Schlandsknechte Özil & Gündogan – Fußballmärchen von der Integration

In Deutschland entsteht so langsam erste WM-Stimmung trotz erster Vorrunden-Niederlage gegen Mexiko. Es wird Zeit noch einmal einen Blick auf die sogenannte Trikot-Affäre von Gündogan und Özil zu werfen im Hinblick auf die symbolische Bedeutung der Nationalmannschaft und das Märchen von der Integration durch den Fußball.

Da wir jetzt so langsam in die Fußball Weltmeisterschaft hineingleiten und die Stadt angefüllt ist mit lustig in patriotischen Farben geschmückten Menschen mag ich mir doch noch ein paar Worte zum Özil- und Gündogan-Vorfall gönnen. Ich hatte seinerzeit als die Geschichte noch frisch war, schon meine Meinung dazu, auch zu der wiedergutmachenden Inszenierung oder zumindest dem Versuch einer solchen bei Steinmeier. Was mich jetzt eher zu ein paar offenen Worten reizt ist ein Interview, das Gündogan geführt hatte. Das war mir die Tage untergekommen und hat mich jetzt doch bewogen hat, hierüber zu schreiben.

Ich muss direkt zugeben, ich bin nicht sonderlich fußballbegeistert. Eher im Gegenteil. Mein Vater war/ ist Fan von Borussia Dortmund, ich hab mit ihm früher dann und wann Spiele im Fernsehen geschaut, tue das auch heute noch hin und wieder und bin ebenso bei diesem Verein geblieben. Einen Fan würde ich mich nicht nennen, ich wüsste aber auch nicht, warum ich Spiele einer anderen Mannschaften schauen sollte. Weltmeisterschaft war eine andere Sache. Da ich nicht sonderlich sportinteressiert bin, vom Schwimmen mal abgesehen, ging das in meiner Kindheit völlig an mir vorbei. Für den letzten großen Sieg Deutschlands vor dem Stern von Brasilien war ich deutlich zu jung. Das Dazwischen hat mich nicht interessiert. Das Phänomen Fußball-WM kam – wie wahrscheinlich bei vielen – im Zuge des sogenannten Sommermärchens über mich. Public Viewing ein ganzes Land im Fußballfieber, ein Volksfest quasi mit schönen und epischen Bildern.

Manch einem politischen „Patrioten“ ist der Fußball-Patriotismus zuwider. Man gibt sich da als politischer Aktivist gerne avantgardistisch. In gewisser Hinsicht sind wir das für die neue patriotische Bewegung auch, aber dieses elitäre Herabschauen auf Leute, die die Freude am Land auf einer niedrigschwelligen Ebene genießen, die diesen Event-Charakter ausnutzen für ausgelassene Feiern, behagt mir nicht, ist mir auch zuwider. Die Rechten empfinde ich in dieser Angelegenheit manchmal als Spiegelbild linker Fahnendiebe und moraliner Kleinredner, die auch beim „Gaucho-Gate“ des letzten großen Turniers wenigstens noch auf die Feierstunde den zurechtstutzenden Rassismus-Stempel drücken konnten, wo doch schon ihre Unkenrufe acht Jahre zuvor, Lügen gestraft worden waren und während des südamerikanischen Turniers nur mehr lächerlich wirkten. Man hatte sein Haar in der Suppe und die Welt war wieder in Ordnung. Während es für Otto-Normal-Fußballverbraucher unverständlich blieb, lechzte die „Öffentlichkeit“ nach einem Anlass, der es möglich machte, den Moment des Triumphs, zur Einhegung eines womöglich überschäumenden Natiionalgefühls, mit einer erbaulichen volkserzieherischen Empörung und Gemahnung zu verzieren. Die kleine Alberei eines Gaucho-Tanzes wurde dann zum Zeichen für einen langen Weg, der noch voller Ressentiments wäre.
Endgültig als Spinnerte entlarvten sich dann die, die sich nicht zu blöd waren, die Vermutung zu äußern, das Sommermärchen könnte einem neuen Nationalismus den Weg geebnet haben (letztlich die Denkweise, wenn alles Gute nicht ohne die Dialektik einer einhegenden Schuld daher kommen würde, wäre das Vierte Reich bereits vorprogrammiert) und sich dann auch nicht entblödeten, den Fußballpatriotismus zum Hintergrund der AfD hochzuschreiben. Das aber wohl, um weiterhin faktisch fundierte Gründe (Probleme) ausblenden zu können, die den Aufstieg der AfD bedingt haben, um im angenehmen Bereich des Irrealen und Irrationalen verweilen zu können.

Viele Rechte treiben es aber in gewisserweise genauso. Für sie steht natürlich das gute Nationalgefühl im Vordergrund. Sie brauchen keinen spezifischen Grund außer Heimatliebe, Traditionnsbewusstsein und Wertschätzung für das Eigene. Der Fußball ist nur ein Anlass das ganze etwas beschwingter anzugehen. Was auch eher die Sache ist, wie ich daran gehe: Ernst und politisch ist es das ganze restliche Jahr. Zu solchen Anlässen darf man gerne auch mal locker lassen. Allerdings wird in der Betrachtung des Durchschnittsbürgers gerne vergessen, dass die WM mit ihrem Event-Charakter, die mit gemeinsam erlebter Volksfest-Atmosphäre und dem hierzulande beliebtesten Sport zwei sehr viel stärkere und anschlussfähigere Affekte hat als doch abstrakteres Nationalbewusstsein, dieser Fest-Charakter also auch im Vordergrund steht.

Was den Rechten wohl stört ist, dass man sich zur WM mit den patriotischen Farben schmückt (ganz klar allerdings, sind es ja auch die Farben des eigenen Teams nicht zwingend auch ein politisches Bekenntnis), den Rest des Jahres aber dem Wohl des Landes eher apathisch gegenübersteht, während das sportliche Vorankommen (mehr noch als bei den Olympischen Spielen mit ihrem Medaillen-Spiegel) eine gewichtigere Daseinfrage ist als Wirtschaftsprosperität, Sicherheit, Identität. Doch statt zu unken und sich herablassend über diese scheinbare Schizzophrenie wahlweise lustig zu machen oder aufzuregen, scheint wohl das eigentliche Problem eher zu sein, dass nationale Feier- und Gedenktage nicht einen ähnlichen niedrigschwelligen Impetus erzeugen können. Statt zu lamentieren, kann man ja daran arbeiten. Es würde dem Tag der Deutschen Einheit als unserem großen Nationalfeiertag ebenso gut tun, wenn er ins Private und Privat-Gemeinschaftliche überführt werden würde, statt ihn allein dem Knorrig.Rituellen politischer Weihungen allein zu überlassen, zumal diese (hier sind wir wieder bei der Erziehungsdialektik) gerade eben nicht als Volksfeste sondern als Demutseminare mit anschließendem Sektempfang (bildlich gesprochen) angelegt sind. Wem das mit der WM also zu vulgär oder zu flach anmutet, dem mag man ins Stammbuch schreiben, dass der gerne als Vorbild herangeführte Patriotismus der USA, ihren Unabhängigkeitstag nicht wesentlich anders begeht, als der Deutsche „seinen“ Fußball zum Public Viewing.

 

Buntes Erlösungsnarrativ wider den Fußballpatriotismus

Ähnlich wurde die Fußball-WM 2006 ja auch nutzbar zu machen und einzuhegen versucht in das öffentlich-saturierte Geschichts- und Wertebild, das zwei Fragen nicht entbehren durfte: Dürfen wir das überhaupt? Darf sich Deutschland derartig präsentieren, im eigenen Land. Darf es sich derart unbeschwert einen Moment selbst genießen? Die ständige Angst im Hinterkopf, dass die Leute die Fesseln der Vergangenheit womöglich für einen Moment nicht mehr spüren könnten, mit der Gefahr, dass vielleicht einigen der Gedanke zur Flucht aus dem Kerker der Geschichte kommen könnte. Wenn man an das heutige Vorgehen mancher Städte im Umgang mit als problematisch empfundenen Straßennamen denkt, hätte man sich damals auch „Aufklärer“ vorstellen können, die vor den Stadien Besucher über die Instrumentalisierung sportlicher Großereignisse im Dritten Reich aufklärten oder entsprechende Broschüren verteilten.
Die zweite Frage war also, da man das Prestige der WM und schöne Bilder wollte, wie könnte man vor sich selbst und der Welt diesen nationalen Rausch, als der er später beschrieben wurde, legitimieren. Eine Frage für die die Welt sich vermutlich nicht wirklich interessierte, die deutsche Betroffenheitsgesellschaft dafür umso mehr und für die Welt gleich mit.

Die Lösung bildete dann die große Erzählung von der integrativen Kraft des Fußballs, von Fairness von Regeln und wie er die Welt zusammenbringt. Das was Fußball-Funktionäre gerne von sich geben, um Ausbildungslager und Bolzplätze in Entwicklungsländern als humanitäre Zuschussgeschäfte zu preisen, statt als Aufzuchtstationen für potenten Nachwuchs für die talenthungrige Sport- und Medien-Industrie. Defacto zeigte der Gaucho-Vorfall worum es geht, einen Wettkampf bei dem nun einmal nur einer bzw. ein Team gewinnen kann und wo es auch sehr wichtig ist, wer dabei war, wer auf dem Platz gestanden oder sogar ein Tor geschossen hat. Michael Ballack, wer sich noch an ihn erinnert, kann da vermutlich ein Liedchen von singen. Auch wenn die Leidenschaft sicher mitspielt (wer würde nicht gerne einen Job machen, der ihm auch noch Spaß macht!) geht es doch auch um Prestige und Geld, um Erfolge und letztlich auch um Doping und Raubbau am eigenen Körper. Man muss das Geschäft oder den Sport nicht zerreden. Letztlich sollte man aber dem sektseeligen Geschwätz von Sportfunktionären über die Bedeutung ihrer Einrichtungen nicht mehr Bedeutung beimessen als dem Anspruch der Kirchen einen fundamental idealistischen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu wollen.

Aber wir waren beim Narrativ. Die junge (wohl die meist gebrauchte Zuschreibung) und bunte Boygroup von 2006 mit ihren Iterationen bis zu dieser Weltmeisterschaft stand im Fokus einer Erzählung über die Wunder der Integration, als Bild eines jungen, fröhlichen, unbeschwerten, besseren und vor allem multi-kulturellem Deutschland, dass die USA an ihrer Idee des Schmelztiegels beerbt hatte und von dessen Wahnideen rassistischer Reinheit sich nicht nur verabschiedet hatte, sondern dessen Wurzeln man mit der heraufziehenden Multikultur geradezu ausriss. Ein legitimierendes Bild für das Ausland; für das Inland den Beweis, das Integration und Multikultur funktionieren und jung, schön und erfolgreich sind. Hellschland und Dunkeldeutschland, bevor sie cool wurden gewissermaßen. Und mit Figuren wie Mertesacker, Klose, Podolski, Schweinsteiger, Lahm hatte man Identifikationsfiguren für die Jugend (Gott bewahre wenn aus den bubenhaften Spaßmachern auch nur mehr »alte, weiße Männer« werden, wie aus dem Familienmenschen Podolski). Asamoa und Odonkor brachten schon 2006 Farbe ins Team, aber das Integrationsnarrativ wurde erst mit Südafrika 2010 so richtig überlebensgroß: Aogo, Tasci, Boateng, Khedira, Cacau und eben Özil.

Und die »bunten« Migrationshintergrundler, Özil allen voran, jetzt auch mit dem hinzugestoßenen Gündogan, sollten als Anker für die nicht mehr ganz so kleinen ethnischen Minderheiten dienen, um diese zu binden und im Narrativ des neuen Deutschland zu repräsentieren. Ein Sommermärchen in Wiederholung, das dann 2014 in Brasilien den Pokal holte. Und wie jedes Märchen zwar eine schöne Geschichte, aber eben auch nicht mehr.

 

Die Trikot-Affäre

Was uns jetzt zum eingangs erwähnten Vorfall bringt. Gündogan und Özil waren in England auf einer Veranstaltung mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zusammengetroffen. Ich will bewusst die Implikationen ausklammern, die es hat diesen Mann zu unterstützen, der in der Türkei nach und nach die Gesellschaft religiös-fundamentalistisch umbaut, Angriffskriege führt, einen verdeckten Vorbürgerkrieg gegen die Kurden im eigenen Land vorantreibt und den Staat zunehmend autokratischer regiert, während Oppositionelle und Journalisten in den Knast geworfen werden. Blenden wir mal aus, dass ein Zusammentreffen der Art wie es stattgefunden hat, als Sympathie für diese Politik ausgelegt werden kann oder das ihm das Schmücken mit Identifikationsfiguren wie Özil oder Gündogan bei türkischen (Auslands)wählern helfen kann, seine Politik nach einer erfolgreichen Wiederwahl als Präsident weiterzubetreiben. Blenden wir auch aus, dass Özil und Gündogan auch nicht im real existierenden Erdoganismus leben müssen, wie ihre Landsleute in der türkischen Heimat. Blenden wir diese ganzen Implikationen einfach mal aus. Das Özil und Gündogan womöglich auch nicht die hellsten politischen Leuchten sind, mag man womöglich auch noch annehmen.

Wo ihr Herz aber ist, wissen die Beiden sicher sehr gut. Die beiden überreichten dem Diktator vom Bosporus signierte Trikots. Die Geste Erdogan gegenüber kann implizit im Fall von Özil als Zeichen der Zugehörigkeit gewertet werden. Gündogan machte es sogar explizit, in dem er das Trikot schriftlich „Für meinen verehrten Präsidenten, hochachtungsvoll“ widmete. Abseits der politischen Zustimmungsebene gibt das ein deutliches Bild davon ab, wo die identitäre, emotionale Zugehörigkeit der beiden Nationalspieler verortet ist. Und die liegt ganz klar nicht bei den Deutschen, bei Deutschland vielleicht, eben wie bei einer Firma, die einen gut bezahlt.

Ich denke die spielerische Qualität dieser beiden Personen muss man nicht in Zweifel ziehen, man hat gesehen, was sie zu leisten im Stande sind und daher kann ich den Bundestrainer, dessen Aufgabe es ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen bzw. den Titel zu verteidigen, noch am ehesten zugestehen, dass er die Sache abzubügeln versucht, um ja nicht zwei Topspieler im Kader zu verlieren und das so kurz vor dem Turnier. Allerdings stellen sich hier pointiert ein paar relevante Fragen, eben für diejenigen, die nicht von Berufswegen opportunistisch auf den Sieg hinauswollen.

 

Entromantisierung und Kommerzialisierung des Fußballs

Für Löw und wahrscheinlich auch den Großteil des Kaders ist eine Weltmeisterschaft in der nicht Vereine, nicht Selbstdarsteller sondern Nationen gegeneinander antreten vermutlich im Grunde auch nur business as usual. Hier lastet höchstens die Schwere des Turnieres an sich und der Zwang zur guten Präsentation auf dem Feld schwer. Lampenfieber höchstens. Man kann sich aber kaum vorstellen, dass sich der Bundestrainer oder die Spieler mit Gedanken tragen, wie sie das tragische brasilianische Nationalteam 2014 womöglich hatte, das die Hoffnungen eines ganzen, politisch und ökonomisch zerrissenen Landes schultern musste und es wenigstens im Fußball zusammenhalten wollten. Eine Niederlage wie die Brasiliens würde vermutlich keinen tränenreichen von allgemeiner Anteilnahme des Publikums getragenen tragischen Heldenabschied nach sich ziehen. Löw und »Die Mannschaft« würden dann im besten Analyse-Bullshit-Bingo (Wir konnten heute unser Potenzial nicht abrufen) die Fehler analysieren und Besserung versprechen, wie Ingenieure, die sich bei der Tür vermessen haben. Der Gedanke, dass sie sich Fans und vor allem ihrem Volk in ähnlicherweise verantwortlich fühlen würden, wie die Brasilianer, erscheint völlig abwegig.

Ich kann nicht genau sagen, ob es nur ein Mythos oder tatsächlich bestätigt ist, aber das Bild von den Olympischen Spielen der Antike, dem Sport als Ersatzhandlung für den Krieg, als Ausweis der Leistungsfähigkeit der eigenen Athleten und damit der eigenen Polis, passt denke ich hier ganz gut gedanklich. Denn Ähnliches finden wir auch im Konzept der Nationalmannschaften, die in verschiedenen Sportarten die Leistungsfähigkeit eines Staates besser seines Volkes auf einer ziviliserten freundschaftlichen Ebene zeigen. Während die Volksheere des 18. und 19. Jahrhunderts zum Ruhm und zur Prosperität ihrer Heimaten notfalls in den Tod gingen, vergleichen wir uns heute in halbwegs fairen Turnieren, nach denen man sich bestenfalls noch in die Augen schauen kann und fiebern mit.

Was wir hier, in Deutschland insbesondere, erleben, ist nicht allein die Kommerzialisierung als wirtschaftliche Verwertung dieser viel größeren symbolischen Wettkämpfe sondern auch ihre Unterwerfung durch die Logik des entmystifizierten Spieler- und Spielmarktes, etwas das insbesondere Traditionsvereine bereits auf nationaler Ebene betroffen hat, denen nachgerade dank der austauschbaren Spieler- und Marktlogik (eine Mannschaft repräsentiert nichts mehr, sondern ist eher eine Match-Maschine, in der die bestmöglich einkaufbaren Teile, zeigen, was sie können, gewachsene Strukturen wie Spieler mit Vereinsloyalität (oder Loyalität des Vereins gegenüber Spielern), Ortskolorit und Fankultur mit eigenen Bedürfnissen nach Tradition stören da nur. Der Geist von Professionalisierung genannter Rationalisierung herrscht vor. Zu dieser Rationalisierung gehört nicht für ein Land zu spielen, um dieses Land und dessen Volk zu repräsentieren, das zu verkörpern, wofür dieses Land steht, sondern weil dieses Land die besten Aufstiegs- und Trainingsbedingungen, ein gutes Sälär oder die Chance auf eine hohe Turnierplatzierung mit eigener Beteiligung an wichtigen Spielen anbietet.
Die Nationalmannschaft gewinnt dann nur noch praktisch für sich selbst. Der Staat kann sich mit einer Trophäe schmücken, was aber ist das Wert, wenn man andere für diesen Sieg bezahlt? Was bedeutet ein Turniersieg der Borussia für lokale Fans, die sich als Dortmunder der Mannschaft am Ort verpflichtet fühlen, wenn sie sich vergegenwärtigen, dass dort mehrheitlich Münchener, Berliner, Kölner, Brasilianer, Marokkaner, etc. die Tore vorbereiten bzw. schießen? Was bedeutet ein Sieg »der Mannschaft« für die Deutschen, wenn man diesen Erfolg genauso gut den Türken zurechnen könnte?

 

Mannschaft ohne Identität

Die Entkernung der Nationalmannschaft von einer nationalen Institutionen hätte man sich satirisch kaum besser ausdenken können, als die Werbestrategen, die aus Vertretern der nationalen sportlichen Leistungsfähigkeit eben eine »Marke« machen wollten und mit »Die Mannschaft«, was hip, jung, cool und kooperativ klingen soll, dem Begriff jedweder tieferer Bedeutung entkleiden. Es ist Reduktion auf das Wesentliche. Das was einmal die Deutsche Nationalmannschaft war, also ein Konzept von Identität und Anspruch hatte, wird zu einer gesichtslosen, fast beliebigen Ansammlung an arbiträren Spielern. Nicht einmal die Kaschierung der allgemeinen Zwanglosigkeit durch einen Vereinsnamen oder Vereinsfarben (in unserem Fall ausgegrauter Nationalfarben) existieren damit noch. Wir erleben damit eine Gleichzeitigkeit von einer farblosen Kollektivierung zu einem fußballspielenden Funktionsapparat ohne wirkliche Gruppenidentität bei gleichzeitiger Atomisierung auf die einzelnen Spielerfiguren, die dann für sich selbst wirken und ihr, der Austauschbarkeit der Mannschaft zum Trotz, stattdessen ein Gesicht und einen Willen geben sollen. Das einigende Band bleibt dann nur noch der spielerische Erfolg. Brasilien gegen Deutschland. Drama gegen Bilanz.
Das man mich an der Stelle nicht falsch versteht. Nur auf Idealismus und ohne gewissen rationalisierenden Pragmatismus wird man in der modernen Fußballwelt mit ihren abgestimmten Ernährungs- und Trainingsplänen, Millionenablösen und Unsummen an Investitionen in den Aufbau von Humankapital nicht weit kommen, Erfolg gehört schon auch dazu. Aber es muss klar sein, dass ein Zirkus wie der Nationalmannschaften eben nicht ein Geschäft ist, das für die Spieler gemacht wird, sondern das sie gerade als herausragende Athleten, im indirekten Auftrag für sich und ihre Landsleute stehen.

Im Endeffekt verhält es sich ähnlich wie mit den Bürgerarmeen des 19. Jahrhunderts. Napoleon wird folgendes Zitat zugeschrieben:

„Ich habe etwas Lächerliches über die Menschen herausgefunden. Sie sind bereit, für Orden und bunte Bänder zu sterben.“

Jemand von dem auch tiefsinnigere Zitate über das Fortdauern des Ruhms bekannt sind, dürfte wohl durchaus auch verstanden haben, dass hinter Orden und bunten Bändern tiefere Ideale stehen, die diese nur verkörpern. Letztlich geben sie dem Menschen eine Wertschätzung für etwas, das schlechterdings nicht in Gold aufzuwiegen ist. Fortdauernder oder temporärer Ruhm, Anerkennung, Dankbarkeit, das Bewusstsein die Heimat und vor allem auch die eigenen Familien verteidigt zu haben. Gold oder Sold werden dann zum profanen, wenn auch nötigen Unterhaltsmittel (ohne Mampf, keinen Kampf).

Dem gegenüber stehen die Söldnerheere davor, die in den zynischeren Zeiten wie dem Dreißigjährigen Krieg ihre Herren nach Kassenlage wechselten, ihnen letztlich egal war für wen oder warum sie starben, wenn die Bezahlung stimmte und deren Loyalität schließlich an gefüllten Kassen hing. Während der Bürgersoldat auch dann weiterkämpft, weil es für ihn um alles geht, ist der Söldner verschwunden oder plündert das umliegende Land aus, wenn der Soldfluss stockt.

Treffend bemerkt Napoleon hierzu:

„Man soll nie gegen eine Nation kämpfen; dies ist der Kampf eines irdenen Geschirrs gegen einen eisernen Topf.“

Es ist der Geist von Söldnern, der in der Nationalelf wirkt. »Die Mannschaft« ist also letztlich nur das narrativtechnische Endstadium aus der sich der Gedanke einer symbolischen Vertretung der Nation und der sportlichen wettkämpferischen Vertretung des Volkes auf internationaler Bühne verabschiedet hat und wir nicht Nationalspieler sondern arbiträre, wenn auch begabte Spieler bei der profanen Ausübung ihrer Brotarbeit beobachten. Man mag mir den Gedanken gestatten: Ohne den tieferen, letztlich etwas nationalromantischen Bedeutungsgehalt Sportnationen im Wettkampf aneinander zu messen, kann man solche internationalen Turniere samt der Nationalmannschaften auch ganz abschaffen und alle vier Jahre ein großes Weltvereinsturnier anstelle dessen abhalten, statt noch irgendwie so zu tun, als würden Deutsche, Franzosen, Italiener, Türken, etc. gegeneinander antreten. Die damit verbundene Aufhebung der letztlich scheinbar ohnehin nur bedeutungslos gewordenen nationalen Zugehörigkeit – was ist schon die Staatsangehörigkeit auf dem Papier einem Gündogan wert! – vollzöge dann nur folgerichtig die unbeschränkte Rationalisierung des Vereinsfußballs nach, wo eingekaufte Spitzenkräfte aus aller Welt und aller Vereine statt eigenem Nachwuchs für Bayern München stehen und Bayern München für nichts anderes mehr als Geld und (eingekauften) spielerischen Erfolg.

 

Özil und Gündogan sind NICHT integriert

Gündogan und Özil sind für diese Mannschaft wahrlich Symbolfiguren aber aus anderer Richtung, denn an ihnen zeigen sich besonders augenfällig die Söldnermentalität der Spieler (ich mag unterstellen, dass es sich bei vielen der Nationalspieler im Kern wohl auch um Karrieristen handelt) und die Integrationslüge. Beide sind in Deutschland geboren und aufgewachsen, wirtschaftlich, sportlich erfolgreich – Özil war eine zeitlang auch als Model gefragt – und sie stehen als Fußballnationalspieler in einer zentralen geachteten öffentlichen Position. Bei Gündogan handelt es sich nach dem Papier nicht einmal um einen Türken, er besitzt im Gegensatz zu Özil nur die deutsche Staatsbürgerschaft und dennoch gab er sogar das stärkere explizite Bekenntnis zu »seinem« Präsidenten Erdogan ab. Ein Hinweis darauf, dass Staatsbürgerschaften in der Hoffnung auf Integration zu verteilen, ebenso falsch ist wie der Glaube an den Magic Dirt. Wir haben letztlich all das, was uns seit Jahren als »Rezept für gelingene Integration« verkauft wird, vorliegen und dennoch ist eine Integration abseits von der Haltung von der hiesigen Infrastruktur und Gesellschaft gut und gerne zu leben, eine Identifikation mit den Deutschen nicht feststellbar. Sie bekennen sich zu einem fremden Staatsoberhaupt, sehen sich trotz einziger oder doppelter Staatsangehörigkeit selbst nicht als Deutsche, verweigern zur symbolischen Unterstreichung quasi auch das Singen der Nationalhymne, obwohl sie sich gerne im Kader der Nationalmannschaft aushalten lassen.

Deshalb hat sich Özil über die Jahre auch inbesondere meinen Unmut zugezogen, nicht das er bis auf den neuerlichen Vorfall sonderlich selbst dafür verantwortlich gewesen wäre. Er wurde gerade im Hinblick auf die nicht gerade kleine deutschtürkische Community, die man sich herangezüchtet hat, gerne als Beispiel für gelungene Integration und als Identifikationsfigur junger Migranten herangezogen, die ihn als Vorbild nehmen könnten. Und das war, was mich an seiner Person nachhaltig verärgert hat, weil er eben nichts davon hergibt.
Aber weil dieses Narrativ im Raum steht, war neben Bundestrainer Löw wohl auch Bundespräsident Steinmeier (abseits des diplomatischen Schadens, den womöglich zwei Repräsentanten Deutschlands anrichten könnten, wenn sie sich allzu offensiv zu einem Diktator bekennen) mehr als bereit die Beiden zu halten, wie man in der FAZ liest.
Eine Brücke möge man ihnen doch bitte bauen. Natürlich war man sich einig darin, dass die Loyalität Deutschland gegenüber gelten müsse und natürlich wollte keiner der Beiden ausdrücken, dass Steinmeier nicht ihr Präsident sei. Ja die Aversion gegen die Nationalhymne, eines der grundlegenden Zugehörigkeitssymbole, ist sicher ein Zeichen von gesunder Loyalität. Wenn die Selbsterniedrigung des eigenen Staatsoberhauptes nicht so schamerregend wäre, könnte man fast lachen über einen Steinmeier, der sich wie ein devoter Cuck nach dieser öffentlichen „Osmanischen Ohrfeige“ verhält. Die eigenen Nationalspieler teilen sich die Kissen zwar lieber mit dem potenten Diktator, dem gegenüber sie eine stärkere Anziehung verspüren, aber ihm reicht, wenn sie ihm versichern, dass sie ihn trotzdem noch lieben.
Spaß beiseite. Die Hauptsache war das Integrationsnarrativ aufrecht erhalten zu können und die deutsch-türkische Community nicht zu verprellen, von deren Wohlwollen man gesellschaftlich und wahltechnisch immer abhängiger wird, gerade in linken Parteien.
Während das Verhalten der beiden Spieler wenigstens nur einem Mitgliede der deutschen NATIONALmannschaft unwürdig ist, ist die kriecherische Anbiederei Steinmeiers an zwei Personen, die ihn nicht als ihr Staatsoberhaupt akzeptieren, eine Schande für das hohe Repräsentationsamt, welches er bekleidet und damit für den gesamten Staat, der es nicht fertig bringt, diesen Vorfall angemessen kritisch zu würdigen, wenn es denn schon unangemessen wäre, dem Bundestrainer die Kaderaufstellung zu diktieren.

„‚Wir haben aufgrund unserer türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei. Das heißt aber nicht, dass wir jemals behauptet hätten, Herr Steinmeier sei nicht unser Bundespräsident oder Frau Merkel nicht unsere Bundeskanzlerin. Deshalb war es auch nie ein Thema, ein politisches Statement zu setzen‘, erklärte Gündogan in Südtirol“, heißt es dazu ebenfalls in der FAZ.

Und hier beißt sich die Katze dann eben in den Schwanz. Wenn das so ist, dann ist das schön für die Herren, wie für die meisten Türken in Deutschland, die sich ihrer Identität in Richtung Türkentum ziemlich sicher sind, aber es macht sie genau zum Gegenteil gelungener Integration, nicht zu Vorbildern sondern zu Mahnmalen gescheiterter Eingliederung. Trotz all des Erfolgs und der Anerkennung sind aus ihnen, obwohl sie nie einen anderen Heimatboden kannten, eben Türken geworden. Sie führen Integration nach dem Spielplan Erdogans auf: (Funktionale) Integration in die Gesellschaft, um von ihr zu profitieren (oder sie zu unterwandern, wie am Beispiel von DITIB zu sehen) aber Assimilation ist weder gewünscht noch gewollt. Defacto findet Siedlung, Parallelgesellschafts- und Kolonienbildung statt; Teilhaftigwerden an der deutschen Gesellschaft nur anhand des Gebrauchswertes; zu Deutschen werden, Nein Danke. Umso absurder ist es dann, wenn die auf den sozialen Medien geteilte Hadsch (muslimische Pilgerfahrt nach Mekka) von Özil in den deutschen Medien als Zeichen der Integration gefeiert wird, obwohl es eher ein Fortdauern oder Wiederaufleben des mitgebrachten kulturell-religiösen Hintergrundes darstellt. Was man hier feiert ist eine Normalisierung des Islam durch das Aushängeschild Özil. Mit Integration hat das nichts zu tun, nur mit der schleichend voranschreitenden Islamisierung auch im Bereich von Prominenz und Vorbildfiguren, die Jugendliche erst recht dazu anhalten, die religiöse Absonderung selbst zu perpetuieren und zu intensivieren.

Siehe dazu auch das Video Generation Haram von Martin Sellner zum Thema Islam als Jugendkultur und dem Anteil der Popkultur an dieser Entwicklung:

 

Es ist wie gesagt in Ordnung, wenn die Türken sich nicht integrieren wollen, es ist aber unser gutes Recht, dann diese Türken nicht zu wollen oder wenigstens nur sofern zu dulden, sofern sie wenigstens einen produktiven Beitrag zu dieser Gesellschaft leisten und sich nicht schädigend verhalten oder sich politisch-manipulativ als Erdogans fünfte Kolonne gerieren.
An Nationalspieler müssen wir aber andere Ansprüche stellen. Wie gesagt wäre es in Ordnung, wenn Özil oder Gündogan von derartigen identitären Affekten getrieben werden, dann ist aber die deutsche Nationalmannschaft nicht der Platz für die beiden. Die Deutschen in einem internationalen Turnier zu repräsentieren, da geht es nicht ohne unverbrüchliche Loyalität, nicht ohne Identifikation. Und es ist einfach unwürdig, wenn einerseits diese Beiden ihre Stellung als Nationalspieler eben zur opportunistischen Profilierung nutzen, Deutschland quasi ausnutzen, nach dem Motto Kader und Prestige sind gut genug ums mitzunehmen. Andererseits schaffen wir es offenbar nicht, ohne diese Fußballsöldner auszukommen, die aus der offenkundigen Distanz zu dem Land, für das sie eigentlich spielen sollen, keinen Hehl machen.

 

Kögnitive Dissonanz: Gündogan im Interview

Kommen wir an dieser Stelle daher zu dem eingangs erwähnten Gündogan-Interview, denn das enthält bezüglich der Integrationsfrage meiner Einschätzung nach konzentriert alle wichtigen Talking Points:

 

Gleich zu Beginn erleben wir den großen Katzenjammer darüber, dass es ihm weh tue, wie er und Özil jetzt angegangen werden, zu hören, dass sie nicht integriert seien und das sie die Werte dieses Landes nicht teilen. Ja was sind das bloß für böse ungerechtfertigte Anschuldigungen, wenn man sich dem Präsidenten eines anderen Landes, diesem Land und der von dort herstammenden eigenen Identität gegenüber stärker verwurzelt sieht, als gegenüber dem Land, für das man international Fußball spielt? Integration ist legitimerweise in Frage zu stellen und in einem Grad abzusprechen, dass sowohl Özil als auch er selbst als Vorbilder dienen können, wie Gündogan für sich selbst bei 0:56 in Anspruch nehmen will.
Auch bei den Werten, wie gesagt wie helle in politischer Hinsicht die beiden Stoppelhoppser sind, mag man fragen, kann man schon zweifeln, wenn man einen Herrn Erdogan, der neben seiner Tätigkeit als Politiker nichts anderes hat, wofür man ihn schätzen könnte, aufwertet, dann kann man sich kaum darauf herausreden, dass der Mann so gut Klarinette spiele oder selbst Fußbälle kicke. Man also schon auf sein politisches Handeln abzielt. Selbst wenn man politisch nicht die hellste Leuchte ist, zeichnen selbst die Mainstream-Medien ein Bild vom Wäre-gern-Diktator vom Bosporus, dass hätte klar sein müssen, was man da unterstützt.
Halten wir fest: Wenn es wehtut, dann mit Recht. Gündogan und Özil sollten sich winden.

Aber was sagt er weiter? Neben dem Anspruch immer versucht zu haben als Vorbild zu wirken, was jetzt wohl nicht ganz so gut geglückt ist, betont Gündogan, dass sie immer versucht haben mit den Leuten „respektvoll“ umzugehen und „tolerant zu sein“. Das ist wichtig, denn auf diese »Werte«, wie er sie später nennt, wird er sich noch beziehen.
Allerdings nutzt er das auch direkt als Überleitung zu dem Thema, das meiner Meinung nach viel von diesem Vorgang erklärt.
Gündogan wie auch Özil stammen, wie er uns ab 1:08 mitteilt, gebürtig aus Gelsenkirchen und sind dort aufgewachsen, er beschreibt die Stadt dezidiert als eine, „die sehr vielfältig ist, nach wie vor“. Und sie waren es daher auch „immer gewohnt, ja sehr Multikulti aufzuwachsen“.
Und in dieser Aussage steckt eben die Krux an der ganzen Frage der Integration. Man kann sich sehr integriert vorkommen, wenn man in einer völlig ethnisch fragmentieren – vielfältigen – Nachbarschaft aufwächst, wo natürlich keine Ansprüche einer irgendwie gerarteten Mehrheitsgesellschaft gelten und das Leben außerhalb der Familie praktisch genauso funktionieren kann, wie in der Familie auch. Insbesondere wenn durch eine falschverstandene Integration allgemeine Zurückhaltung wenn nicht ein Laissez-faire herrschen, was Ansprüche an Migranten und Integration angehen und Identifikation, letztlich auch mit Gebräuchen, Kultur und Werten der Gesellschaft egal sind, solange die Menschen irgendwie funktionieren oder wenigstens nicht offen problematisch sind. Um es klar auszudrücken: Für Gündogan ist es ein Zeichen von Toleranz und eine Selbstverständlichkeit, dass ein Türke in Deutschland ungestört ein türkisches Leben, eine türkische Identität pflegen kann.
Diese Haltung in Verbindung durch massierte Einwanderung entstandende Ethno-Viertel, durch die Integration schlichtweg überflüssig und auch unmöglich wird, sind es die die Grundlage für die zunehmende gesellschaftliche Spaltung legen, wenn sich die kulturellen Disparitäten verschärfen und anfangen immer wirkmächtiger gesellschaftlichen Einfluss einzunehmen.
Während es umgekehrt in der Selbstverständlichkeitsblase von Gündogan und anderen, die bisher ungestört machen konnten, als Einbruch wahrgenommen wird, an dem die Distanz, die eigentlich immer bestand, schein plötzlich aufgeworfen wird. Schlichtweg leben Menschen wie Özil und Gündogan in der Illusion integriert zu sein, aber auch Politik und Gesellschaft in der Vorstellung integrierte Menschen vor sich zu haben, wenn diese allein schon arbeiten und nicht kriminell sind  (wie war das noch mit den niedrigen Erwartungen?). Wenn es aber zum Schwur kommt, wenn eben tatsächliche Wertethemen auf den Tisch kommen, an denen sich zeigt, wer tatsächlich in Übereinstimmung mit der Gesellschaft ist, beklagt man dann mangelnde Toleranz. weil plötzlich an einen doch Ansprüche gestellt werden. Womit wir beim Grund dafür sind, dass aus Türken eben nur Deutschtürken, mithin Deutschländer wie man in der Türkei über die ausgewanderten Landsmänner sagen würde und keine Turkdeutschen geworden sind.

Deshalb verwundert es nicht, dass Gündogan nicht in der Lage ist sich mit den Vorwürfen zu identifizieren. Absurd wird es dann wenn er ab 1:35 darüber fabuliert, dass er soviel Gutes getan habe. Junge, du spielst Fußball. „Dein Präsident“ hingegen marschiert in ein Nachbarland ein, um dort seinen Kampf gegen eine nationale Minderheit im eigenen Land weiterzuführen.
Eklig wird dann die Mitleidsheuchelei bei 1:50 für die armen Kollegen aus »der Mannschaft«, weil diese ja auch durch die Schmähungen in Mitleidenschaft gezogen würden. Wenn da Verantwortungsgefühl in dieser Hinsicht wäre, dann hätten er und Özil freiwillig den Hut nehmen sollen, statt das man jetzt Löw extra angehen oder Spiele zu Meinungsplebisziten gebrauchen müsste. Aber das ist unterblieben.

Erfreulicherweise verleitet das den anwesenden Journalisten bei 2:08 zu einer kritischen Nachfrage, wie man denn einem Präsidenten die Ehre erweisen könne, der Kollegen wie Deniz Yücel in den Knast werfen lasse. Von dem Fall musste Gündogan sicher auch gehört haben, so wie von anderen Journalisten, die in Erdogans Kerker nach wie vor einsitzen.
Gündogans sich windender Blick ist an der Stelle einfach unbezahlbar.
Die Antwort hingegen ist zum Totlachen: Die ganze Aktion sollte kein politisches Statement sein. Das „Mein Präsident“ wirkt sehr eindeutig in der Sympathie und seiner politischen Bedeutung. Ich bin mir sicher die ganzen Leute in Amerika, die Kappen mit Make America Great Again, tragen, werden auch nur zu Unrecht Trump zugerechnet, obwohl sie die Dinger bestimmt nur aus modischen Erwägungen tragen.

Bei 2:37 kommt er dann nochmal auf die Werte zurück. „Wir stehen zu Einhundert Prozent zu den Werten, die wir in Deutschland als wichtig empfinden und die ich vorher erwähnt habe“, sagt er an der Stelle. Ich habe mal etwas hervorgehoben. Da drängt sich fast schon freudianisch etwas Unterbewusstes auf: Herr Gündogan entscheidet selbst, welche Werte für ihn von Relevanz sind und daran scheint im Hinblick auf Erdogan zu zweifeln sein.
Mit den erwähnten Werten bezieht er sich nämlich auf die bereits erwähnte Stelle am Anfang des Interviews, wo es um Respekt und Toleranz geht. Geschenkt, dass man in so einem Gespräch nicht gleich tiefsinnige psychologische Betrachtungen zum westlichen Wertesystem anstellt, aber das ganze bewegt sich nicht allein auf der Ebene von schön klingenden Gemeinplätzchen, sondern im Bezug zu dem, was wir bezüglich des Backgrounds von Gündogan herausgearbeitet haben, steht hier nur ein Bekenntnis dazu, dass die Gesellschaft auch weiterhin ihm und Özil ihre türkische Identität mit ihrer kulturellen Eigenständigkeit pflegen lassen soll, ohne ihm zugleich zuzusprechen nur mangelhaft integriert zu sein. Das ist wofür für ihn Werte wie Vielfältigkeit und Toleranz stehen. Und da ist kein Wort über Werte verloren, die die Mehrheitsgesellschaft teilt, die in der türkischen Community aber kritisch gesehen werden: Säkularisierung/ Atheismus oder Homosexualität nur einmal als Beispiele. Von Ehr- oder Respektkultur ganz zu schweigen.

Das mit dem politischen Statement fand er aber scheinbar selber schwach, also noch einmal genauer ab 2:50 nur macht er es noch schlimmer. Das ganze wäre ja kein politisches Statement, denn es handelte sich ja um eine „Veranstaltung“, in der es um Stipendien aus der Türkei gegangen sei. Und als Spieler mit türkischen Wurzeln in der Premiere League sei es halt richtig und wichtig gewesen auch dort zu sein. Auch hier fallen noch einmal Gündogans starker Identitätsbezug zur Türkei (wie auch schon in dem oben erwähnten Artikel der FAZ) auf, allerdings haben wir hier auch einen deutlich politischen Rahmen, da dieses Stipendiaten-Programm natürlich ebenso der Einflussnahme im Ausland dient, wie Zeitungen, Fernsehen oder Moscheeverbände wie DITIB. Das Erdogan vor Ort war, hätte schon vorsichtig machen sollen. Das ändert freilich nichts daran, dass niemand die Beiden dazu gezwungen hat ein Foto mit Erdogan, dann auch noch auf eine derart exponierte Art und Weise zu machen, wie es Gündogan getan hat.
Sich jetzt auch im Interview derart stark auf die eigene türkische Identität zu berufen, während man vorher Erdogan seinen Präsidenten genannt hat, sich aber dann darüber zu beschweren, dass man als nicht integriert wahrgenommen wird, ist wirklich beste kognitive Dissonanz und eben nur durch den angesprochenen völlig divergenten Integrationsbegriff zu erklären.

Aber wie er uns ab 3:15 wissen lässt, wurde die ganze Sache natürlich in den Medien und von Einzelpersonen (na, versteckte AFD-Schelte?) verdreht. Rieche ich da leise Lügenpresse-Vorwürfe? Pardon, Fake News? Der Journalist fragt sogar noch einmal nach, ob er diesen absurden Vorwurf, nicht eher auf Erdogans Propaganda-Presse, die das Foto wahrscheinlich ausgeschlachtet haben dürfte, beziehen würde, aber Gündogan erkennt den Strohhalm nicht, der ihm dort schon gereicht wird. Nein, es geht um die deutschen Medien, die ihm scheinbar völlig unberechtigt unterstellen die Werte und Normen dieses Landes nicht zu teilen und nicht integriert zu sein.
Dabei ist nichts daran Fake News. Das Bild ist in der Welt. Er konnte es in diesem Interview auch nicht glaubhaft abstreiten und man mag zumindest fragen, ob Erdogan als Person (was angesichts seiner hitleresken starker Mann Attitüden schon verfänglich wäre) gut zu finden oder ihn in seiner Rolle als autokratischer Präsident anzuerkennen, nicht eben auch etwas über die Werte und Normen, zumindest Präferenzen eines Gündogan aussagt. Das der Faktor Integration in Frage zu stellen ist, wenn jemand ohne türkischen Pass, sich seinem Türkentum mehr verpflichtet fühlt als der Nation, für dessen Mannschaft man spielt, kann man wohl kaum legitimerweise abstreiten.

Bei 4:33 meint er dann passend, dass wer ihn, seine Freunde oder seine Familie kenne, der wüsste, wie er tickt und mit dem, was er über Gelsenkirchen gesagt hat, kann ich mir vorstellen, dass dies in eine Richtung geht: türkisch.

Dreist wird es allerdings wenn er dann ab 5:10 von anderen für sich ein wenig Akzeptanz einfordert. Wie wissen alle, dass Toleranz und Akzeptanz nicht dasselbe sind und zumindest im Bezug auf seine Rolle als Nationalspieler schon das Maß der Toleranz überschritten wäre, aber die Chuzpe zu besitzen und für sich noch Akzeptanz einzufordern, zeigt eigentlich wie wenig Unrechtsbewusstsein hier wirklich vorhanden ist.

Und da so eine Debatte nie ohne die aktuelle Politelite auskommen kann, gibt es ab 5:58 dann noch ein paar salbungsvolle Worte zu Frau Merkel, die sich natürlich ohnehin seit Jahren mit der Nationalmannschaft medial zu inszenieren weiß. Er hat mit ihr ein gutes Vieraugengespräch geführt und freilich für sie und ihre Politik, für das ganze falsche Integrationsnarrativ sind er und Özil ja die Vorführmigranten. Allerdings sind sie, wo sie doch mal Berührung mit der Gesellschaft bekommen auch Musterbeispiele dafür, dass die Integration, wenn überhaupt nur auf einer funktionalen Ebene stattfindet.
Aber es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Gündogan Sympathien für Merkel empfindet, denn die steht inzwischen symbolisch (wenn auch die gleichen falschen Weichenstellungen seit Jahrzehnten gemacht wurden und gemacht werden) für eine Politik, die Assimilation nicht nur nicht auf dem Plan hat, sondern ganz im Sinne Erdogans, als inhuman zurückweist und dabei die ethnische Fragmentierung, positiv als Multikultur verbrämt, vorantreibt. Für Mutti ist er immer noch ein gut integriertes Vorbild und deshalb hat er Mutti auch lieb.

Der Rest des Interviews befasst sich dann auch nur mit ein paar belanglosen Allgemeinplätzen zu den Herausforderungen des Turniers.

Wir erkennen hier deutlich an Gündogan und bei Özil mag es da nicht unbedingt anders ausschauen, dass sie weder auf einer Ebene integriert sind, dass sie den Anforderungen an einen Nationalspieler, einen Repräsentanten Deutschlands erfüllen, noch dass sie als Vorbild für gelungene Migration oder als Vorbild für jugendliche Migranten dienen können. Sie sind mehr abschreckende Beispiele für Multikultur und real gelebte Integration nach aktuellem deutschem Muster: das Herz gehört der eigenen Identität und alten Heimat, dem Land, in dem man lebt, ist man vor allem in einem opportunistischen Pragmatismus zugetan. Zugehörigkeit empfindet man nur dann, wenn das Land und das dortige Volk „tolerant“ genug sind, keine Ansprüche zu stellen und einen vor sich hin wursteln zu lassen

 

Diese Landsknecht-Mannschaft kann mir gestohlen bleiben

Wenn die Nationalmannschaft tatsächlich der Spiegel der Gesellschaft sein soll, wie die Apolegeten des Narrativs vom integrativen Fußball schwärmen, so sehen wir eine Gesellschaft ohne gemeinsame Identität, ohne verbindendes Narrativ, ethnisch fragmentiert, die nur noch auf der Basis (wirtschaftlichen) Erfolgs zusammengehalten wird. Es schaudert mich, dem beizuwohnen.
Am Ende mag Löw sich für den Sieg »der Mannschaft« alles so zurecht gelegt haben, wie er möchte. Allerdings befinden wir uns nicht im Krieg. Im Krieg geht es um alles, da kann man schonmal Söldner einsetzen. Wenn man allerdings in einem symbolischen Turnier, nur mit Söldnern gewinnen kann, dann wäre mir eine aufrichtige Niederlage lieber als ein unehrlicher Sieg. Özil und Gündogan hinauszuwerfen, wäre genau das richtige Zeichen gewesen.
Eine sehr umfangreich gezeichnete Petition, zeigte zwar auch in den vergangenen Wochen den Unwillen der Deutschen sich von diesen Figuren repräsentieren zu lassen, wird aber wohl unerhört bleiben.
Schland mit seinen Landsknechten kann mir zu diesem Turnier deshalb gestohlen bleiben. Die richtige Reaktion fanden deshalb die Fußball-Fans selbst (bis 0:20):

Mit diesem verdienten Wohlklang, will ich diesen Artikel an der Stelle auch beenden.

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Über Seldis

Ich bin ein politischer Denker auf der Suche nach neuen, positiven Interpretationsweisen nationalen und nationalistischen Denkens. Diese theoretische Denkschule soll einerseits wiederbelebt andererseits in Anknüpfung auch an frühere theoretische Konzepte und Modelle vom Ballast übersteigerten und extremistischen Denkens des Nationalsozialismus befreit werden. Mein Ziel hierbei soll es sein eine patriotisch-nationale Perspektive als Alternative zum ewiggestrigen Denken neonazistischer Gruppen zu eröffnen. Ich würde mich in diesem Kontext selbst als Linksnationalist bezeichnen wollen.
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