiss nicht dazu gehört.


[1] Sieferle, Rolf Peter: finis germania. 2. Auflage. Schnellroda: Antaios Verlag 2017. S. 63.
[2] Ebd. S 63 f.
[3] Ebd. S. 79 f.
[4] Ebd. S. 70.
[5] Ebd. S. 77.
[6] Ebd.