Die Courage der Emilia S. oder Wie man Denunzianten erzieht

Eine Schülerin aus Dresden zeigt einen Mitschüler wegen Nazi-Sprüchen an und erhält dafür einen Preis für Zivilcourage. Handelte sie richtig und war es alternativlos? Und welches Zeichen setzt die Auszeichnung ihres Verhaltens?

Neben dem Verfassungsgerichtsurteil zur Anerkennung von Intersexuellen, bewegte noch ein ganz anderes Thema Twitter-Deutschland in den letzten Tagen. SPIEGEL Online (und inzwischen dutzende weitere Medien) berichtete von einer couragierten Schülerin aus Dresden, der ein Preis dafür verliehen worden war, sich gegen Rechtsextremismus an ihrer Schule eingesetzt zu haben, in dem sie einen ihrer Mitschüler wegen Volksverhetzung anzeigte.

Nun gingen, als ich diese Meldung so langsam erstmal von der Überschrift ausgehend verarbeitete, verschiedene Gedankengänge in mir vor. Zunächst, wie das dieser Tage ja auch üblich geworden ist, nahm ich an, da hätte sich ein Islamkritiker oder jugendlicher AfD-Unterstützer allzu freizügig geäußert, denn das reicht ja in der Medienlandschaft heutzutage schon aus, um mit dem wertvollen Prädikat Nazi bedacht zu werden. Und die erste reflexhafte Reaktion war in die Tastatur zu tippen: „Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant.“

Ich rief den Artikel auf und las dann mit einigem Erschrecken, was sich dort abgespielt hatte. Heiteres und beschwingtes, offenbar unreflektiertes und weitestgehend unwidersprochenes Kokettieren mit Nazi-Symbolik und insbesondere anti-semitischen Äußerungen bzw. Witzen. Als die Schülerin versucht hatte zu widersprechen, wurde sie mit Äußerungen gleicher Art angefeindet. Da war mein Gedanke dann: Das ist schon sehr harter Tobak und dagegen ist ein Vorgehen durchaus berechtigt, notwendig und richtig. Wie schwer man das im Einzelnen nehmen muss? Kann man diskutieren, dass man es aber diskutieren muss, ist wohl unstrittig.

Ich lese im Artikel also weiter und warte auf das Unvermeidliche: „Die Schule schaute weg“ oder etwas in der Art, was man bei solchen Artikeln sonst ganz häufig findet. Das Verhalten Einzelner kann ja nur in einer Umgebung gedeihen, die dies toleriert, unterstützt oder erst hervorbringt. Selten kommen solche Courage-Artikel schließlich ohne einen Brückenschlag zu systemischen Zerwürfnissen aus. Auffallend ist jedoch, dass nicht nur diese Konstruktion unterblieb sondern die Anzeige sich nahtlos an den eigenen gescheiterten Interventionsversuch der Schülerin anschließt, womöglich auf die ihr gegenüber gemachten Äußerungen auf Social Media bezogen. Da hat man ja für eine Anzeige etwas Handfestes nunja zur Hand.

Stattdessen, so der Eindruck, eine unvermittelte Anzeige, gegen einen Mitschüler und dafür wird ihr dann auch noch ein Preis verliehen? Obwohl sie sich an dem Preisgeld nicht selbst bereichert hat, kehrte doch schnell für mich der Gedanke zurück: „Der größte Lump im ganzen Land…“. Doch gleichzeitig blieb natürlich das Gefühl bestehen, im Grunde war es richtig, dass sie gehandelt hat. Nähern wir uns mal dem Vorfall im Detail.

Alters- und Klassenkontext

Zunächst ist es, denke ich, hilfreich sich den Kontext zu vergegenwärtigen. In der anschließenden Diskussion gab es dazu zwei, wie ich auch finde, relevante Positionen: das Alter bzw. die Altersgruppe der Protagonisten und der pubertäre Schockeffekt. Ich denke das Alter können wir anhand vom Alter der Schülerin (15) auf zw. 14 bis 16 Jahre anpeilen, also eine gewisse geistige Unreife voraussetzen. Der Einwand sie müssten, wenn richtig erzogen, wissen was richtig und was falsch ist, mag dann gerade beim zweiten Einwand besonders eine Rolle spielen: das Kokettieren mit dem Verbotenen oder Schockierenden. Am Rande mag die Frage des Humors ebenfalls noch eine Rolle spielen.

Was das Alter angeht, befinden wir uns mitten in der Pubertät und damit auch mitten in einer Phase pubertärer Abgrenzung zum Elternhaus, zu Autoritäten und zu gesellschaftlichen Autoritäten und Konventionen. Die emanzipative menschliche Entwicklungsrebellion sozusagen. Den guten Geschmack und die Höflichkeit zu ignorieren oder bewusst zu verletzten ist gerade das erklärte Ziel. Die Phase ist insofern ich-bezogen, dass daraus folgende weitere Konsequenzen ignoriert werden. Wichtig ist die Selbstdarstellung, was interessiert mich, wer sich dadurch provoziert fühlt, ist schließlich sein Problem. Gerade auch gegen die Erwartung, dies achten zu müssen, wird mitunter ja auch rebelliert. Das Bewusstsein für andere kehrt erst mit Durchlaufen der Pubertät wieder zurück. Für die Ich-Entwicklung mag es auch in dieser Phase nützlich sein, sich vor allem auf sich selbst zu konzentrieren und wenn es im Austausch mit anderen geschieht.

Die Provokation ist dabei das Bewährte und auch nötige Mittel der Abgrenzung. Die Verletzung der Konventionen und Normen ist immer provokant und aus der (ablehnenden) Reaktion anderer und der anerkennenden Reaktion der Peers zieht man den Entwicklungsselbstwert. Was provozierend ist, differiert hingegen natürlich mit der Zeit, was es im Endeffekt nämlich Eltern trotz der Tatsache, dass sie auch mal in der Situation waren, schwierig macht, über die Provokationen ihrer eigenen Kinder hinweg zu sehen, weil auch ihre eigenen Provokationen dereinst andere waren. Unsere Gesellschaft befindet sich dabei in einer sagen wir besonders zwiespältigen Situation. Eigentlich befinden wir uns in einer Gesellschaft, die in Folge der 68er viel klassisch Anstößiges überwunden hat, dass es vielleicht noch eine gerümpfte Nase oder verdrehte Augen auslöst, aber wohl nur noch selten einen handfesten Familienzwist. Gleichzeitig erzeugen in der Folge der linken 68er Revolution deren Erben heutzutage ein neues, ebenso enges Moralkorsett, wie das, das die 68er überwinden wollten, und mutieren ebenso zu, diesmal linken, Moralspießern.
In beiden Fällen ist der Rechtsextreme, der Neo-Nazi (der frühere Skin-Head) oder zumindest dessen Pose wohl nicht nur ein Evergreen provozierender Jugendkultur sondern sogar die maximale Provokation, die man heutzutage einnehmen kann. Einen KZ-Witz zu machen hat den Ruch des Verbotenen, des Anstößigen und damit des Coolen. Und wer jetzt zurecht meint, am Holocaust sei nichts cool oder witzig, bestätigt schon den damit zu erzielenden Zweck.

Auf Humor will ich an der Stelle gar nicht so tief eingehen, erstens weil ich kein Experte bin und er zweitens geschmacksabhängig ist. Man muss nicht jede Geschmacklosigkeit als schwarzen Humor verbrämen, wie es halbwegs oft aus Rechtfertigungsgründen geschieht, aber auch abseitiges oder geschmackloses kann als witzig empfunden werden. Auch hier gilt, dass dabei der Geschmack mit dem Alter reift. Über so einige Dinge, über die man sich als Kind oder junger Erwachsener noch herrlich amüsieren konnte, erscheinen einem später banal, dumm oder peinlich. Der allgegenwärtige Penis- oder Furzwitz. Und es werfe der den ersten Stein, der auch noch nie über den Lepra-Kranken in der Badewanne als Brausetablette gelacht hat. Sonderlich anständig ist auch der nicht, und ich führe ihn nur an, um ein Beispiel eines Holocaust-Witzes zu vermeiden, den man vielleicht auch einmal lustig oder zumindest edgy fand.

Zurück aber zur Nazi-Pose. Ich kenne aus meiner Schulzeit beides, also Leute die ein bisschen mit dem Nazi-Auftreten oder Stil oder gar mit der politischen Richtung kokettieren, die aber eigentlich nicht politisch sind bzw. häufig auch gar kein Wissen, keine Parolen, nicht einmal politische Reflexion mitbringen und einfach das Bad-Guy-Image mit klischeehaften Platitüden schauspielern. Und ich kannte auch echte Nazis, schon in jungen Jahren Opfer ideologischer Verblendung oder Indoktrination. Und manchmal waren die Grenzen fließend. Häufig war es bei ersteren aber nur eine Phase, wenn sie nicht von den Ideologen ausgenutzt wurde, um ihnen Ideologie einzutrichtern.
In einem Gespräch lässt sich denke ich relativ gut herausfinden, ob es um Style und mangelndes jugendliches Reflexionsvermögen geht oder ob man es mit jemandem zu tun hat, der tatsächlich dabei ist ein Weltbild aufzubauen und zu verinnerlichen bzw. als Mitläufer zu teilen.
Dazu kommt auch, dass eine gewisse rechtsextreme Phase wie bei manch anderen auch eine linksextreme Phase häufiger dazu gehört. Nicht nur in der Provinz. Ich habe von einer Bekannten, mit der ich über den Vorfall gesprochen habe, ähnliche Geschichten über sich und auch ihre großtädtische Klasse gehört. Wenn Jugendliche häufiger als stramm ideologisch indoktriniert eines sind, dann politisch fluide und formbare Menschen, die neben Kleidung und Auftreten, verschiedenen Alltagsrollen auch politische und argumentative Rollen ausprobieren.

All dies gehört zum Kontext und sollte beachtet werden, wenn wir uns diesen Fall nun noch einmal anschauen.

Andere Möglichkeiten bleiben ungenutzt

Wir können uns noch einmal die Situation im Klassenraum vergegenwärtigen. Offenbar gehörte das Kokettieren mit Nazi-Symbolik dort zum Alltag und wenn besagte Schülerin aufgrund einer stärkeren Empathiefähigkeit bzw. Sensibilisierung für das Thema davon angewidert war, musste das eine belastende Situation sein. Zugleich hat sie in der Sache Recht. Nazi geht nicht, sollte es auch nicht nur zum Spaß (vielleicht auch gerade das nicht), dafür ist das Thema zu Ernst, aber wie gesagt darauf nehmen Jugendliche nicht zwanghaft Rücksicht oder nehmen das sogar als Anlass. Etwas sollte unternommen werden, es musste etwas unternommen werden.

Doch was wurde unternommen? Sie hat ihre Mitschüler, wie wir dem Artikel entnehmen können, konfrontiert, ihr Missfallen geäußert und das nicht so stehen lassen und das ist eine gute und richtige Sache. Stellung beziehen, Meinung äußern und dazu stehen. Das Verhalten ihr gegenüber war in den Worten widerlich. Manch einer mag beim Lesen des Artikels auch den Eindruck gewinnen, es sei um Einschüchterung oder Drohung gegangen. Man kann aber gemessen am Kontext auch herauslesen, sie, die offenbar mit dem Thema zu reizen ist, weiter zu reizen und gruppendynamisch zu zeigen, dass sie nicht dazu gehört. Wer kennt es nicht: Spaßbremse, Spießerin. Nun sind angesichts von Gruppendruck, von Mobbing und Cyber-Mobbing freilich auch Aggressionen im direkten Umgang als auch auf Social Media ein heißes Eisen, für das man auf Social Media die Möglichkeit hat zu blocken, zu melden und zu sperren. Aber es ging ja um einen manifesten Nachweis für Volksverhetzung, zu der wir gleich noch kommen.

Wenn der Artikel, wie oben beschrieben, einer Sache mangelt, dann nach der gescheiterten persönlichen Intervention, eine Vertrauensinstanz einzuschalten. Der Verweis darauf das Eltern, Klassen- oder Vertrauenslehrer oder die Schulleitung involviert worden wären, fehlt in der Berichterstattung völlig und ich kann daher nur davon ausgehen, dass dies unterblieben ist.
Als Lehramtsstudent kann ich sagen, dass die Schule im besten Fall auch ein Ort ist, an dem Schüler gerade auch in politischen Dingen Meinungen, Argumente oder Ansichten in einem sicheren Umfeld ausprobieren können sollten. In dem also auch Anstößiges diskutiert oder dafür sensibilisiert werden kann, ohne das man mit den Maßstäben des Erwachsenenalltags bereits Werturteile und Verurteilungen über Menschen fällt, die sich noch in ihrer geistigen (und politischen) Entwicklung befinden. Die souveräne Reaktion einer Lehrkraft bspw. auf einen Schüler der Adolf Hitler für einen großen Staatsmann hält oder eine Diktatur für ein besseres Regierungssystem sollte nicht allein die Moralkeule sein, sondern im Klassenverband solche Thesen, Argumente oder Behauptungen argumentativ anzugehen. Dabei kann und muss eine moralische Dimension als Argument eine Rolle spielen, aber nicht als ein Argumentationstotschläger. Der Schüler bzw. die gesamte Klasse soll als Teilnehmer eines auf die spätere Gesellschaft vorbereitenden Probediskurses keine Angst davor haben, Meinungen zu äußern und auch argumentativ zu verteidigen und Lehrer sollte nicht nur sondern muss eine argumentative, präskriptive Indoktrination allein schon seines Berufsethos wegen vermeiden, aber auch um eben mündige Menschen zu erziehen.

Kommen wir aber von der Argumentation zu direkten, beleidigenden oder menschenverachtenden Problemfällen wie diesem zurück, da kann auch hier der Lehrer klärende oder belehrende Gespräche anberaumen, wie bei jeder Prügelei. Es können Eltern einbezogen werden, die mit ihrem Kind spreche, oder ganz gewichtig kann eine Lehrerkonferenz tagen oder das vor die Schulleitung kommen, sollte das Problem systematischer Natur sein, wo sich als plakativer (aus meiner Sicht eher hilfloser Maßnahme) ein Aufklärunsbesuch in eine nahegelegene Gedenkstätte anbietet. Nur, um einen kurzen Überblick über die Möglichkeiten zu geben, die man in diesem Problemfall oder bei Konflikten in der Klasse ergreifen kann. Ich alter Mann, zu meiner Zeit, haben wir uns eben diesbezüglich initiativ dann Lehrern oder den Eltern anvertraut und die hätten dann so etwas in Gang setzen können.

Und all diese Möglichkeiten sind unterblieben. Stattdessen hat die Schülerin in Umgehung all dieser Möglichkeiten ganz offenkundig überreagiert. Wenn Gespräche mit Eltern, mit Lehrern und dort noch eine ganze Bandbreite an sich daran anschließenden Möglichkeiten erzieherischer, aufklärender und deeskalativer Art möglich gewesen wären, dann ist das Einschalten der Polizei vor allem eines: übermäßig und maximal eskalativ. Die Arbeit der Polizei ist es nämlich nicht zu erziehen, nicht zu bilden und nicht zu deeskalieren, sondern in diesem Fall Ermittlungen einzuleiten, die zu einer Bestrafung führen soll. Es ist verständlich und gut das das Mädchen gehandelt hat, doch wie sie gehandelt hat, ist in jeder Form falsch. Den Zweck das Klassenklima zu verbessern oder die Einstellung ihrer Mitschüler zu verändern, wird es sicher nicht haben. Sie hat sich als Petze (und der Begriff wäre angesichts des Einschaltens der Polizei vermutlich noch zu milde) im Klassenverband isoliert und höchstens über den Modus der Abschreckung ein Klima der Angst erzeugt, dass schlussendlich durch Furcht vor Konsequenzen ein anderes Handeln erzwinggt, nicht eine wirkliche Einsicht.

Etwas Küchen-Moralisierung

Da es hier um eine Rechtsverletzung geht, wie steht es in diesem Fall mit der Moral? Ich bin kein Jurist, kein Richter und kann den Fall daher juridisch schlecht beurteilen, freilich aber muss sich eigentliche Sinn eines Gesetzes natürlich auch jedem Bürger erschließen können. Es muss klar sein, welche Rechtsgüter auf welche Art geschützt werden sollen und ob zumindest der Sinn des Gesetzes sinnvoll zur Anwendung zu bringen ist. Was hier greift ist Volksverhetzung. Dieser Tatbestand wurde in der jüngsten Vergangenheit – im Fall Stürzenberger – missbraucht, um ganz entgegen dem Sinn des Gesetzes, Meinungszensur zu betreiben. Er ist daher auch schon in der Auslegung ein heißes Eisen.
Der Sinn des Gesetzes ist es aber im Gepäck mit Regelungen gegen nationalsozialistische Organisationen und Symbole vor allem eines: ein Wiederaufbauen des Nationalsozialismus bzw. ein Wiederaufleben nationalsozialistischen Gedankenguts durch Propagandisten zu verhindern und ebenso zu verhindern, dass durch öffentliche Propaganda wieder Pogrome und Menschenjagden stattfinden können, das Volk also verhetzt bzw. aufgehetzt wird.
Die Rekonstruktion eines menschenverachtenden Systems und der Aufruf zu Gewalt gegen Menschen bzw. Gruppen von Menschen ist etwas Unmoralisches, ich denke darauf kann man sich verständigen und wenn das Recht dafür eine Strafe vorsieht, sollte man sie auch in Anspruch nehmen können. Doch ist die Frage, ob das in diesem Fall im verständigen Sinn des Gesetzes zutrifft. Man müsste dem angezeigten Mitschüler, praktisch der ganzen Klasse unterstellen, überzeugte Nazis zu sein, man müsste unterstellen, dass sie tatsächlich vorhätten und willens zu sein Juden ins Gas und ins Krematorium zu schicken und dies nicht nur zu sagen, weil es „edgy und cool“ sei.

Ich denke einer ganzen Schulklasse ein ausgeformtes nazistisches Weltbild mit Sendungsabsicht bzw. Sendungsbewusstsein zu unterstellen, dürfte wohl jedem als hanebüchen erscheinen und tatsächlich gingen die konkreten Äußerungen des angezeigten Mitschülers scheinbar nicht über das Niveau des allgemeinen Tons in der Klasse hinaus. Seine Äußerungen war nur dokumentiert und damit für eine Anzeige und ein Verfahren nachweisbar.
Dem moralischen Sinn des Gesetzes nach müssten wir also dem Jungen unterstellen er wäre ein ideologischer Propagandist, der gezielten Hass gegen Juden schürt, mit der Absicht seine Klasse, zumindest gibt es einen gewissen Rahmen von Öffentlichkeit der für Volksverhetzung gegeben sein muss, aufzuwiegeln. Ob man das jedoch unterstellen kann ist fraglich und ob selbst dann nicht gerade angesichts des Alters die vorgestellten erzieherischen Methoden nicht die bessere Wahl wären, muss man da auch fragen.
Gewonnen ist tatsächlich nichts außer der Strafe. Kein diskursiver, kein erzieherischer Aspekt, völlig losgelöst vom Alterskontext und dazu womöglich noch eine Vorstrafe. Ein derartiger Eintrag ins Führungszeugnis, angesichts der allgemeinen antirechten Linkshegemonie mag da auch schnell mal die Zukunft zerstören.
Und einen Mitschüler den Autoritäten zu melden, ihn anzuschwärzen, auch wenn die Klassenkameradschaft von ihm zuvor verletzt wurde, hat gewisse unsittliche Züge. Und da nimmt das Verhalten der Mitschülerin eine unmoralische Dimension an, für die man sie freilich nicht verurteilen sollte, denn sie handelte in einer eigenen Zwangslage.

Die Erzeugung eines Denunzianten-Klimas

Was aber auf jede Art befremdet ist, dass ihr dann sozusagen als Legitimation ihres eigentlich unsittlichen und übertriebenen Handelns dann dafür ein Preis verliehen werden soll. Die entsprechende Inititative hat einen klaren Anti-Rechts-Bias und dieser beschränkte sich nicht allein auf den durchaus ehrenwerten Kampf gegen Nazis sondern zeigt, dass im Fokus auch, vielleicht vor allem, die Bekämpfung Andersdenkender steht.

Was mit der Ehrung des überzogenen, eskalativen Verhaltens der Schülerin tatsächlich gefördert wird, ist ein Klima des Anschwärzens und Denunzierens. Doxxing, also die Unsitte persönliche Daten von Personen öffentlich zu machen und dies meist mit einem Handlungsaufruf zu garnieren, blüht nicht umsonst in linken Kreisen (gerechterweise muss ich hinzufügen: aber auch nicht nur dort). Es wird damit Denunziantentum kultiviert. Die Botschaft dieser Preisverleihung ist nämlich nicht, setze dich ein, bemühe dich um Dialog und zeig Haltung, löse das Problem niedrigschwellig und deeskalativ. Nein die Botschaft dieser Preisverleihung weist in eine ganz andere Richtung.

Werde zur Ratte, schwärze Mitschüler (vielleicht auch Freunde, Kollegen oder womöglich auch Familienmitglieder) gegenüber dem Staat, seinen Einrichtungen oder staatsnahen Stiftungen an und du wirst belohnt. Was zuvor ein privater oder im Fall der Schule halb-privater Bereich (mit besonderem Schutz) gewesen ist, in dem solche Dinge persönlich und zwischenmenschlich einvernehmlich geklärt werden können, wird damit in übergriffiger Weise zur Angelegenheit öffentlicher Autorität gemacht.
Wir erleben die Wiederaufrichtung eines Gesellschaftsklimas, in dem das freie Sprechen gerade im persönlichen Nahbereich damit wieder verstärkt der öffentlichen und gesellschaften Normenkontrolle unterworfen wird. Die Zeiten in der Bürger, gar Kinder, mit Lob und Belohnung dazu verlockt wurden, ihre Mitmenschen zu verraten, auszuspionieren und anzuzeigen und ihnen einzureden, damit auch noch ein gutes Werk für die richtige Sache zu tun, sind scheinbar schon lange her. Zumindest lang genug, dass die Medien statt eines Schreis der Empörung loszulassen, dieses Verhalten als Zivilcourage feiern und nicht merken, dass das Staatsdenunziantentum schleichend wieder eingeführt wird.

Die Maßstäbe für das Gute mögen sich geändert haben und eine Schülerin ist noch nicht die Stasi, doch sollte man sich nicht täuschen, dass das Gesellschaftsklima ein vergleichbares ist. Dieser Preis für dieses Verhalten trägt direkt dazu bei, dieses Verhaltung zu legitimieren und zu fördern. Und dieses Verhalten steht in einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die bereits im Netz für die Stummschaltung, Löschung oder Sperrung missliebiger Meinungen in Form von Videos, Tweets, Kommentaren oder Beiträgen im deutschen Raum um sich greift. Der Sprung in die reale Lebensumwelt ist nur ein weiterer kleiner Schritt und die Übergänge sind hier längst fließend, wenn Äußerungen im Netz als Anlass genommen werden, mit der gleichen vorgeschobenen Courage Arbeitgeber, Vermieter oder Partner unter Druck zu setzen, sich doch bitte von demjenigen zu trennen, dessen Meinungen nicht passen. Wir sprechen hier nämlich längst nicht mehr nur von klaren Nazi-Äußerungen wie hier in diesem Fall. Es kann schon reichen, wenn jemand Sympathien gegenüber der AfD erkennen lässt. Und schon wissen wir nämlich, wohin sich diese Sache hier entwickelt. Nämlich mal abgesehen von der Denunziantenkultur, die hier gezüchtet wird, geht es ja um Nazis und die würde niemand ernsthaft verteidigen wollen. Aber längst schon geht es eben nicht mehr nur um Nazis. PEGIDA, über die ich zwar selbst in der Vergangenheit Kritisches geschrieben haben, war ebenfalls bereits im Visier. Generell wird unter der Verwischung der Grenzen von Nazismus, Rechtextremismus und Kritikern der Islamisierung oder der Asyl- und Migrationspolitik Stimmung eben gegen alles gemacht, was einen rechten Bias hat. Ob dahinter tatsächlich Extremismus, Rassismus, Faschismus oder Antisemitismus stecken, ist egal.

Fazit

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Schülerin zwar hehre Absichten hatte und gewissermaßen in einer Zwangslage steckte, die ein Handeln erforderlich machte, doch einen Mitschüler direkt anzuzeigen, kann einfach kein Weg für ein deeskalatives Miteinander und eine Lösung des Problems sein, gerade wenn noch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten vom Gespräch mit Lehrern oder Eltern bis hin zur Lehrerkonferenz möglich gewesen wäre, bevor man rechtliche Schritte hätte in Betracht ziehen müssen. Und das gerade angesichts des Alters der Schüler.

Dem Fass den Boden schlägt jedoch aus, dass die unglückliche Schülerin im Zuge einer Courage-Preisverleihung zum propagandistischen Aushängeschild der Legitimierung, Normalisierung und sogar Förderung von Denunziation auch im privaten Raum gemacht wurde. Kann man es der Schülerin noch verzeihen und Verständnis für ihre Situation aufbringen, wird ihr Handeln hier jedoch zum moralisch wünschenswerten Impetus erhoben. Damit wird ein (linkes) Klima des Anschwärzens und Verleumdens weiter kultiviert. Was sich vorgechoben gegen Nazis richtet kann auch bald alle in rechter Richtung Andersdenkenden betreffen. Allein um einen Rückfall in Zeiten der Stasi, und sei es nur in den Anfängen, zu verhindern, bleibt doch der Satz richtig: Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant!

Daher wil ich den Beitrag an dieser Stelle mit dem berühmten Zitat von Martin Niemöller beschließen:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Werbeanzeigen

Über Seldis

Ich bin ein politischer Denker auf der Suche nach neuen, positiven Interpretationsweisen nationalen und nationalistischen Denkens. Diese theoretische Denkschule soll einerseits wiederbelebt andererseits in Anknüpfung auch an frühere theoretische Konzepte und Modelle vom Ballast übersteigerten und extremistischen Denkens des Nationalsozialismus befreit werden. Mein Ziel hierbei soll es sein eine patriotisch-nationale Perspektive als Alternative zum ewiggestrigen Denken neonazistischer Gruppen zu eröffnen. Ich würde mich in diesem Kontext selbst als Linksnationalist bezeichnen wollen.
Dieser Beitrag wurde unter SPIEGELblick, Tagesgeschehen abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s