Martin Sellner und die Jugendsünden

Eine 13 Jahre alte Jugendsünde wird jetzt gegen Sellner im Zuge der Terror-Ermittlungen in Stellung gebracht. Christchurch ist längst egal, es soll nur soviel Schmutz am „gefährlichsten Mann Österreichs“ hängen bleiben, dass er für die Öffentlichkeit desavouriert ist. Doch Sellner hatte schon vor zwei Jahren Stellung zu seiner Vergangenheit genommen.

Eine 13 Jahre alte Jugendsünde wird jetzt gegen Sellner im Zuge der Terror-Ermittlungen in Stellung gebracht. Christchurch ist längst egal, es soll nur soviel Schmutz am „gefährlichsten Mann Österreichs“ hängen bleiben, dass er für die Öffentlichkeit desavouriert ist. Doch Sellner hatte schon vor zwei Jahren Stellung zu seiner Vergangenheit genommen.

Ich will das hier kurz halten und den Kommentar vor allem mit Zitaten beschreiben. Wie es mich gerade auf YouTube erreichte, wurde die Geschichte von Martin Sellner und seiner unrühmlichen Vergangenheit in Österreichts altrechter Szene nun ausgegraben, um dort weiter zu machen, wo man mit aktuellen Erkenntnissen nicht weiter kommt. Hieran zeigt sich einmal zweierlei. In Sachen der „internationalen rechtsextremen Netzwerke“, die diesen Terroranschlag möglich gemacht haben, kommt man bei ihm nicht weiter, weil die Sache von vornherein lächerlich war, weil schon der Ausgangsverdacht auf einer Geldspende und einer Dankes-Email + Videoempfehlungen lag, nichts was den Rahmen eines üblichen Influencer-Kontaktes gesprengt hätte.

Es ist ganz klar, was hier versucht wird: Neuseeland ist den Leuten egal, es geht darum dies als Vorwand zu benutzen, um die IBÖ (ggf. auch kommend noch die IBD) zu demontieren oder zumindest ihren wichtigsten Frontmann zu erledigen, in dem man ihn medial ausreichend mit Schmutz bewirft, sodass genug hängen bleibt und egal was er sagt, dann durch die Herrschaft des Verdachts, in den Bereich der rechtsextremen Chiffren verschoben wird. Alles Gesagte ist dann nur mehr Tarnung für ein in einer neo-faschistischen Machtübernahme gipfelnden Versuch den Diskurs zu den eigenen Gunsten zu wenden.

Also hat man jetzt eine alte Strafsache ausgegraben, der man Martin als Jugendlicher überführt hat und tut so als wäre das eine große Neuigkeit, obwohl Martin, soweit finde ich das glaubhaft und reflektiert schon vor zwei Jahren ausführlich Stellung zu seiner politischen Vergangenheit genommen hat. Zu sehen hier:

Und die Schlussfolgerungen, die er seitdem gezogen hat, die Veränderungen in seinem Weltbild bekräftigt er hier auch noch einmal in einem aktuellen Kommentar:

Liebe Presse ihr seid demnach zwei Jahre zu spät und man riecht leider eure Verzweiflung.


Das ganze ist aber natürlich nicht nur pure Verzweiflung. Es hat insofern System, dass man rechten Menschen eine Gesinnungsänderung weder zutraut, noch sie deshalb für rehabilitierbar hält. Im Gegenteil. Eher wird nur der Rechte zurück in die Familie der Demokraten aufgenommen, der dann in einer 180° Wende umkippt, zum linken Antifaschisten wird und damit zu einem nützlichen Zeugen, der dann aus eigener Erfahrung erzählen kann, wie blöd er und geistig degeneriert die ganzen Rechten alle sind. Abseits von geistiger Flexibilität Jugendlicher, die schnell auch ihre politische Heimat wechseln können (freilich in den meisten Fällen ohne scheinbar großartig jemals über ihre Ausrichtung reflektiert zu haben) zeigt sich eben in diesen Fällen eine gewisse weltanschauliche Beliebigkeit, die mehr auf Stimmungen beruht, weniger auf kalkuliertem Setzen von Wertesystemen. Das man einem Alt-Rechts-Aussteiger vorwirft, immer noch rechten Wertesystemen anzuhängen, obwohl er sich von der Alt-Rechten und ihrer Gedankenwelt verabschiedet hat, ist deshalb geistig ziemlich arm, so als müsste man direkt anfangen den ganzen eigenen Wertehorizont zu verleugnen, wenn man politische Vernunft erfährt.

Dazu muss man sagen, dass Martin völlig Recht damit hat, was die konkrete politische Betätigung anging und vor allem ein unangepasstes politisches Vorfeld, wenn man patriotische Politik machen oder unterstützen oder nationale und konservative Werte hochhalten wollte. Eine Jugendbewegung gab es dafür lange Zeit nur in den Skin-Szenen, eine politische Partei zumindest dem Namen nach „nationalen“ Programm bei solchen braunen Kot-Parteien wie der NPD. Die CDU, einschließlich der Jungen Union war spieißig, bieder und langweilig, praktisch all das, was Gift für eine Jugendbewegung ist und die Partei damit beschäftigt nationales Lametta auszustreuen, während man sich gegen anti-nationale Affekte in der gesammelten Linken nicht wehrte. Insofern mag man dankbar dafür sein, dass es endlich die IB und die AfD gibt, die die Lücke national füllen und zugleich ein klares Bekenntnis zur Demokratie mitbringen. So sind faschistische Kameradschaften und ähnliche Gruppen darauf angewiesen tatsächliche Faschisten zu finden und können nicht einfach mehr national Bewegte Jugendliche anlocken und zu Faschisten umerziehen.

Der letzte Punkt und das wird sich hier an dieser 13 Jahre alten Nummer mit Sicherheit zeigen, sobald die Sau erstmal gründlich durch die Presse getrieben worden ist, man wird Rechten in der Regel nie (es sei denn sie kippen ins radikale Linke Millieu um) den Kredit zuzugestehen, Fehler gemacht und sich resozialisiert oder rehabilitiert zu haben, anders als man es bei extremistischen und radikalen Linken täte, wie einem Außenminister Fischer als besonders handgreiflichen Beispiel. Den Grund haben die Salonkolumnisten damals in einem sehr guten Beitrag anlässlich der G20-Demonstrationen, wie ich finde, ganz gut beschrieben: Bürgerliche Linksradikale.

„Auch ein weiterer Aspekt fällt seit Hamburg unter den Tisch: Die Nachsicht mit den linken Gewalttätern ergibt sich aus ihrer Herkunft. Sicher, es gibt Grüne, Linke und sogar vereinzelte Sozialdemokraten, die eine gewisse politische Nähe zu Autonomen und anderen Linksradikalen haben. Eine Nähe, die mit der Romantisierung der eigenen Jugend zu tun haben dürfte. Aber wichtiger noch ist das Wissen um die eigene Biografie. Viele, vor allem bei den Grünen, die Verantwortung tragen oder trugen und deren politische Laufbahn noch nicht in den Hinterzimmern von Kreisverbänden und Fraktionen begann, gehörten selbst einmal zur radikalen Linken: […]“

[…]

„Sie eint das Wissen, dass nach einer radikalen, ja auch militanten Jugend, nicht nur die Möglichkeit besteht, sich wieder in ein bürgerliches Leben zu integrieren, sondern auch beeindruckende Karrieren zu machen – und dass diese Möglichkeit wohl in vielen Fällen am Anfang einer Deradikalisierung stand. Sicher, Aussteigerprogramme für Linksradikale werden kaum genutzt, aber sie sind auch nicht nötig. Aussteigerprogramme für Rechtsradikale sind in der Praxis weniger politisch denn sozialarbeiterisch angelegt: Es ist eine Legende, dass Nazis, die sich aus der Szene zurückziehen, oft bedroht werden. Sie haben andere Probleme, die in den Programmen gelöst werden sollen: Wie kann der fehlende Schulabschluss nachgeholt werden? Wie lässt sich ein Ausbildungsplatz finden? Es geht zumeist um eine Stabilisierung der Lebensverhältnisse der Aussteiger, um einen Rückfall zu verhindern. Bei Linksradikalen, die mit der Szene brechen, ist das nicht nötig: Sie gehen einfach wieder oder weiter zu Uni, jobben als Studenten oder genießen die finanziellen Zuwendungen, die für Kinder aus bürgerlichen Verhältnissen weitgehend normal sind.“

 

Lösch dich! – Rayksbürgerstreiche Teil 1: Hassangetriebene, mobbende Hater-Kritiker-Trolle

In der Dokumentation „Lösch dich! – So organisiert ist der Hass im Netz“ holen Rayk Anders und sein Team für FUNK gegen Trolle, Kritiker und rechte Aktivisten aus. In dieser – aufgrund der Länge – mehrteiligen Serie beschäftige ich mich im Detail mit dem Gesagten und Gezeigten der Dokumentation. Der erste Teil umfasst die ersten zwölf Minuten von Lösch dich und nimmt das Problem mangelnder, klarer Abgrenzung verschiedener Gruppen ins Visier.

In der Dokumentation „Lösch dich! – So organisiert ist der Hass im Netz“ holen Rayk Anders und sein Team für FUNK gegen Trolle, Kritiker und rechte Aktivisten aus. In dieser – aufgrund der Länge – mehrteiligen Serie beschäftige ich mich im Detail mit dem Gesagten und Gezeigten der Dokumentation. Der erste Teil umfasst die ersten zwölf Minuten von Lösch dich und nimmt das Problem mangelnder, klarer Abgrenzung verschiedener Gruppen ins Visier.

Ich hab meine bisherigen Pläne für den Blog erstmal wieder über den Haufen geworfen, weil mir etwas so Saftiges untergekommen ist, dass mich so angesprochen hat, dass ich es mir einfach nicht nehmen lassen will, es mit einer ausführlichen Betrachtung zu würdigen. Es geht um die FUNK-Dokumentation „Lösch dich! – So organisiert ist der Hate im Netz“. In Anbetracht der Zeit, den dieses Machwerk womöglich in seiner Bearbeitung in Anspruch nehmen wird, will ich hinzufügen, dass ich dies hier am Mittwoch den 25.04.2018 auszuarbeiten beginne. Die Dokumentation ist nämlich offiziell noch gar nicht erschienen. Sie geisterte zunächst als Leak durch Twitter und ich habe heute Nachmittag erst davon erfahren als sie unter Bekannten geteilt wurde und mir das Video (in Form einer auf Daily Motion gemirrorten Version, die jetzt nicht mehr verfügbar ist) angesehen.
Sie sollte wohl ursprünglich zusammen mit einem gleichnamigen Kanal (Lösch dich) erst diesen Freitag auf YouTube erscheinen, soweit ich das in Erfahrung gebracht habe. Und diese glückliche Verkettung von Umständen gestattet es uns, wenn der Veröffentlichungsplan nicht noch vorgezogen wird wegen des Leaks (man mag mir die Freude gönnen, dass womöglich FUNK selbst damit dann kaum Klicks generieren wird, weil alle das Video schon gesehen haben), dazu schon Stellung zu beziehen, bevor es überhaupt offiziell herausgekommen ist.
Es ist eine wirklich bitterböse und köstliche Ironie, dass der Beitrag, der zustandegekommen ist, soviel will ich vorweggreifen, durch das Einschleichen in vermeintliche Trollnetzwerke, Sammeln und Leaken von (vertraulichen) Informationen und das Aufbauen eines YouTube-Kanals mit diesen Leak-Informationen, selbst im Vorfeld der Veröffentlichung geleakt wurde. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht mehr zu sorgen.

 

Zusammenfassung

Hatte ich zunächst damit gerechnet, hier eine übliche Rayk-Produktion zu erleben, muss man sagen, dass es sich um eine durchaus handwerklich qualitativ und auch von der Länge (etwa 40 Minuten) her professionelle Arbeit handelt. Dies ist der eine Grund, warum sie es verdient einer ausführlichen Betrachtung gewürdigt und einer ernsthaften Kritik unterzogen zu werden. Der andere Grund ist, dass wir diese aufwendige und vermutlich nicht gerade kostengünstige Premium-Produktion bezahlt haben. FUNK ist nach wie vor der Tentakel des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks im Netz, insbesondere auf YouTube. Das heißt wir finanzieren sowohl das Programm als auch das Auskommen ihrer Hosts über den Rundfunkbeitrag (der nichts anderes ist als eine zwangsbewehrte Gebühr) mit. Ich quartalsgemäß erst kürzlich wieder. Der dritte Grund wiederum ist, dass, eben weil es sich an Jugendliche richtet und sowohl den Leumund des ÖR als auch dessen Geld im Rücken hat, natürlich zu hinterfragen ist, welche Inhalte es sind, die unser Staat dort unter die Leute und vor allem in die Köpfe von jungen Menschen bringen möchte.

Inhaltlich will sich die Dokumentation, die federführend von FUNK-Host Rayk Anders betreut und gesprochen wurde, dem Thema Hass im Netz annehmen, so der recht allgemeine Titel, dass einerseits für ein auf YouTube-basierendes Format wie FUNK eine hohe Selbstbetroffenheit hat, allerdings unter dem Begriff Hatespeech und Hatespeech-Bekämpfung auf YouTube und in anderen sozialen Netzwerken bereits ein Eigenleben entwickelt und mit dem NetzDG auch den Bereich der Gesetzgebung erreicht hat. Damit wurde ein Diskussionsraum über Meinungs- und vermeintliche Narrenfreiheit im Netz vs. Schutz von Betroffenen und möglicher Zensur eröffnet. Man könnte auch über Diskussionskultur im Allgemeinen zu sprechen kommen, deren Verrohung seit Jahren beklagt wird. Ein hochbrisantes Thema. Und es gäbe also alle Berechtigung dazu, darüber einen Beitrag zu erstellen.
Wie der Subtitel „So organisiert ist der Hate im Netz“ aussagt, möchte man das Thema von einer systematischen Seite her angehen, nach Strukturen und Netzwerken suchen. Etwas worüber allerdings die Begriffe des „Trolls“, wie auch der „Hasses“, die das begriffliche Fundament des Beitrages bilden, immer mehr verschwimmen und die Dokumentation letzen Endes zu einem wirren Ritt verkommt, wo (FUNK-)Kritiker, echte Trolle, Provokateure und politische Aktivisten ohne jede Trennschärfe nicht nur zu einer einzigen braunen Soße vermischt werden sondern sie und der ihnen unterstehende Mob als Strippenzieher einer planmäßigen rechten Netz- und Hetz-Agenda gezeichnet werden. Das eigentliche Thema des Beitrages gerät letztlich völlig aus dem Blick, man leistet sich am Ende einen klassischen Beitrag gegen Rechts. Womit festzuhalten ist, dass die inhaltliche Qualität des Beitrages weit hinter dem professionellen Dokumentationscharakter zurückbleibt und leider das gewohnte FUNK-Niveau widerspiegelt.

 

Vorbemerkungen

Bevor wir nach diesen einleitenden Worten in die Dinge hineingehen, will ich noch einige Vorbemerkungen machen. Ich werde mich wahrscheinlich einige Male auf den Casus der sogenannten „Hasstherapie im Netz“ beziehen, das Angebot von FUNKs Jäger&Sammler an ihre schärfsten Kritiker im Stile einer peinlichen Paartherapiesitzung ein Gespräch miteinander zu führen aus dem Jahr 2017, das aus gewissen Gründen nicht zustandegekommen ist und das zu rekapitulieren mutmaßlich einen weiteren Artikel in Anspruch nehmen würde. Ich will daher denjenigen Lesern, die damit nicht vertraut sind, empfehlen, sich die entsprechenden Videos von FUNK selbst (insbesondere die Einladung und die Kommentare darunter) und die Reaktionen von Dorian, Der Doktorant und Die Vulgäre Analyse auf YouTube anzusehen.

Desweiteren werde ich versuchen bei der Behandlung der Dokumentation so gut es geht ungefähr auf Timestamps zu verweisen, beziehe mich dabei auf die geleakte Version, die mir zur Erarbeitung des Artikels vorliegt, ggf. kann es da zu kleinen Zeitabweichungen zur finalen veröffentlichten Version kommen, obwohl die wohl eher aus Intro oder Outro bestehen dürften, da die Dokumentation soweit final erscheint und sich inhaltlich vermultich keine großen Änderungen mehr ergeben werden.

[Tatsächlich ist die Dokumentation inhaltsgleich mit dem Leak, die Zeitstamps unterscheiden sich also nicht]

Gehen wir nun ans Eingemachte.

 

Zum Einstieg erstmal den Brunnen vergiften

Die Dokumentation beginnt an sich harmlos mit einigen der wichtigsten Aussagen und Szenen des Films, die als Einleitung schön aneinander geschnitten wurden. Im Prinzip bekommen wir hier den Inhalt bereits in verdichteter Form präsentiert: Die offenkundige Relevanz und Allgegenwärtigkeit von sogenannten Hasskommentaren im Netz, die eigenen Experten, die meinen, dass dagegen etwas getan werden müsste und die vermeintlichen Trolle und Hasser, die man uns als Strippenzieher und Nutznießer dieses Hasses im Folgenden zu verkaufen versuchen wird. Trump und Gauland, ein Jungpolitiker der AfD, Martin Sellner von Identitären Bewegung. Wenn wir die offenkundige Distanz dieser Leute zu einem Dorian den Übermenschen kurz beiseite lassen, der auch auftaucht (darüber wird noch zu reden sein), fällt schon hier die rechte und insbesondere politische Schlagseite deutlich ins Auge.

Ab 0:53 gehen wir dann ins eigentliche Geschehen. Rayk, Journalist und Youtuber, wird uns durch das Video führen. Er will sich, so erfahren wir, auf die Suche nach seinen Hatern machen. Und was das für Leute sind, sollen uns einige Beispiele zeigen. Da hätten wir erst einmal einen besonders saftigen Kommentar, in dem ihm, dem „Volksverräter“, der Tod angedroht wird. Um diesen Elefanten hier direkt einmal aus dem Raum zu schaffen, ich werde mich mit den hier in diesem Beitrag gebrachten Beispielen vor allem kritisch auseinandersetzen, insofern sie nicht das belegen, was Rayk uns zu verkaufen versucht. Man kann aber nicht bestreiten, dass es Hasskommentare, insbesondere solch deftiger, ekliger Art da draußen gibt, vermutlich nicht gerade selten. Es ist aber hochgradig unredlich sie, insbesondere als organisiert, mit den behandelten Beispielen in Verbindung zu bringen. Denn nach diesem durchaus mit Berechtigung anzusprechenden Kommentar geht es weiter mit Ausschnitten aus den Videos der YouTuber Idiotenwatch, Die Vulgäre Analyse (DVA) aka Shlomo Finkelstein und Martin Sellner. Nun muss man zweierlei wissen.

Erstens dass sowohl Idiotenwatch als auch Shlomo Finkelstein Beleidigungen, auch der vulgärsten Art, sowohl als Stilmittel, zur Verstärkung ihrer Abscheu vor gewissen Aussagen, als auch zur Unterhaltung ihrer Zuschauer einsetzen. Man kann geteilter Meinung sein, ob das schlecht oder hinnehmbar ist, man mag einen Punkt haben, dass das nicht sein muss und ggf. die argumentative Aussagekraft ihrer Videos mindert.
Das allerdings führt uns zu Zweitens. Sie sind keine Hater wie Rayk es uns hier darstellen will, sondern sie sind Kritiker. Sie befassen sich mit Rayks Videos, ebenso mit denen von anderen FUNKern auf inhaltlicher Basis. Was Rayk hier nämlich mit dem Herausschneiden allein der Beleidigungstiraden verschleiert ist, dass die Videos, aus denen diese Aussagen entnommen sind, sich hauptsächlich kritisch mit dem Inhalt eines seiner Videos auseinandersetzen. In diesem Fall dürfte es um einen kritischen Beitrag zu einem von Shlomos Videos gegangen sein, in dem Rayk eine dort verwendete grafische Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik 2016 als fehlerhaft entlarven wollte. Einen Beitrag den DVA sowie Idiotenwatch im Anschluss widerlegt haben und auf das Rayk nur mit dem abgebildeten hilflosen Kommentar antworten konnte, obwohl er selbst ein Problem mit dem Nachrechnen hatte.
Der hier ebenfalls hereingebrachte Sellner hatte sich wiederum in dem Video über das bröckelnde Deutungsmonopol des linken Mainstreams gefreut. Die Welle, die Rayk hinwegfegen würde, ist eben kein handgreiflicher brauner Mob, wie es der zuerst gezeigte und verlesene Kommentar suggerieren soll, sondern eine kritische Gegenöffentlichkeit auf YouTube, die die Aussagen bspw. von FUNK eben nicht (mehr) unkommentiert stehen lässt.
Bis auf den Kommentar also haben wir es, anders als Rayk uns sagt, nicht mit Hatern sondern mit Kritikern seiner Arbeit und der anderer YouTuber zu tun, durch gezielt manipulative Aus- und Zusammenschnitte wird suggeriert, hier würde nicht begründete Kritik an schlechten Inhalten (die ggf. Grund für eine berechtigte Abneigung sind) geäußert sondern es wären (rechte) von Hass und Beleidigungswut getriebene Trolle unterwegs.

Das Vorgehen erinnert frappierend an das Einladungsvideo von Jäger&Sammler an DVA, Dorian den Übermenschen und Der Doktorant im Rahmen der sogenannten Hasstherapie im Netz. Dort ließen sie astreine Hasskommentare neben der ausformulierten Kritik des Doktorant (in Form eines Offenen Briefes) auftreten und taten so als seien diese äquivalent, um im Anschluss die genannten Kritiker als diejenigen Leute einzuladen, denen sie „den meisten Hass zu verdanken haben.“ Eine saubere Brunnenvergiftung.

Was an dieser Stelle in der Dokumentation besonders ins Auge sticht, wenn wir über manipulative Ausschnitte reden: Durchweg wird bei Ausschnitten aus Videos stets nur „Quelle: YouTube | Name des Kanals“ angegeben. Die Aussagen im eigentlichen, auch argumentativen, Zusammenhang also in Form des jeweiligen Videos werden uns nicht mit einem verfolgbaren Link präsentiert. Etwas, das die hier als Hater an den Pranger gestellten Leute allerdings in ihren Videobeschreibungen stets tun, damit der Zuschauer alle Ausschnitte im Gesamtzusammenhang sehen kann. Wer hier aber den Hintergrund wissen möchte, muss selbst recherchieren und stößt dabei ggf. sogar auf Hindernisse, da Originalvideos (insbesondere im Fall von DVA) gelöscht wurden. Was praktisch für die Doku ist, denn so bleiben die scheinbar anlasslosen Beleidigungen ohne jeden Zusammenhang.

[Anmerkung: Inzwischen ist die Doku auf Rayks Kanal erschienen und sie bleibt uns entsprechende Links auf gezeigte Ausschnitte in der Videobeschreibung tatsächlich schuldig]

Rayk will sich aber auf die Suche nach Hass, seinen Hatern und einer Organisation im Hintergrund begeben. Halten wir an dieser Stelle aber schon einmal fest, dass Rayk offenkundig nicht willens oder in der Lage ist, seine Hater und seine Kritiker von einander zu unterscheiden.

 

Undercover mit abgeschirmten Netzen

Ab 01:38 geht es dann weiter. Rayk beginnt nun damit seine „Recherchezentrale“ und sein Team vorzustellen. Wir sehen eine Berliner Industrieruine und den Traum eines jeden Diversity-Managements: eine bunthaarige, transsexuelle Hackerin, Migranten, offenkundig linksdrehende Soy-Boys, eine Frau mit Damenbart und man stellt sich schon instinktiv die Frage, waren sie erste Wahl oder hat man sie gemäß einer Minderheitenquote zusammengestellt, um den für FUNK-Verhältnisse typischen pluralen Menschenpark zusammen zu bekommen? Es ist von „Abgeschirmtes Netz“, „Undercover recherchiert“, „doppelte Identitäten“ die Rede. Unwillkürlich muss ich an dieses Recruitment-Video der Illuminaten aus dem MMORPG „The Secret World“ denken, nur das das hier nicht annähernd so cool wirkt:

Aber Spaß beiseite, denn ab etwa 02:00 wird das Themenfeld ausgeweitet. Haben wir gerade noch über Hass gesprochen, soll es jetzt auch noch um Trolle und „rechte Infokrieger“ gehen. Ein wichtiger Punkt, auf den wir später noch weidlich zurückkommen werden. Aber was ist denn nun Hass?
Zuerst ist die Hackerin Natalja dran, die für die Recherche einen Algorithmus entwickelt hat, der Kommentare auswertet. Da Algorithmen, auf dieses Problem hat man in der Debatte um das NetzDG bereits weidlich hingewiesen, in der Regel nur nach Worten oder deren Häufung scannen können, aber nur schlecht in der Lage sind Zusammenhänge oder gar Dinge wie Ironie zu erkennen, fällt es schwer zu glauben, dass die Daten selbst bei einem angeblich lernenden Algorithmus, allzu zuverlässig sind. Man mag diesen Punkt Rayk gönnen, da man nicht genau weiß, wie das hier eingesetzte System nun genau arbeitet, aber man muss darauf insistieren weil eben unklar ist, ob er in der Lage wäre eine scharfe, ggf. mit emotionaler Entladung gespickte Kritik, die doch auch inhaltliche Punkte vorzubringen hat, von der Sorte Hasskommentar zu trennen, wie die, die wir ganz am Anfang gesehen haben. Rayk hatte da schon seine Probleme, man mag fragen ob eine an sich unparteiische Maschine darin besser oder schlechter als er wäre.
Bei 2:43 bekommen wir aber dann wenigstens eine Definition dessen, was Rayk und sein Team im Rahmen dieser Dokumentation als Hass verstehen wollen bzw. als Ausdruck davon:

„Es gibt absolut gesehen wenig Hass im Netz. Nur 3% aller Kommentare sind Beleidungen, Drohungen und Schmähungen.“

Diese drei Dinge werden als Hass oder dessen Ausdrucksformen interpretiert und ich mag an dieser Stelle auch noch nichts dagegen einwenden, möchte sie aber um  eine Definition des eigentlichen Hassgefühls aus dem Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik ergänzen, die uns dem Verständnis dieser Sache noch etwas näher bringt:

„Hass ist eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie und entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können.“ (Stangl, 2018)

und man möchte hinzufügen auch gegen einen abstraken Umstand oder ein Ding und das erst einmal unabhängig von der Tatsache, ob das Gefühl nun gerechtfertigt ist oder nicht. Ich bitte dies im Hinterkopf zu behalten, denn wir werden an passender Stelle darauf zurückkommen. Aber auch das löst noch nicht das Problem, wenn sich Kritik und Hass- oder Unmutsäußerungen in Form von Beleidigungen oder Schmähungen vermischen. Für Rayk dürfte das aber wohl Kritik sein, die er nicht ernstnimmt.

Als nächstes weist Rayk uns nämlich darauf hin, dass der Hass zwar absolut gesehen wenig vorkomme, aber dafür (im Bereich YouTube) konzentriert bei einigen Kanälen. Präsentiert werden uns hier mehrere Kanal-Avatare, die man Tarik Tesfu, Suzie Grime und Rayk selbst (alle drei FUNKer) zuordnen kann, sowie dem FUNK-Projekt Jäger&Sammler. Aus der Reihe fällt der Katzen-Avatar von Dorian dem Übermenschen, der in der Dokumentation aber noch eine Rolle spielen wird. Interessant hierbei: Er ist selbst ein Kanal, der nach dem Algorithmus stark von Hass betroffen zu sein scheint, allerdings wird er uns später als einer der Hater vorgeführt. Schon hier könnte man sich fragen, ob „Hass“ nicht vielmehr ein Wahrnehmungsproblem ggf. auch eines mit dem richtigen Umgang ist. Rayk lässt hierzu aber erst einmal Tarik ab 03:00 zu Wort kommen, denn dessen Kanal sei besonders stark betroffen.

 

Opfer selbst provozierter Ablehnung

Tarik wird dem unbedarften Zuschauer als YouTuber und Netzaktivist vorgestellt, der sich um die Themen Feminismus, Gleichstellung und Rassismus kümmere. Was Rayk hierbei unterschlägt ist, dass Tarik insbesondere wegen als rassistisch interpretierbarer Äußerungen über Weiße („Und ihr, ihr seid einfach nur weiß“) generell und Deutsche insbesondere selbst als Rassist ins Gerede gekommen ist und auch seine Ausführungen zu insbesondere intersektionell-feministischen Themen Kritik auf sich gezogen haben. Wir haben es also mit einer durchaus kontroversen Person zu tun und es scheint nicht in Betracht gezogen zu werden, dass sowohl die Sammlung von Hass als auch harscher Kritik, die Rayk nicht so recht unterscheiden will, darin begründet liegen könnten.
Tarik sagt uns zu dem Problem nun bei 03:20 folgendes:

„Dann liest du aber, was du für ein Vollpfosten bist für andere, dann ist das auch schon verletzend auf eine Art und Weise. Wenn du zwei, drei Kommentare liest dann denkst du dir einfach so ‚Come on, was solls‘. Aber diese Masse auszuhalten, das ist dann […] teilweise einfach heftig.“

Lassen wir dazu aber direkt noch Rayks erste Expertin zu Wort kommen. Das ist Franziska Koletzki-Lauter, die sich als Psychologin auf Betroffene von Online-Hate spezialisiert hat. Sie spricht ab 3:56 darüber, dass Hass-Kommentare insbesondere eine Grundangst des Menschen träfen, nämlich die der sozialen Ausgrenzung. Als soziale Wesen, die evolutionär an das Überleben in und durch die Gruppe angepasst und darauf angewiesen sind, ist das durchaus ein wichtiger psychologischer Angriffspunkt.
Sie erwähnt aber auch eine zweite, wie ich finde, sehr wichtige Sache, nämlich das es auch auf die Psyche desjenigen ankomme, der von im weitesten Sinne, negativen Kommentaren betroffen ist. Sie führt das weiter damit aus, dass Betroffene anders damit umgehen, ob sie zurückangreifen oder sich zurückziehen, depressiv werden und sich ggf. am Ende umbringen. Worüber sie hier aber vor allem spricht, sind die Mechanismen von Mobbing, die tatsächlich ein Problem darstellen können, allerdings nicht so recht zu dem Phänomen passen, welches diese Dokumentation eigentich behandeln möchte, da es sich um eine Verfolgung bis in den (digitalen) Privatraum und ein Angriff gegen die Person selbst in ihrem Sein geht. Hier geht es in der Regel, inbesondere auf YouTube, um die Inhalte die die Leute ihrer Position als Content-Ersteller produzieren und letztlich auch zu verantworten haben.
Die Frage nach der psychischen Verfasstheit stellt sich hier nämlich ganz anders: Sollte ich als Content-Ersteller, mit einer starken Meinung (wie FUNK es gerne im eigenen Sprech ausdrückt), die ich in der Öffentlichkeit propagiere nicht a) eine gewisse professionalle Mindestdistanz zu meiner Arbeit zu wahren versuchen und b) auch den Backlash derjenigen aushalten können, die eben anderer Meinung sind? Es ist nicht zu bestreiten, dass scharf formulierte oder gar mit Beschimpfungen gespickte kritik noch einmal verletzender ist, als Kritik ohnehin schon, aber schon jede Kritik allein kann an der eigenen psychischen Verfassung kratzen. Wenn man also die Platzierung dieser Aussagen im Anschluss an Tariks traurigen Sermon reflektiert, kann man schon das Gefühl bekommen, das versucht wird den Zuschauer davon zu überzeugen, dass verschärfte Kritik, selbst wenn sie berechtigt wäre, problematisch ist, weil sie Gefühle verletzen kann, bis hin zur Möglichkeit eines Suizids. Man plädiert hier, zugespitzt gesprochen, praktisch für Narrenfreiheit. Denn um Mobbing geht es in den angeführten Fällen (weder bei Rayk noch bei Tarik) nicht und auch nicht in anderen Fällen, in die die in der Dokumentation erwähnten Kanäle involviert waren.

Wer sich, inbesondere professionell, mit kontroversen Ansichten oder Meinungen in die Öffentlichkeit begibt, Inhalte einem Publikum vorführt, muss das Echo aushalten können, dass müssen auch ein Shlomo oder Dorian, die selbst Hass, Verleumdungen bis hin zu Bedrohungen ausgesetzt sind oder auch ein kontroverser Aktivist wie der ebenso angeführte Martin Sellner, der sich Nachstellungen durch politische Gegner und schweren Sachbeschädigungen (sein Auto wurde abgefackelt) ausgesetzt sieht und die selbstredend Kritik auch aushalten müssen und das tun.
Anders herum funktioniert das Spiel mit der sozialen Ausgrenzung nämlich noch besser, während die genannten Kritiker Rayk und Tarik aufgrund deren Inhalten verwerfen, reicht es von genannter Seite aus, besonders Tarik war in der Vergangenheit mit solchen Begriffen immer sehr schnell bei der Hand, Leute fast schon beiläufig mit Begriffen wie Rassist, Sexist, Nazi, Rechtsextremer zu belegen, um diese einer tatsächlichen sozialen Ausgrenzung damit anheim zu geben.

Was uns zu Tariks Aussage zurückführt. Wenn er also liest, was für ein „Vollpfosten“ (respektive anderes) er ist, ist das womöglich kein nett gewählter Ausdruck, aber kann dennoch eine zutreffende Aussage sein. Loriot drückte es in einem berühmten Fernsehgespräch mit Marianne Koch, die darauf insistierte, dass man es doch nicht so böse ausdrücken könne/ müsse so aus: „Doch ich will es so böse sagen, denn so ist es. Punkt.“
Das jemand Kritik und auch Unmut oder sogar Hass gerechtfertigterweise auf sich ziehen kann, ist etwas das die Dokumentation hier nämlich gar nicht artikuliert und von grundlosen Beleidigungen und rassistischer Hetze abgesehen, etwa das Tarik, der sich nicht nur freiwillig sondern auch professionell der Öffentlichkeit aussetzt, etwas mit dem er leben muss, insbesondere, wenn er oder sein Programmchef es gerne kontrovers mögen oder schlechte Inhalte abliefern.

 

Modus des Enthüllungsjournalisten

Aber wie verhält es sich mit der angesprochenen Masse? Für Erleuchtung sorgt Tarik bei 4:26, denn dort spricht er davon, dass es „Hass-Animateure“ gäbe. Diese würden ihre Communities dazu bringen Videos und Kanäle mit Hass zu fluten. Genauer zitiert:

„Die wissen ganz genau, wie sie ihre Community dazu bringen, andere Leute richtig, richtig scheiße zu finden.“

Impliziert wird damit, dass die so bezeichneten Animateure manipulativ vorgingen. Das vermeintliche Motiv wird uns an dieser Stelle noch vorenthalten.
Wo Tarik Recht hat ist, dass die jeweiligen Kanalbetreiber meist verantwortlich sind für das Ausmaß des Backlashs. Sie sind Multiplikatoren, die natürlich mit ihrer Reichweite eine große Zuschauerschaft erreichen und diese kann entsprechende Schlüsse aus dem ziehen, was sie gesehen hat. Was aber mit Sicherheit unzutreffend ist, dass die Zuschauer manipuliert würden. Wenn in einem späteren Einspieler (bei 5:37) von Shlomo die Rede ist, dass die Leute der verdammte Ball wären, der getreten wird, dann deshalb weil sie in ihren Videos und Äußerungen und Anlässe für Kritik, Unmut und Hass selbst frei Haus liefern:
Die Datteltäter, die nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo so widerlich sind einer (Selbst)Zensur aufgrund von religiösen Gefühlen das Wort reden, Tarik der rassistische Spottreden auf die »privilegierten Weißen« hält, die sein von Rundfunkgebühren getragenes »unterprivilegiertes« Leben einschließlich dieser Spottreden finanzieren dürfen oder diese oder jene Netzfeministinnen, die uns trotz mehrfacher Widerlegung den Gender Pay Gap verkaufen oder jungen Menschen erzählen wollen, dass Übergewicht gesund und schön sei.
Keiner der erwähnten Kanäle muss lügen oder manipulieren, sondern es reicht die gemachten Aussagen heranzuziehen und sie kritisch zu durchleuchten und das ohne sie, wie es diese Dokumentation bisher tut, aus dem Zusammenhang zu reißen.

Der Masse-Effekt, der sich durch Kanäle wie Idiotenwatch und Die Vulgäre Analyse und ihrer Reichweite aufbaut, ist der gleiche, wie bei Enthüllungsjournalisten in den klassischen Medien. Hier wird ein Phänomen problematisiert und einer größeren Menge an Leuten bekannt gemacht. Und wenn nicht nur einzelne Beiträge problematisch sind, sondern beinahe das ganze Portfolio aus tendenziell sogar gefährlichem Grütz besteht, dann richtet sich die Kritik irgendwann eben grundsätzlicher gegen Kanäle oder die ganze Kanalstruktur an sich. Vor allem wenn die Leute indirekt mit ihrem Gebührengeld dafür bezahlen sollen, ohne über andere Formen der Programmmitgestaltung zu verfügen. Ein Punkt wo man sagen muss, wo FUNK den Status eines Web 2.0-Angebotes immer noch nicht erreicht hat. Und natürlich werden die Leute, die über das Problem informiert worden sind, gerade wenn die Möglichkeit zu Kommentaren oder zu Dislikes besteht, diese Möglichkeiten nutzen, um ihrem eigenen Unmut Luft zu machen.
Um die Absurdität des Begriffes „Hass-Animateur“ und der Vorstellung einer gelenkten, manipulierten Zuschauerschaft zu verstehen, mag man sich vorstellen, dass Günther Wallraff mal wieder einen Gammelfleisch-Skandal in einer Fastfood-Kette aufgedeckt hätte, es dazu einen Beitrag gab, wo beispielsweise urige Werbebilder mit der Realität konterkariert werden und im Anschluss daran Kunden die Kette boykottieren und ihrem Ärger in Briefen, auf Social Media oder ggf. sogar in Demonstrationen Luft machen und Wallraff dann als sensationsgeiler „Hass-Animateur“ hingestellt wird.

Letztlich herrscht hier aber auch eine sehr verschobene Wahrnehmung von organisiertem Angriff und Einzelpersonen. Nicht jedes Video wird von einem kritischen YouTuber aufgegriffen und behandelt, deshalb wirkt jedes Video, dass dann doch behandelt wird, wie ein Ausreißer. Es erhält auf einmal ungewöhnlich viele Aufrufe und ungewöhnlich viel negative Interaktion. Auf den Videoersteller wirkt es daher wie ein Angriff der erst organisiert werden musste. Die Idee, dass eine Masse an Einzelpersonen, die nach dem Schauen eines kritischen Videos beschließen, einen schlechten Inhalt abzustrafen, ohne explizit dazu aufgefordert worden zu sein oder sich mit anderen abzusprechen, eben auch eine Masse an negativer Interaktion ergeben kann, scheint Tarik nicht aufzugehen.

Das Argument von mehr Dislikes als Views, womöglich um Botnetze dahinter zu vermuten, (bei 4:45) ist zudem auch schwach. Entsprechende Probleme bzw. Verzögerung bei der Aktualisierung der View-Zahlen sind hinlänglich auch von größeren YouTubern, wie bekannten Lets Playern, bekannt. YouTube hält diesbezüglich auch einen eigenen Info-Text in seiner Hilfe-Sektion vor. Da die Kerninhalte eines kritisch durchleuchteten FUNK-Beitrages, wenn nicht der gesamte Videoinhalt bereits im Video des Kritikers auftauchen, beläuft sich die tatsächliche Interaktion mit dem Original ggf. auf ein Minimum, weshalb der Videoaufruf von YouTubes-Algorithmen, wie dort beschrieben, nicht gezählt wird.

Wo ich den Machern der Doku ein Stück aber entgegenkommen möchte, ist beim Stil der Kritikvideos. Der Einsatz von verschärfter Kritik, von Beleidigungen, etc. kann die Hemmschwelle von Zuschauern, die dann darangehen kritische Kommentare zu verfassen, selbst Beleidigungen zu verwenden oder sich nur auf die zu beschränken, wahrscheinlich absenken. Letztlich ist der Kritiker da aber nicht mehr in der Verantwortung als jeder selbst, zumal im ohnehin rauen Internet, der Ton des Kritikers wohl kaum als zweifelsfrei kausal angesehen werden kann, wenn beleidigende Kommentare verfasst werden.

 

Hass wird nicht organisiert, sondern provoziert

Rayk möchte sich aber dennoch auf die Suche nach organisiertem Hass machen. Hier kommt bei 5:00 seine zweite Fachkraft in Spiel. Cornelius Puschmann wird uns als Hatespeech-Experte vorgestellt (man mag hoffen, er hat dafür eine konkretere Definition als die Amadeu-Antonio-Stiftung). Und hier muss ich leider sagen, bleibt von dem kurzen Einspieler des Experten kaum mehr als nebulöses Geschwafel hängen, ein Problem das womöglich dadurch entsteht, dass wir die Fragen, die ihm gestellt wurden nicht hören und nur seine Antworten präsentiert bekommen und es unklar bleibt worauf er sich bezieht. Er spricht von „Anzeichen“ dafür, dass es „organisierte Machtkämpfe“ gebe. Es bleibt völlig unklar welche Anzeichen das sein sollen, ebenso von welchen Machtkämpfen – wer gegen wen, warum überhaupt – die Rede ist. Aber man behalte für später, wenn wir uns an anderer Stelle mit den Infokriegern beschäftigen diese Aussage noch einmal im Gedächtnis. Aber auch hier wird noch einmal das Narrativ bemüht von Personen die sich „extra zu dem Zweck zusammenschließen gemeinsam Shitstorms hervorzurufen“ sowie „gezielt andere anzugreifen und zu mobben“.

Das Shitstorms die logische Folge einer kritischen Enthüllung sein können, wie ich es beschrieben habe, wird hier ein weiteres Mal ignoriert. Um einen Missstand zu lösen, muss er aufgedeckt, angeprangert und natürlich durch Empörung ein Bewusstsein in der anzusprechenden Zielgruppe geschürt werden, die sich im Fall von Boykott, Beschwerde oder Kommentar eine ausreichende Gravitas verschafft, um damit die Verantwortlichen entweder zur Abstellung des Missstandes zu bewegen, notfalls zu zwingen oder die Fortsetzung des Missstandes dadurch zu beheben, in dem ihre Existenz (nicht als Menschen, sondern in unserem Fall als Programm) erschwert wird.
Letztlich hat Puschmann in dieser Hinsicht nichts beizutragen, weil entweder die Fragen an ihn falsch gestellt wurden und er die Fälle, über die wir hier reden, nicht richtig erfasst hat oder aber er ist selbst auch der Illusion erlegen, Hass und Unmut seien per se problematisch.

In einem Schaubild sehen wir im Anschluss die Kanäle der Vulgären Analyse und Dorian dem Übermenschen. Rayk spricht hier von Hate-Communities, die sich um die Kanalbetreiber versammeln. Sie werden uns noch einmal als exemplarische Beispiele vorgeführt, um eine virtuelle Hassbewegung zu verdeutlichen, die sich dann vornehmlich gegen Kanäle von FUNK richtet. Von „Wellen der Hatestorms“ ist hier die Rede und man nimmt die Tatsache, dass immer wieder die gleichen Akteure auftauchen zum Anlass, dass als gelenkte Empörung wahrzunehmen. Auch hier noch einmal: Wenn FUNK Grütz produziert und sich Dorian oder Die Vulgäre Analyse diesem Grütz annehmen, ihren Zuschauern also vorführen, was dort für ein »gefährlicher« Unsinn produziert wird, löst das notwendiger Weise bei den Zuschauern eine Reaktion aus und das ganze ohne, dass der „Hass“ per Absprache organisiert oder die Leute dazu aufgefordert werden müssen, etwas zu unternehmen. Der Impetus stellt sich alleine ein, zumindest wenn man Aussagen von FUNKern nicht stehen lassen will. Etwas, das mein Wallraff-Beispiel hoffentlich deutlich gemacht hat.
Es ist daher auch nicht ungewöhnlich, wenn es immer wieder die gleichen Akteure sind, was auch nicht zutreffend ist, da die Szene in den letzten zwei Jahren deutlich gewachsen ist, nur nicht alle die Reichweite eines Dorian oder Shlomos erreichen, denn diese Leute haben sich wie Lets Player ihre Nische darin gebaut eben YouTube-Kritiker zu sein. Manche befassen sich hauptsächlich mit dem politischen YouTube mit dieser oder jener Motivation, andere Kanäle kritisieren weiträumiger wie Imp und Dorian.

Ab 5:48 versteigt sich Rayk daher in einige unbelegte Behauptungen. Mit der bereits zuvor erwähnten Äußerung von Shlomo zum »Ball der getreten wird« (etwas das, wie geschrieben darauf abzielt, dass die Inhalte, die FUNK produziert letztlich ausreichen, um sie dafür in Grund und Boden zu stampfen und das es eben keines irgendwie gearteten persönliches Hasses gegen Personen bedarf) wird dann zu einer ersten Conclusio übergeleitet:

„Sie stacheln ihre Communities auf, die Videos von anderen sollen massenweise mit Beleidigungen geflutet werden. Eine Debatte, ein Austausch von Argumenten ist gar nicht das Ziel. Sie sind Trolle.“

Es ist richtig, dass die Videos dem Effekt von Enthüllungsjournalismus folgend, aufstacheln und auch aufstacheln sollenn, es wird schließlich ein Problem benannt für das ein Bewusstsein und Abhilfe erzeugt werden soll. Wenn man das Thema nicht für relevant hält, würde man ja auch kein Video darüber machen. Das Videos von anderen aber mit massenweise Beleidigungen geflutet werden sollen, wird nicht belegt, ist schlichtweg für die Fälle, die hier betrachtet werden, erfunden. Wenn überhaupt wurde dazu aufgefordert, die Videos zu kritisieren und zu disliken, wenn man auch der Ansicht ist, dass das Video problematisch ist. Von Beleidigungen, von Mobbing gar, war hingegen nie die Rede gewesen. Der größte diesbezügliche Aufruf erging damals als darum gebeten wurde, den Offenen Brief des Doktorant zu teilen oder FUNK schriftlich auf die rassistischen Tiraden des noblen Netzaktivisten Tarik hinzuweisen.
Wie sieht es aber mit der Debatte aus? Das ist eine Medaille mit zwei Seiten, einmal die Seite des idealtypisch gesprochen Idealisten und der des Zynikers. Der Idealist glaubt (noch) daran, dass durch Kritik die Zielpersonen dazu bewegt werden könnte, sich zu verbessern und Probleme abzustellen. Der Zyniker sieht (inzwischen) diesen Versuch als hoffnungslos an und richtet sich viel mehr an sein Publikum in der Hoffnung den nötigen Veränderungsdruck aufzubauen und eine Abstellung der Probleme statt über Einsicht dann durch Druck herbeiführen zu können. Wenn wir uns die ganzen von Rayk sogenannten Hate-Communities ansehen, sind die Videoersteller (vom Zuschauerfeld gar nicht zu sprechen) über das gesamte Spektrum gestreut. Wir haben ruhige und nachdenkliche Stimmen wie Kas’im von Lehon oder den Doktorant, wir haben die scharfen Kritiker, die es aufgegeben haben mit FUNK noch vernünftig kommunizieren zu wollen wie Insanitry oder Die Vulgäre Analyse und Vieles dazwischen.
Und sicher niemand springt sofort, wenn ein dahergelaufener Videomacher einem kritische Vorhaltungen macht und sich Änderungen wünscht, aber wenn man andere wegen Dialogverweigerung schulmeistern will, sollte man vielleicht nicht selbst derjenige sein, der kritische Kommentare (selbst der sachlichen Sorte) löscht, spöttelnd oder herablassend beantwortet oder Gesprächsangebote entweder abblockt oder zu unmöglichen Bedingungen unterbreitet und jedwede Kompromissvorschläge rundheraus ablehnt. All das habe ich erlebt als das besagte Angebot zur „Hasstherapie im Netz“ ergangen war, einmal in dem Vorgang, wie er sich schließlich entwickelt hat, als auch wie das Kommentar-Team von FUNK auf die Kommentare unter ihrem Video eingegangen bzw. auch nicht eingegangen ist.
Das es auch anders geht und nicht an den vermeintlichen „Trollen“ scheitert, hat MrWissen2go, Mirko Drotschmann, respektabel bewiesen, der sich auf einen Livestream mit Shlomo Finkelstein eingelassen und dabei auch eine durchaus gute Figur gemacht hat und an dem DVA nur noch hin und wieder etwas, aber auch nicht fundamental zu kritteln hat. In machen Dingen liegen einfach Welt- und Menschenbilder zwischen den Beiden, aber man konnte sich grundlegend verständigen. Man sah hier auch, dass die Beleidigungstiraden vor allem Show zur Unterhaltung sind und keineswegs das Klima darstellen, das einem in einem persönlichen, sachlichen Gespräch mit Shlomo erwarten würde. Das muss wohl bei den Recherchen untergegangen sein.
Auch der angeführte Dorian (oder sein Freund Imp) sind ebenso wie viele andere grundsätzlich gesprächsbereit. Also zu behaupten, dass weder Dialog gewollt noch das Ziel ist, ist eine Behauptung ohne jede Substanz, um das eigene Troll-Narrativ zu pushen.

Und das führt mich zu einem zentralen Grundproblem, dass sich in dieser Dokumentation bis zum Ende durchziehen wird. Es mangelt an definitorischer Trennschärfe, was die verschiedenen Kategorien angeht und die Zuordnung von Personen zu diesen Kategorien.

Mangelnde Trennschärfe: Trolle? Hater? Kritiker? Welchen Hass meinen Sie?

Ab 6:00 kommt nämlich Rayks dritter Experte ins Spiel. Das ist Michael Seemann, Kulturwissenschaftler und Blogger. Er liefert uns auch eine adäquate Beschreibung dessen, was ein Troll ist:

„Also ein Troll ist ein Internetnutzer, der gerne die Kommunikation von anderen Internetznutzern stört und sich daraus einen Spaß macht. Und bestimmte Diskussionen können im Internet gar nicht mehr wirklich stattfinden, weil sie von Trollen heimgesucht werden und weil sich Leute eben zurückziehen aus dem Internet, weil sie nicht mehr mit den Trollen umgehen können.“

Rayk ergänzt dazu folgende Methoden:

„Mit einer Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten und Beleidigungen versuchen Trolle andere Menschen zu reizen. Sie tun das meist aus dem Schutz der Anonymität heraus.“

Um nun zu Rayks Feststellung noch einmal zu kommen, sind die Fälle, die er uns als exemplarisch vorgeführt hat, nun Trolle? Redet er selbst eigentlich konsequent über Trolle? Schließlich ging es doch zunächst um Hass? Ab 6:36 scheint Rayks Team nämlich großen Aufwand betreiben zu wollen, um sich in Trolle hinein zu denken und zu verstehen, „was macht ein Hater oder was macht ein Troll“.

Jetzt sind wir doch wieder plötzlich beim Begriff Hater. Und so wird es auch den Rest der Dokumentation über bleiben, nur werden noch weitere Begriffe gebraucht und hineingerührt werden, ohne das wirklich deutlich gemacht wird, welchen Personen mit welcher Begründung oder Berechtigung welches Etikett aufklebt wird. Bis auf den dezidierten Troll werden wir keine weitere Definition bekommen, denn das Rayk diese Leute allesamt für Trolle, aber gleichzeitig auch für Hater und Rechtsextreme (wird noch kommen), hält und das alles irgendwie dasselbe ist, hat er bereits benannt.

Wir können Seemanns Definition eines Internet-Trolls nach meinem Dafürhalten unbeleckt übernehmen. Wir müssen aber denke ich noch zwei Phänomene davon trennen, dass sind die erwähnten Hater und das sind Kritiker. Das Phänomen des Trolls ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass der Troll nichts von dem, was er schreibt oder sagt, wirklich ernst meint. Da es sein Ziel ist in anderen Ärger hervorzurufen, um sich daran zu erfreuen, wird er bewusst übertriebene Positionen oder Meinungen vertreten (selbst dann wenn er diese im echten Leben nicht vertreten würde), um andere zu einer Reaktion zu provozieren und damit nicht selten ernstgemeinte Diskussionen bewusst zu entgleisen oder vom eigentlichen Thema abzubringen.

Der Kritiker betreibt seine Kritik im Gegensatz zum Troll nicht zum Spaß sondern im Ernst. Er wird vom Willen auf positive Veränderung getrieben. Dieser Veränderungswille kann sich auf die technische Qualität, die Inhalte oder das Gebahren eines Contenterstellers einerseits beziehen oder sich andererseits an einen höheren Zweck, zum Beispiel die Verbesserung der Qualität einer ganzen Plattform adressieren. Im speziellen Fall des politischen YouTubes tritt hier auch noch eine politische Wirkungsabsicht im Sinne eines gesellschaftlichen Korrektivs hinzu. Der Kritiker begründet daher seine Ablehnung oder sein Missfallen argumentativ. Selbst eine scharfe oder polemische Kritik, sofern sie sich dennoch an konkrete benennbare Mängel richtet, ist als Kritik zu werten.

Im Gegensatz dazu steht der Hater. Dieser wird von einer starken persönlichen, meist irrationalen Antipathie gegen eine Person (einen bestimmten Content-Ersteller) oder ein Phänomen (wie ein bestimmtes Spiel, einen Film, etc.) getrieben. Sein Missfallen basiert nicht auf einem Empfinden von Mängeln sondern ist prinzipieller Natur, was bedeutet das er durch keine Form von positiver Veränderung zufriedenzustellen oder auch nur daran interessiert ist. Diese Antipathie treibt ihn dazu die Person, die er ins Visier genommen hat zu nerven oder sonstwie zu schädigen und andere Leute entweder dazu zu bringen, seine Abneigung zu teilen oder ihnen den Spaß zu verderben.

Die Übergänge können fließend sein bzw. kann es Grauzonen in den Zwischenräumen geben. So können sich im Zuge einer längeren kritischen Auseinandersetzung auch Antagonismen und auf denen aufbauende Community-Effekte herausbilden. Solange diese Gegnerschaft aber weiterhin inhaltlich und nicht prinzipiell gepflegt wird, rutscht sie nicht in den Bereich reines Hates ab.

 

Vornehmlich Kritiker keine Trolle

Da wir dies nun festgehalten haben, schauen wir uns Kanäle wie Dorian, Die Vulgäre Analyse, Idiotenwatch oder Martin Sellner, die uns hier als Hater oder Trolle präsentiert wurden an. Der polemische Stil kann augenscheinlich an Hater erinnern, ich habe ja schon eingeräumt, dass Polemik womöglich nicht die beste Methode ist, dass Kritik angenommen wird, sie ist aber probates Mittel, dass sie gehört wird. Trotz des polemischen Stils den die erst genannten Drei draufhaben und Martin Sellner gar nicht, so beschäftigen sie sich inhaltlich vor allem argumentativ mit den Videos, die sie einer Kritik unterziehen, greifen nicht nur dessen optische Qualität sondern vor allem deren inhaltliche Aussagen an, zeigen wo diese nicht stimmen oder wo sie problematische oder gefährliche gesellschaftliche Entwicklungen befeuern oder verschleiern und machen dies einem größeren Publikum auf verständliche Art zugänglich.
Den Beweis für die Anschuldigungen, dass hier mit Halbwahrheiten oder Lügen operiert würden (etwas das FUNK selbst gerne tut, siehe Gender Pay Gap) bleibt uns Rayk schuldig, ebenso wie FUNK, die einer inhaltlichen Auseinandersetzung bis dato immer ausgewichen sind. Rayks einziger bisheriger Versuch argumentativ gegen eine von Shlomo verwendete Grafik vorzugehen und diese als Schwindel zu entlarven, war ebenso schief gelaufen. Die Dokumentation ist hier in einer Beweispflicht. Es wird aber nicht geliefert.
Die Kritik, die die genannten Kanäle in der Vergangenheit an FUNK geäußert haben, war völlig ernst gemeint und geschah nicht allein um andere zum Spaß zu ärgern, sondern problematische Entwicklungen kritisch zu begleiten, auch wenn der Schlagabtausch ein gewisses Vergnügen bereiten kann. Rayk selbst hat ja gesagt, dass er die Diskussionen schätzt. Die Kommunikation wurde entsprechend auch mitnichten gestört, denn tatsächlich gehört zur Diskussion, bspw. in den Kommentaren, eben auch Kritik und Widerrede dazu. Wenn die Kontroverse groß ist, ruft sie ein entsprechendes Echo hervor, dass natürlich einen Kommentarbereich prägt. Es wäre ein merkwürdiges Verständnis von Kommunikation, wenn man darunter nur positives Feedback verstehen will.
Zugleich ist die Kritik nicht Selbstzweck sondern zielt darauf ab, gewisse als positiv empfunde Entwicklungen vorzunehmen oder anzustoßen. Diese werden von den einzelnen Kanälen anders beurteilt, so möchte Shlomo einen kritischeren Blick auf den Islam herbeiführen, anderen ist die Tatsache, dass FUNK auf Staatskosten eine eigene ideologische Agenda verfolgt zuwider, Dorian und Imp sind vor allem an der Verbesserung von YouTube interessiert in dem Kanäle verschwinden, die dessen Qualität herunterziehen und Martin Sellner ist in seiner Sonderrolle als politischer Aktivist natürlich an einer gesellschaftlichen Verbreitung seiner Ansichten interessiert.

Also weder die von Seeman präsentierte Definition eines Trolls noch die eines irrationalen Haters sind zutreffend für die vorliegenden Fälle. Rayk greift sich also zwei von Internet-Usern aus guten Gründen eher verabscheute destruktive Nutzergruppen heraus und versucht seinen Kritikern dieses Etikett aufzukleben. Es stellt sich nun die Frage, sind Rayk und sein Team geistig nicht fähig Hater, Trolle und Kritiker trennscharf auseinander zu halten, diesen Eindruck machte die Dokumentation bisher, oder tun sie es bewusst nicht.

Wir können nach sieben Minuten des Films also endgültig feststellen, dass wir hier zum Thema Hass im Netz oder Trollkultur keine allgemeinen informativen Einsichten erwarten können, sondern das FUNK sich alle Mühe gibt sein Format dazu zu nutzen, sich nicht etwa inhaltlich mit der an es herangetragenen Kritik auseinanderzusetzen und die vermeintlichen Halbwahrheiten und Lügen aufzudecken, sondern seine Gegner zu verleumden und in den Ruch destruktiver und rechtsextremer Elemente zu rücken. Dazu kommen wir gleich.

Undercover-Troll mit multipen Klischee-Persönlichkeiten

Zunächst wird uns ab 6:57 Sybel vorgestellt.Sie ist Rayks Undercover-Troll, besitzt mehrere Identitäten, wie Peter, 35, der junge YouTuber nervt; Michael, 28, der keine Frauen in Kommentarspalten mag und Johanna, 22, die sich mit anderen Trollen auch anfreundet und sich womöglich so Privatinformationen erschleicht. Und ich komme irgendwie nicht drüber hinweg, dass man hier derartig stereotyp Klischees reproduziert, die man sonst so gerne attackiert. Klar ein frauenhassender Nerd. Man fragt sich auch unwillkürlich, ob FUNKs strohmännische Feindbilder nicht vor allem in ihren eigenen Köpfen existieren. Aber mal von den Stereotypen abgesehen, ist es zumindest erfreulich, dass Sybel bei 7:30 wenigstens im Bezug auf die sozialen Kontakte zu anderen Trollen, moralische Skrupel empfindet, wenn sie diesen Leuten etwas vorspielt. Ich will an der Stelle aber positiv vermerken, dass mir Sybel als sympathisch und an ehrlichem Verständnis interessiert aufgefallen ist, etwas das mir bei den anderen Leuten aus Rayks Team völlig abging beim Anschauen.

Aber an ihrer Identität „Michael, 28“ sehen wir auch noch einmal die Krux der Unterscheidung von Troll und Hater. Mal davon abgesehen, dass sie diesen Michael sowieso nur spielt, spielt sie jemanden der vorspielt, Frauen nicht zu mögen, um damit Leute zu ärgern oder Reaktionen zu provozieren, also Leute zu trollen oder spielt sie jemanden, der wirklich der Meinung ist, dass Frauen im Internet nichts zu suchen haben und die Klappe halten sollten? Eine für die Dokumentation letztlich nicht entscheidende Frage, über die man aber noch einmal sinnieren sollte, wenn man denn schon mit dem Trollbegriff um sich wirft.

 

Imp & Dorian: Übermenschen gegen YouTube-AIDS

Das bringt uns dann zum Höhepunkt dieses ersten Teils nämlich Imp und Dorian, den Übermenschen ab 7:40. Rayk bezeichnet sie als Trolle und hat unbeschadet von dem, was ich zuvor schrieb, nicht ganz Unrecht. Die Ausschnitte die Rayk uns aber zeigt, um dies zu untermauern sind aus ihrem „Lösch dich“ an FUNK und dies stellt vor allem eine, wenn auch launige, inhaltliche und qualitative Auseinandersetzung mit den verschiedenen Hosts von Jäger&Sammler dar. Es geht also mal wieder um Kritik. Imp und Dorian machen aber insbesondere auf Twitter und in ihrer Involvierung in das sogenannte Drachengame, als auch mit Schüssen gegen verschiedene YouTuber (unter anderem auch den erwähnten Martin Sellner, den beide kritisieren und regelmäßig auf Twitter verarschen) klar, dass sie Spaß am Trollen haben und auch als Trolle unterwegs sind, nur nicht in dem Format, das Rayk uns als Beweis vorlegen will. Von all den Kanälen, die uns bisher als Troll-Accounts präsentiert wurden, kommen Imp und Dorian dem noch am nächsten. Was hat Rayk uns also über die beiden zu erzählen?

„Während die meisten Trolle anonym blieben, zeigen zwei ihr Gesicht. Imp und Dorian, selbsternannte Übermenschen. Sie inszenieren sich als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Menschen mit anderen Ansichten sollen sich bitte löschen“

Na wenn das nicht wie beste Doppelmoral klingt. Zumindest in der Welt von Rayk. Nun muss man ein bisschen weiter ausholen. Bevor Dorian und Imp so ein bisschen ins politische YouTube geschlittert sind, waren sie in einer anderen Art von YouTube-Kritiker-Szene unterwegs, manche dort nennen sich Kanal-Zerstörer, andere kämpfen selbsternannt gegen sogenanntes YouTube-AIDS.
YouTubes Wachstum als Plattform und die Möglichkeit damit berühmt zu werden und ein gewisses Einkommen zu erzielen haben zu Entwicklungen geführt, die nicht wenige Nutzer der Plattform, die sie vor allem noch von früher kennen, als problematisch oder nervig empfinden. Clickbait-Titel, rote Kreise, Pfeile, Titel in Capslock, Titten in Thumbnails sind noch die harmloseren Möglichkeiten einer Entwicklung die darauf setzt inhaltlich und qualitativ minderwertige Videos zu produzieren, auf maximale Reichweite und Klickraten zu optimieren und Zuschauer nur noch als Klickvieh zu sehen, dass im schlimmsten Fall dann auch noch von persönlich und moralisch minderwertigen YouTubern mit falschen Gewinnspielen verarscht, mit vorgespielter Anteilnahme eingelullt, herablassend behandelt oder um Spenden angebettelt wird.
Kanäle wie zum Beispiel Just Nero oder Firegoden, den Älteren ist vielleicht auch noch DerErnstling (praktisch ein früher Shlomo Finkelstein) bekannt, hatten dann damit begonnen mit eigenen kritischen Videos gegen solche Kanäle und Trends vorzugehen und letztlich auch deren Selbstlöschungen zu erwirken, um YouTube als Plattform zu verbessern. Ich würde Imp und Dorian dieser Kategorie mehr noch als der der politischen Kritiker zuordnen, daher auch die ausgeprägte Neigung zum Trollen. Für sie stellt FUNK nichts anderes als ein weiteres minderwertiges Programm dar. Schließlich wurde mit KuchenTV auch schon ein anderer, mehrheitlich unpolitischer Kanal einem „Lösch Dich“ unterzogen.

Wenn Rayk also hier behauptet, dass gefordert wird, dass Leute sich löschen sollen, weil sie allein andere Ansichten hätten, dann blendet das völlig die inhaltliche Ebene der Kritik aus, an der Qualität, den Inhalten und dem persönlichen Verhalten der kritisierten Videoersteller. Letztlich ist das „Lösch dich“ eine humorige Aufforderung an den zumeist fundamental Kritisierten und Bloßgestellten sich und anderen einen Gefallen zu tun seine Netzexistenz, for good sake würde man wohl im Englischen sagen, zu beenden. Und in der Regel ging diesem „Lösch dich“ dann auch schon eine längere Auseinandersetzung voraus, in der klar geworden war, dass man auf eine positive Veränderung nicht mehr zu hoffen brauchte. Letztlich ist es auch nur eine Aufforderung, anders als zum Beispiel der Missbrauch des YouTube-Meldesystems um missliebige kritische Videos unter Missachtung des Zitatrechtes (wurde für diese Dokumentation eigentlich in irgendeiner Form eine Erlaubnis zur Verwendung des fremden Videomaterials eingezogen oder kennt man bei FUNK plötzlich doch Zitate?) löschen zu lassen und dabei eine Kanallöschung ebenso billigend in Kauf zu nehmen.

 

Nazi-Keule: Verleumdungen am Fließband

Aber machen wir weiter. Denn Rayk fährt jetzt die dicken Geschütze auf:

„Dorian und Imp ärgern sich außerdem, dass man in Deutschland nicht den Holocaust leugnen darf“

Dazu ein Einspieler aus der YouTube-Sendnung Netzprediger von MassengeschmackTV, in dem dies mit den Beiden zu Gast das Thema war. Darin sagt Imp gerade passend zu dieser Aussage von Rayk, dass man ja nicht zu 100% etwas wissen könne, wo man nicht dabei war. Natürlich völlig sinnentstellt aus dem Zusammenhang gerissen. So entsteht eben der Eindruck, dass Imp und Dorian selbst Holocaust-Leugner seien und sich deshalb darüber ärgern, dass Holocaust-Leugnung unter Strafe steht. Ekelhaft, Rayk. Wirklich ekelhaft. Hier das Interview im Gesamtkontext:

Es wird damit nämlich mal eben unterschlagen, dass Dorian und Imp in der gleichen Sendung diejenigen als geistig behindert klassifiziert haben, die tatsächlich davon ausgehen, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe.

Am Beispiel der Möglichkeit etwas nicht mit 100%iger Sicherheit zu wissen, wenn man nicht dabei war, versuchen sie zu begründen, warum es erforderlich ist, erstens Wahrheiten nie ohne kritische Quellenprüfung zu übernehmen und vor allem warum es nicht sein kann, dass etwas vor allem in der Form eines Gesetzes als Wahrheit strafbewehrt festgelegt wird. Dieses Prinzip hat Bertolt Brecht angelehnt an den realen Fall in seinem „Das Leben des Galilei“ verarbeitet, in dem die wissenschaftliche Erkenntnis des Galilei konträr liegt zu der lange bestehenden und absolut gesetzten und weit verbreiteten Überzeugung der Kirche und des Altertums, dass die Erde das Zentrum des Universums sei. Mit der Folge, dass Wissenschaftler, die etwas anderes behaupteten, auf dem Scheiterhaufen landeten. Ein Schicksal, das Galilei auch drohte. Hätte sich die Kirche mit ihrem Deutungsanspruch durchgesetzt, wären heutzutage womöglich Runderdler oder Heliozentristen marginalisierte Verschwörungstheoretiker. Es ging darum dieses Prinzip zu verdeutlichen, nicht darum die historische Belegung des Holocaust in Frage zu stellen.

Ihr Punkt war vielmehr, dass Holocaustleugnung praktisch ein Meinungsverbrechen sei und ein solches mit ihrer Vorstellung von Meinungsfreiheit nicht vereinbar ist und man auch die Frage stellen muss, ob man in der heutigen Zeit, in der der Holocaust zur Schul- und Allgemeinbildung gehört, dieses Gesetz überhaupt noch einen nachvollziehbaren Zweck erfüllt. Eine Diskussion, die wir an dieser Stelle nicht führen werden, die dem ganzen aber gleich mal einen ganz anderen Hintergrund gibt als den, den uns Rayk hier präsentieren will. Da können Dorian und Imp noch froh sein, dass sie niemandem an die Kös gefasst haben.

Dann heißt es bei 8:08 weiter:

„Dorian fällt auch mal auf durch T-Shirts mit HKNKRZ-Aufschrift oder Konzentrationslager-Punchlines“

aber nehmen wir das hier noch bei 8:19 dazu:

„HKNKRZ-T-Shirt, Beleidigungen gegen Frauen, Schwule, Andersdenkende, ziemlich viel Scheiß der da zusammen kommt, aber warum das Ganze?“

Ja hier kommt tatsächlich eine Menge „Scheiß“ zusammen. Beleidigungen gegen Frauen, Schwule und Andersdenkende werden uns nicht vorgeführt, aber vermutlich bezieht sich Rayk auf „Lösch dich“. Wir bekommen keinen Kontext und können daher nicht einschätzen, ob sich die Beleidigungen gegen Frauen als Frauen oder Schwule als Schwule richten, also sexistisch oder homophob motiviert sind. Es wird der Eindruck erweckt (ansonsten würde man es wohl kaum so betonen), das dies genau der Grund sei, obwohl mir von Dorian so etwas weder aus Lösch dich noch aus einem anderen Zusammenhang bekannt wäre. Vielmehr geht es vermutlich um Beleidigungen gegen Suzie Grime oder Tarik, die aber aufgrund ihrer Inhalte beleidigt werden, nicht wegen der Tatsache, dass sie eine Frau und er schwul ist. Andersdenkende werden hingegen dafür angegriffen und kritisiert, dass sie problematischen engstirnigen Ideologien folgen. Eine durch die Schlagrichtung des Lösch dich-Formats gegen FUNK bestätigte Selbstauskunft Dorians, zu der wir noch kommen.

Und dann wären da noch das HKNKRZ-T-Shirt und die Holocaust-Punchlines. Dies belegt man uns mit einem in diesem Zusammenhang viel zitierten Rapvideo von Dorian. Dieses war ein Beitrag zur 64tel Runde des Videobattleturniers (VBT) 2015. Dabei treten in den Runden je zwei Rapper gegeneinander an und versuchen in aufeinander bezogenen Videos den jeweiligen Gegner in Rapform zu schmähen. Der bessere Rapper kommt dann eine Runde weiter.
Nun ist harte Sprache, Provokation und das Kokettieren mit allem Anstößigen eine übliche Pose in der Rap-Szene. Nun gibt es freilich auch ausgewiesen rechte Rapper, doch die Frage ist, ob Dorian dazu gehört und seine Punches entsprechend ernst zu nehmen sind.

Wenn man sich nicht nur isoliert einige Punchlines herausschneidet, die gut zu der vermeintlichen Holocaust-Leugnung passen, sondern das ganze Video und den Kontext herannimmt, mag einem doch ein arger Zweifel daran kommen. Nicht nur das Dorian in schlechter, überzogener Kostümierung auftritt (mit dem Shirt und einem schlecht sitzenden Bärtchen) und mit besonders provokanten Lines auftritt, konterkariert er sich in humoristischer Weise eben selbst.
Sein Rundengegner Raka87 selbst ist käseweiß, hat wenig Kopfbehaarung und wirkt rein äußerlich wie ein klischeehafter Skinhead (freilich ohne einer zu sein, das weis man auch). Was Dorian zum Anlass nimmt, sich über das Aussehen seines Gegners lustig zu machen, in dem er ihn sich als Nazi vorstellt.
Zunächst etabliert sich Dorian selbst als eugenistischer Ober-Nazi, der andere ins KZ stecken will und greift dann unvermittelt Raka (der im Videotitel zu Raka88) wird, für das imaginierte rechte Gedankengut (u.A. „Diesen Fotos nach zu urteilen bist du Bitch ein rechter Schwachkopf
Du bist seit man denken kann ein Skinhead“ ; „Und wie man mir verlässlich neben Fotos auch bezeugte
Hat er auf einem Konzert sogar den Holocaust geleugnet“) an. Was als eine Form von Ironie gedacht war. Das Video und die Lyrics zum Nachlesen habe ich verlinkt.

Die damaligen Zuschauer, nachzulesen in vielen Kommentaren zu der Runde (bspw. hier), nahmen es auch genauso wahr und störten sich daher auch nicht weiter an den provokanten Lines, sondern beklagten eher den reichlich konstruierten, mangelhaften Gegnerbezug und natürlich dass der dahintersteckende Humor eher infantil oder holzhammerartig war.

Man muss diese Form von Humor nicht mögen, aber mann kann den Unernst des Videos auch ohne guten Willen erkennen. Entweder sind Rayk und sein Team auf den ersten Augenschein hereingefallen oder haben sich womöglich ohne weitere Prüfung des Gesamtwerkes auf eine reichlich reißerische Darstellung Dorians bei Belltower-News verlassen.

 

Trolle mit Gestaltungsanspruch

Sybel wenigstens fragt sich, was die Personen, denn so selbst von sich denken und darüber, was sie und Rayks Team von ihr halten. An sich lobenswert, da das Fundament dieser Annäherung aber auf massiven Missinterpretationen beruht, kann man sagen, dass der hehre Versuch wohl zum Scheitern verurteilt ist. Wenn ich verstehen will, warum jemand bösartig ist, aber die Annahme das jemand bösartig ist, schon nicht zutreffend ist, dann kann ich daraus auch kein tieferes Verständnis mitnehmen, weil man aneinander vorbei reden wird. Aber man getraut sich dann doch die verfemten Übermenschen zum Interview zu bitten. Das wird uns in der Dokumentation in Ausschnitten gezeigt, wurde aber wohl inzwischen auch in voller Länge hochgeladen. Da es um die Wirkungsabsicht der Dokumentation geht, werde ich mich natürlich auf die Szenen beziehen, die Rayk und sein Team dafür ausgewählt haben.

Ab 9:10 geht es dann los mit den Beiden.

Den Anfang macht die Frage, wie die beiden zu YouTube gekommen sind und wir erfahren, hier wird die konstruktive Absicht noch einmal deutlich, dass die Beiden wohl auch zuvorderst Konsumenten waren und dann bemerkt haben, wie es mit der Plattform inhaltlich und qualitativ abwärts ging und man darüber reden musste. Es also hier um das Grundmotiv der meisten zuvor schon erwähnten YouTube-Kritiker geht. Und natürlich kann man dabei auch versuchen Spaß zu haben und seine eigenen Zuschauer zu unterhalten.
Und es bleibt bei der reinen YouTube-Kritik auch nicht allein stehen, denn es wird auch, und deshalb ist der Schwerpunkt der beiden auch stärker gegen FUNK und die CTRL-Left umgeschwenkt, dass unter dem Vorwand der Bekämpfung von Hassrede, handfeste Meinungszensur insbesondere gegenüber kritischen Kommentaren betrieben und verschleiert wird. Natürlich gibt es da ein Eigeninteresse, denn schließlich Kritiker sehen sich der Gefahr ausgesetzt, dass ihre Warnungen oder Analysen (bspw. wenn sie sich gegen eine als besonders schützenswert angenommene, aber dennoch problematische Gruppe richten (zu der zufällig Rayks Freundin gehört, die noch nie einen Anschlag begangen hat, wie er uns gerne wissen lässt)) dann mit dem Hinweis auf Hatespeech niedergebügelt und gelöscht werden, selbst dann wenn sie keine Beleidigungen enthalten aber ein Problem in Schärfe benennen.
Da die Einschränkung der Meinungs- und Redefreiheit aber zugleich an einer fundamentalen Säule einer sich selbst erhaltenden Demokratie kratzt, die auch nur so in der Lage ist Probleme zu adressieren und gesellschaftliche Meinungsverschiedenheiten zu verhandeln und auszutarieren, ist es auch im Sinne jedes Anderen, wenn man Entwicklungen, die diese Grundfreiheit fast schon fahrlässig beiläufig beschneiden oder einschränken, gerne auch scharf angeht.

Sybel erkennt daher schon richtig, dass unter der ganzen Trollhaut auch Leute stecken, die durchaus auch von ernsthafteren Idealen getrieben werden, wobei es natürlich in unserer Zeit ein Unding wäre, nicht wenigstens eine halbironische Distanz zu sich selbst zu pflegen und damit eine gewisse Coolness (als Seelenruhe) vorzutäuschen.
Die Antwort auf ihre Frage, was denn der Effekt von „Lösch dich“ im besten Fall sein soll, dass die Leute sich löschen ist da natürlich als kleiner Troll zu verstehen.
Am Ende, da die Dokumentation ja auch mit diesem Titel aufmacht, scheint es für Rayks Team sehr wesentlich zu sein, diesen scheinbaren Vernichtungswillen ins Zentrum der Beweisführung zu stellen, praktisch, allein wenn wir uns FUNK ansehen, muss man zu dem Schluss kommen oder sind Dorian, Imp oder andere Kritiker zu dem Schluss gekommen, dass letztlich alles Bemühen hoffnungslos ist, von den Leuten, die man behandelt, eine positive Änderung zu erwarten, ein Eingehen oder Annehmen von Kritik.
Mirko, MrWissen2go, war da ein positiver Ausnahmefall, aber FUNK selbst reagiert im Großen und Ganzen so, wie es uns die Dokumentation hier mehr als exemplarisch vorführt: Kritiker als rechtsextreme Hater-Trolle abstempeln, ignorieren und sich ggf. darüber lustig machen (was nicht so recht klappt) und ungerührt so weiter machen wie bisher, sodass auch nur bleibt Druck aufzubauen. Denn ein weiterer wichtiger Faktor: Ginge es allein nach den Klick- und Zuschauerzahlen und dem Feedback könnte sich kaum ein FUNK-Kanal in Form eines unabhängigen Kanalbetreibers halten, aber das müssen sie eben auch nicht, weil wir, die mit dem Format unzufriedenen Zuschauer ohnehin dafür bezahlen müssen.
Damit bleibt uns einerseits nur die Möglichkeit über öffentlichen Druck auf das Programm einzuwirken und andererseis da wir alle Rundfunkbeiträge entrichten müssen, dafür bezahlen, besitzen wir ja auch das moralische Mitspracherecht. Und an ein Programm das nicht gut ist, das einseitige Propaganda verbreitet, für die wir bezahlen müssen und das auf Kritik nicht oder nur schnippisch reagiert, ist wohl die einzige zutreffende Antwort „Lösch dich“.

 

Berechtigter Hass

Und es ist dieser Punkt bei 9:48 wo es dann passend ist auf die Frage nach dem Hass zurückzukommen, die wir zuvor schon angeschnitten hatten. Sybel fragt hier, wie Dorian und Imp Hass denn definieren oder bewerten würden und diese benennen zwei wichtige Punkte. Einerseits dass Hass nämliche eine Emotion ist und in den Bereich auch der unterbewussten Affekte und Empfindungen hinein geht und mithin nichts ist, für das man sich bewusst entscheidet. Etwas, was man besonders bedenken sollte, wenn man sich vorstellt, dass viele dieser Leute Hass per se für ein Problem halten, dass auszumerzen oder zu vermeiden gilt. Etwas wo sich bei mir schaurige Bilder aus dem Film Equilibrium einstellen, wo Menschen durch die Einnahme der Droge Prozium II ihre Gefühle unterdrücken müssen, da Emotionen als Ursache alles Schlechten der Gesellschaft gelten und Gefühle zu haben daher als Verbrechen. Andererseits wird festgestellt, dass es auch gute Gründe geben kann, jemanden oder etwas zu hassen.

Kommen wir daher noch einmal auf die anfängliche Hass-Definition zurück. Wie beschrieben ist Hass „eine menschliche Emotion scharfer und anhaltender Antipathie und entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können.“ (Stangl, 2018). Google ergänzt dazu aus seinem »Wörterbuch« vollständigerweise „eine sehr starke und tiefe Abneigung gegen Menschen oder bestimmte Zustände.“ Wenn wir rekapitulieren gegen welche Zustände sich die kritischen Videos eines Shlomo, eines Martin Sellner, eines Dorian und Imp und von dutzenden anderen Kanälen allein schon bei FUNK richten und dann kommen noch Phänomene wie Islamisierung, Terror, Kriminalität sowie Beschwichtigung und Verharmlosung hinzu, dann ist Hass gegen den Umstand, der zum Machen des Videos führt und auch Empörung und ggf. auch Hass bei den Zuschauern durch Bekanntwerden dieses Umstandes auslöst, doch die erste affekthafte und auch völlig angebrachte Reaktion. Und sie kann sich dann auch gegen Personen richten, die eben diese Umstände befördern oder relativieren, wie es von FUNK gerne getan wird.
Wie stets aber umgekehrt? Hasst Rayk denn keine Nazis, die Menschen aus Lust an der Laune zusammenschlagen? Hasst er nicht selbst die Leute, gegen die er vorgehen will, zumindest manchmal? Ist nur Liebe in ihm? Und wenn das so ist, wie kommt es dann zum Beispiel dazu, dass sich Shlomo seine Statistik „in seinen selbstgefälligen Arsch“ schieben kann? Damit man mich nicht falsch versteht: Ich verurteile nicht, dass er selsbt so empfindet, sondern das er anderen etwas vorwirft, was ihn selbst in kein moralisches Dilemma zu stürzen scheint. Man riecht eben die Doppelmoral.

Wenn wir uns das nun vergegenwärtigen wird einerseits verständlich, wenn sich in Kommentaren Affekte bahnbrechen und dann auch mal Beleidigungen und Schmähungen eingesetzt werden, um überhaupt runter zu kommen, allerdings wird ebenso begreiflich, dass es konstruktive Wege gibt, seinem Missfallen Ausdruck zu verleihen, eben kritische Kommentare oder Videos zu erstellen und sich vielleicht dabei auch ein bisschen auszukotzen. Das was man im Netz-Jargon eben Rant nennt.
Einer der großen Fehlschlüsse oder gedanklichen Falschabzweigungen, die Rayk und sein Team hier nehmen, wenn es nicht gerade um Trolle, sondern um Hass geht, ist anzunehmen, dass er quasi aus dem Nichts kommt, irrational, unbegründet und damit unberechtigt ist und sich, weil er so aufgebaut ist, auf die Vernichtung um ihrer selbstwillen fokussiert. Und Rayk muss so denken, denn ansonsten müsste er antizipieren, dass es Gründe geben kann, die aktuelle politische Situation für schlecht, schädlich oder gefährlich zu halten bzw. das die Möglichkeit besteht, dass seine Inhalte nicht gut sind.

Weil die Dokumentation sich eigentlich um das Hassphänomen kümmern wollte, aber diese Antizipation nicht leisten kann und auch nicht mehr leisten wird, sondern sie vielmehr vermeidet, um offenkundig eine politische Agenda gegen die eigenen Kritiker mit schwammigen Begriffen zu führen und zu legitimieren, kann man auch schon an dieser Stelle festhalten, dass die Doku an ihrem zuvor genannten sachlichen Untersuchungsanspruch gescheitert ist. Über Hass erfahren wir nichts von Substanz, bekommen keine Einsichten die über das hinausgehen, was Rayk und sein Team brauchen, um andere als Hater, Trolle oder Nazis bzw. alles zusammen zu verleumden.

 

Dorian und Imp gegen rechte Ideologen

Bringen wir in diesem Sinne noch den Abschnitt mit Imp und Dorian zu Ende. Denn ab 9:55 geht es in dem Interview noch einmal um Dorians Rap-Video. Hier wird noch einmal das HKNKRZ-T-Shirt angesprochen, etwas das Dorian – auch zur sichtlichen Erheiterung von Sybel – für eine kleine Troll-Einlage nutzt. Ein kurzer Schmunzler auch für mich, wo man sich aber gleich wieder die Hände vor den Kopf schlagen möchte:

„Warum dieses Beharren, auf dieser Nazi-Ästhetik?“

Mag sein das Neo-Nazis sowas mal tragen – wir haben ja schon festgestellt, welche Funktion das Shirt in dem Video erfüllt – allerdings „Nazi-Ästhetik“ da mag man ihm mal einen Film von Leni Riefenstahl empfehlen oder das Ende des Musikvideos von „Die Ärtze“ zu ihrem Song „Unrockbar“, sollte manch Linker Kontaminationsangst haben, um zu verstehen, was Nazi-Ästhetik ist und im Fall der Ärzte auch zu verstehen, wie man sie parodistisch einsetzen kann.
Und woher der Begriff „Beharren“ kommen soll, ist mir auch reichlich schleierhaft. Es sei denn hier wird darauf angespielt, dass Dorian häufiger gerne Witze in dieser Richtung macht und sich eben weigert, sich dem linken »Anstand« in dieser Angelegenheit zu fügen. Sein Twitter-Handle war ja auch eine Weile ein ironisches @FreeBreivik. Allerdings ist er damit auch nur der Epigon handzahmerer »Vorbilder«. Man bekommt wirklich das Gefühl, dass hier jemand fundamental unfähig dazu ist, Spaß oder auch nur Ironie zu verstehen. Lustig finden ist ja dann auch eine andere Sache. Imp sagt ja selbst, dass es eine seltsame Art von Nischenhumor ist, aber verstehen sollte man ihn.

Und beim Humor bleibt es auch stehen. Dorian wendet dann nämlich ein:

„Wir haben auch vor allem nie irgendetwas gesagt, was jetzt tatsächlich in ne rechtsideologische Richtung geht“

Und damit hat er auch Recht. Das Gegenteil ist der Fall, wie beim Abschnitt zum Rap-Video bereits gesagt wurde, gab es einen Artikel auf Belltower-News, der das Verleumdungsniveau der Dokumentation auch noch einmal übertraf und zudem auch eine Gegendarstellung Dorians erschienen ist, einsehbar am unteren Ende des verlinkten Artikels. In dieser Gegendarstellung (die zu lesen ich übrigens jedem ans Herz legen würde) schreibt er:

„Ich habe keine Nähe zu rechten Personen, sondern kritisiere sogar Menschen wie Martin Sellner ebenso für ihre dogmatische Ideologie wie jeden anderen Ideologen.“

Und tatsächlich ist Dorians und auch Imps Umgang mit Identitären insbesondere gegenüber Martin Sellner auch von Abneigung und Trolling geprägt. Wo sie politische Äußerungen tätigen haben die Beiden auch nie etwas geäußert, dass einen politisch oder ideengeschichtlich rechten Einschlag gehabt hätte, eher im Gegenteil. Dem aufmerksamen Zuschauer dürfte auffallen, dass auf Imps Oberteil während des Interviews ein stilisierter Galgen und die Aufschrift „Dem Deutschen Volke“ abgebildet sind. Sehr patriotisch…
Dorian räumt ein, dass er damit natürlich provoziert und provozieren möchte in einem gewissen Rahmen, etwas das Rayk hierzu veranlasst:

„Provokation um jeden Preis und mit allen Mitteln und wenn es eben Nazi-Symbole und Hass-Kommentare sind.“

Wie gesagt, einen waschechten Hass-Kommentar von Dorian selbst, müsste man mir noch zeigen, das unterlässt Rayk hier ja auch und der Stil der Videos ist Geschmackssache, die inhaltlichen Punkte und Stiche aber nicht. Und welche Nazi-Symbole? Das nicht vorhandene Hakenkreuz? Zu der Sache mit der Provokation um jeden Preis allerdings kann ich nur ein Jein abgeben.
Praktisch ist es schwer geworden heute noch zu provozieren und sich abzugrenzen ein Grund warum auch die Satire und die Komik in schwierigere Fahrwasser abdriften. Vor dem Hintergrund der alten Bundesrepublik mit relativ engen Moralkodizes und ihrem bürgerlichen Sinne von Anstand und Benehmen, war es noch ein Leichtes für jemanden wie Loriot den Spießbürger aufs Korn zu nehmen. Da die Gesellschaft zunehemend immer freier geworden war, drehte sich das allmählich um. War es dem allgemeinen Empfinden nach in den tiefenentspannten 2000ern kaum mehr möglich, überhaupt noch flächendeckend für Provokation alten Stils zu sorgen weder durch merkwürdige Musik, gefärbte Haare, Piercings oder Tattoos, weil diese Reliquien frühen Rebellentums längst im Mainstream angekommen waren und inzwischen als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit geehrt wurden, so drehte das frühere Angepasstsein sich um zum neuen Auffälligen. Ich erinnere mich an eine Karikatur, die brachte das Lebensgefühl, wie ich finde, treffsicher auf den Punkt, dass die frühere konservative Angepastheit inzwischen eigentlich das wirklich Rebellische geworden war. Drauf zu sehen zwei Punk-Eltern, die sich bezüglich ihres im Anzug auftretenden Sohnes fragen, was sie falsch gemacht haben.

 

Satire und Provokation in linksdrehenden Zeiten

Es ist eine Situation, die sich so bis zum jetzigen Zeitpunkt weiter entwickelt hat, sodass es inzwischen die Linken sind, die vornehmlich ständig getriggert und empört sind, einen eigenen moralischen Verhaltenskodex aufgestellt haben und kaum anders sind, als der sogenannte konservative Muff, den sie wegblasen wollten.
Ein autonomer Linker zu sein, gehört heutzutage fast schon dazu. Der Nazi ist damit zum letzten Monster, der Rechte allgemein zum provokanten Rebellen geworden, nicht nur allgemein in einer Zeit, die die klassischen Rebellenfiguren und Tabus kanonisiert hat, sondern auch weil alles von Rechts kommende, die neuen Inhaber der gesellschaftlichen Moral, nämlich die Linken, dazu noch besonders triggert.
Das ist dann nicht Provokation „um jeden Preis“ und „mit allen Mitteln“, so als wolle man es besonders übetreiben, sondern mit den Mitteln, die in unserer Zeit überhaupt und am besten ziehen. Loriot sagte in dem erwähnten bekannten Gespräch mit Marianne Koch, dass Satire eben nur dann lohnt, wenn sie sich gegen denjenigen richtet, der die politische Macht hat. Und in unserem Fall sind das inzwischen die linken Neu-Spießbürger.

Rayk stellt sich hier bei 10:40 dann aber die Frage, ob sie damit „Rechtsextremen“ in die Hände spielen. Auch wieder hier: Rechtsextrem wird nicht definiert, wobei der Rest der Dokumentation einen Ausblick darauf gibt, was Rayk als „rechtsextrem“ versteht. Da die politische Abneigung allerdings zumeist auf Gegenseitigkeit beruht, Martin Sellner mag relativ entspannt mit den Trolls gegen sich umgehen, finden andere ernsthafte Rechte, nicht Rechtsextreme, Dorian peinlich und unhilfreich. Also es ist nicht nur nicht Dorians Intention, wie bereits beschrieben, aber es ist auch nicht so, dass Rechte, die seine Trolls gegen Linke auch lustig finden, von ihm organisiert oder angestachelt würden.

Was Rayk nicht davon abhält in einer kurzen Zusammenfassung all diesen Stuss dennoch noch einmal wiederzukäuen, obwohl gerade das Interview praktisch dem widerspricht, was er uns hier zu verkaufen versucht hat:

  • „Folgsame Anhänger, die ihnen hinterher trotten“, scheinbar spricht Rayk hier den Zuschauern jede Eigenständigkeit und jeden eigenen Impuls dazu ab, selbst kritisch zu sein oder aktiv zu werden; bestimmt sind Leute, die sich über die Zustände in Schlachthöfen beschweren, auch nur folgsame Schafe, die unkritisch irgendwelchen Tierrechtsaktivisten nachlaufen.
  • „und massenweise Hass verbreiten“, da das weidlich widerlegt wurde, wärme ich das hier nicht noch einmal auf
  • „Nazi-Symbolik“, die nur aus einem T-Shirt und einem schlecht sitzenden Hitler-Bärtchen besteht
  • „Sprücheklopen am Rande der volksverhetzung“, eine unbelegte Behauptung, denn es ist in der Doku nicht gezeigt worden und auch mir nicht bekannt, wo in Dorians Content etwas derartiges vorgekommen wäre.

Interessant ist aber dies:

„Auffällig bleibt, dass sie mit ihrem total lustigen Holocaust-Humor durchaus bei Rechtsextremen punkten“

Das ist schon sofern völlig daneben, da sie von ernsthaften rechten Aktivisten höchstens humoristisch gewürdigt werden, ansonsten aber als peinlich und nervig und in deutlicher ideologischer Gegnerschaft wahrgenommen werden. Das sie bei „Rechtsextremen“, die keine Rechtsextremen sind, oder tatsächlichen Rechtsextremen punkten, müsste Rayk erst einmal belegen. ich sehe dafür nicht das geringste Anzeichen.
Aber mal angenommen die Gefahr bestünde wirklich, wie sieht es denn eigentlich bei den »Vorbildern« eines „total lustigen Holocaust-Humors“ aus, die sich wie Jan Böhmermann nicht nur in einem T-Shirt mit seltsamer Aufschrift und einem peinlichen Bärtchen ablichten lassen, sondern sich in voller Uniform, Spitzbart und stilecht mit Hakenkreuz-Armbinde vor die Kamera trauen oder wie Shahak Hasskommentare-vor-der-Twitter-Zentrale Shapira Holocaust-Witzchen reißt und dann auch noch die Chuzpe besitzt, sich auf Twitter mit dem offiziellen Account der Gedenkstätte Auschwitz darüber zu streiten, dass er das dürfe, weil er ja Jude sei. Ein echter Brüller, ne? Es gab da natürlich auch Helge Schneider, der in „Mein Führer“ Hitler als Witzfigur mimte oder die im Rahmen von Switch Reloaded gelaufene Stromberg-Parodie Obersalzberg.

Aber nehmen wir mal die talentgesegneten Klassiker heraus und bleiben bei Böhmeralman und Shakek und dem Grund, warum total lustiger Holocaust-Humor bei Trollen wie Dorian oder anderen ein Problem ist, bei ihnen aber nicht. Das liegt daran, dass die Einen im Sinne von Loriot ihre Waffe der Satire gegen die Mächtigen richten, ihre Spießigkeiten und Heiligtümer der Selbstverständlichkeit, ihre Empörung aufs Korn nehmen, während die anderen sie dafür benutzen, um ein in Deutschland humoristisch totgerittenes Pferd weiter zu reiten und es gegen eine Gruppe einzusetzen, die ohnehin marginalisiert ist. Das macht ihre Auftritte vielmehr nur noch Fremdscham erregend peinlich und besserwisserisch oder erzieherisch herablassend. Es ist Gratismut, es ist langweilig und banal Nazi-Witze gegen rechts zu machen. Diese Witze umzudrehen und damit den Nazi- und Rechts-Wahn linker Provinienz zu persiflieren oder zu triggern, das ist wirklich entlarvend. Eine Satire, die ihre Aufgabe gut erfüllt, die erregt gesellschaftlichen Anstoß. Deshalb werden Shakek und Böhmeralman trotz der gleichen oder schlimmeren Nazi-Ästhetik, des gleichen oder schlimmeren Humors auch nicht attackiert, weil sie eben im Rahmen des gesellschafltich Akzeptierten, kleine unverfängliche Späßchen machen. Sie sind Hofnarren im Dienste der Macht, von ihnen ist nichts Entlarvendes, keine echte Satire zu erwarten.

Aus diesem Grund ist auch dies hier kein Selbstwiderspruch:

„Online lässt man sich für sowas als digitaler Freiheitskämpfer bejubeln, bei kritischer Nachfrage ist aber auf einmal alles nur Spaß.“

Denn der Spaß, das Trolling und Triggering, der Humor sind Waffen, die dem satirischen Entlarven derjenigen dienen, die die Macht haben und sie dazu nutzen wollen, die Korridore des Sagbaren in ihrem Sinne immer enger zu ziehen. Womöglich, Dorian spricht ja auch selbst von einem ansprechendem Format, ist Lachen und Freude an der Dekonstruktion besser als jeder bierernste, trockene oder pathetische Vortrag.

 

Community-Effekt

Zum Abschluss dieses ersten Teils lassen wir noch einmal die Psychologin Frau Koletzki-Lauter ab 11:35 zu Wort kommen. Rayk steigt mit der Frage ein, was Leute dazu bewegt, sich zusammenzuschließen und Sachen scheiße zu finden. Die Antwort im Fall deiner Kritiker ist einfach: Weil das, was sie bei dir und den anderen FUNKern oder gesellschaftlich sehen, scheiße ist. Es hat deshalb eine gewisse soziale Eigendynamik sich zumindest einen Teil seiner Zeit unter Gleichgesinnten zu bewegen, die auch verstehen und teilen, was man denkt und empfindet. Der Effekt also jemanden auf YouTube zu finden, der über die Probleme, die ich wahrnehme, genauso denkt und dann in den Kommentaren dann ebenfalls Leute kennenlernen, die das genauso sehen, formt dann diese Communities. Diese müssen nicht von oben konstruiert werden, sie müssen nicht manipuliert werden, sie bilden sich allein und jeder Einzelne kann für sich schon das Interesse oder Bedürfnis haben eben gegen das empfundene Unbehagen vorzugehen.

Frau Koletzki-Lauter hingegen geht noch einmal auf die reine Troll-Natur ein. Da kann natürlich Langeweile oder ein Aufmerksamkeitsbedürfnis sicher eine Rolle spielen (erfahren wir ja doch noch etwas fachliches über Trolle), wenn man sich damit Unterhaltung oder Zeitvertreib verschafft, hat mit dem Phänomen Hass und den Personen, die Rayk uns als exemplarisch vorgeführt hat, natürlich wieder nichts zu tun. Stichwort: Trennschärfe. Denn Trolle haten nicht, sie benutzen »Hass« eben taktisch. Der Hater, wie beschrieben, ist hingegen von einem Destruktionswillen getrieben, gerade ihm geht es nicht primär um Aufmerksamkeit sondern um den Schaden.
Beim letzten Punkt hingegen wird ihre Aussage kritisch, wo es um Menschen geht, die eben der Ansicht sind, sie tun etwas Gutes. Denn dort kommen wir von den Hatern und Trollen nämlich völlig weg, wobei eben trollen oder haten taktisch gebraucht werden kann, sondern kommen dann zu den angesprochenen Krtikern und der zweiten großen Kategorie, die uns als Rechtsextreme angeteast wurden und mit denen sich der Rest der Dokumentation beschäftigt: politische Aktivisten.

 

Fazit des ersten Teils

Halten wir folgendes als Fazit für den ersten Teil von „Lösch dich“ fest. Die Doku will sich dem Phänomen Hass im Netz annehmen und nach organisierten Strukturen suchen, die diesen orchestrieren. Hierbei werden FUNK allgemein und die Kanäle von Rayk und Tarik Tesfu im Speziellen als Beispiele für Opfer von Hass gezeichnet.
Die Dokumentation fokussiert sich hier im ersten Abschnitt in Dichotomie auf die größten Kritiker von FUNK und ihren Formaten, führt hier exemplarisch Die Vulgäre Analyse, Idiotenwatch und Imp&Dorian an und versucht diese mit Martin Sellner zu vermengen. Während damit schon der Eindruck eines rechten Bezugsrahmens für all ihre Kritiker aufgespannt wird, unterbleibt eine trennscharfe Aufstellung und Definition verschiedener Kategorien von Personen, die auf den Content von FUNK eingehen. Dies führt dazu, dass Trolle, Hater und letztlich auch Nazis und Rechte in einen Topf geworfen werden und diese Begriffe als synonym angenommen werden. Nachdem dieser Bezugsrahmen hergestellt wurde, werden die genannten FUNK-Kritiker, auf die sich diese Etiketten aber gar nicht anwenden lassen, in diesen Topf hineingeworfen und ohne Belege und ohne Eingehen auf ihre inhaltliche Kritik als Trolle oder blanke Hater abgestempelt, ohne das ihre Kritik und damit ihre inhaltlichen Gründe für ihre negative Auseinandersetzung mit FUNK überhaupt antizipiert werden. Dass all der Unmut nicht nur durch Hass motiviert bzw. provoziert worden ist, wird ebenso wenig in Betracht gezogen, wie anerkannt wird, dass es nachvollziehbare Gründe geben kann, zu hassen und das Hass nicht eo ipso etwas Negatives ist.
Am Ende werden Imp und Dorian als pars pro toto für alle Kritiker mit aus dem Kontext gerissenen Zitaten bewusst in die Nähe von Rechten gerückt und als Nazis und Holocaustleugner verleumdet.
Letztlich geht es der Dokumentation nicht um die fachliche Darstellung und Durchleuchtung des Phänomens „Hass im Netz“, dies geschieht nur ganz am Rande, mehr als unzureichend und scheitert letztlich an der mangelnden Trennschärfe. Sie wird hier benutzt, um die Kritiker durch gezielte Missrepräsentation als Rechtextreme, Trolle oder Hater zu verleumden und ihre Kritik samt und sonders zu delegitimieren und damit verschwinden zu lassen. Der als informativer Beitrag getarnte Film, betreibt damit letztlich öffentlich finanzierte Bekämpfung kritischer Meinungen zur eigenen Imagepflege.

„Aber da gibt es noch ganz andere Konstrukte in denen sich Menschen gerade auch politisch bewegen“

Mit denen befassen wir uns dann aber ein andernmal. Aufgrund eines Blicks über die Textmenge habe ich nämlich beschlossen jetzt nach diesen ersten zwölf Minuten einen thematischen Schnitt zu setzen und hieraus eine Serie zu machen. In den kommenden Teil(en) dieser kritischen Reihe zur „Lösch Dich“-Dokumentation geht es dann weiter mit der Verschwörung rechtsextremer Infokrieger-Trolle und Love-Trolls auf Abwegen.

Blick auf: Sellner im Knast, GroKo 3.0, Tafel, Buchmesse

Eine kurze Zusammenfassung meiner Meinung zu kontroversen Neuigkeiten der letzten zwei Wochen und ein paar Informationen zu geplanten und kommenden Beiträgen hier auf dem Blog.

Eine kurze Zusammenfassung meiner Meinung zu kontroversen Neuigkeiten der letzten zwei Wochen und ein paar Informationen zu geplanten und kommenden Beiträgen hier auf dem Blog.

Das hier wird eher eine kurzer Sammlungsbeitrag zu verschiedenen Theman, vielleicht auch eine Gedächtnisstütze für eine spätere Behandlung. Ich hatte mich in den letzten Tagen einmal wegen Arbeit an Studienarbeiten, andererseits für ein bisschen Eskapismus aus dem Netz verabschiedet und mich auch der aktuellen Nachrichtenlage nicht weiter gewidmet. Nun kommt man wieder und es waren ein paar interessante Nachrichten aufgelaufen, von denen mich nicht wenige auch wütend gemacht haben.

Ich arbeite leider derzeit schon an längeren Beiträgen und man hat das Gefühl man lebe am Strand von New Jersey, so oft wie hier neuer Unflat von der Realität angespült wird, dass ich auch gar nicht mehr hinterherkomme mit der Bearbeitung.

Tafel in Essen führt Obergrenze für Migranten ein

Zum Einen war da die Sache mit der Essener Tafel, die nun wirklich ein besonders scharfes Aufeinanderprallen der Haltung „Es wird niemandem etwas weggenommen“ mit der Realität war und auch noch einmal nicht nur die Ebene der allgemeinen Bevölkerung beleuchtet, sondern auch Anlass wäre um noch einmal darüber nachzudenken, dass sich die Politik, selbst wenn sie schon Steuergelden im Milliardenumfang umverteilt, aus der Handlungsebene dennoch verabschiedet hat. Ein „Wir schaffen das“ (nein wir haben es nicht geschafft) funktionierte über die vergangenen zwei Jahre und auch jetzt nur deshalb so leidlich, ohne das es bereits zu dramatischeren Zusammenbrüchen gekommen ist, weil an der Helferbasis, auf die die Politik das Problem erfolgreich abgewälzt hat, ebenso wie auf die unteren und mittleren Verwaltungsebenen und den dortigen Mitarbeitern, weil sich die jeweiligen Ehrenamtlichen und Verwalter selbst auf einer menschlichen auch einer emotionalen Ebene ausbeuten, um die nationale Kraftanstrengung überhaupt irgendwie zu tragen. Und hier ist nicht die Rede von Gutmenschen, die mal eine Willkommensfeier mitgemacht oder einen Wintermantel gespendet haben, sondern Tag für Tag irgendwie alles am Laufen halten.

Und das stehend auf einem Haufen von sozialen und gesellschaftlichen Problemen, die neu aufgeworfen sind und monetären Problemen, die bereits bestanden und die durch neue Verteilkämpfe noch schärfer entfacht wurden und anders als gedacht auch auf Dauer wegen der finanziellen Verplanung des Staatshaushaltes für Migranten auch vermutlich nicht behoben werden.

Und auf diese Gemengelage schlugen jetzt im Fall der Essener Tafel vor kurzem dann die Politiker, die all diese Zumutungen angerichtet haben und nach wie vor daran festhalten wollen, mit Verachtung quasi auf diejenigen ein, die dies bisher duldsam ertragen und getragen haben und jetzt nicht einfach anders konnten, als Obergrenzen für die Versorgung bei der Tafel anzuerkennen (nicht etwa Migranten von der Versorgung gänzlich auszuschließen, wie es Frau Chebli dummdreist auf Twitter in die Welt tutete) damit Einheimische überhaupt noch zum Zug kommen.

Bewundernswert: Der Chef der Essener Tafel hat dem skandalös zu nennenden Nazi-Keulen-Schlag widerstanden und lässt die Wagen der Tafel mit dem von Antifa aufgesprühten Nazi-Vorwurf als Statement fahren.

Dritte Auflage der Großen Koalition

Was das Thema angeht, arbeite ich noch an einem Beitrag, für den ich bisher aber noch keinen wirklichen Spin gefunden habe. Im Prinzip lässt sich dazu eigentlich nichts weiter sagen außer, dass sich die Parteiführung vor allem mit einer Postensicherheit durchgesetzt hat und man wohl in der Partei wie in einer Wagenburg zusammengerückt ist, weil Neuwahlen für die gesamte Partei hätten verheerend sein können. Neue Impulse sind für die Regierung nicht zu erwarten: Ich erwarte ein „Weiter so“ und das mit einer SPD, die ihrer großen Nemesis eine weitere Amtszeit gesichert hat, obwohl sie eigentlich schon am Ende war. Frau Merkel wird es freuen, manch einen Deutschen auch, dass endlich eine Regierung eingesetzt ist, für Deutschland ist es vermutlich verheerend. Es bleibt zu hoffen, dass die AfD ihre Position als Oppositionsführer die kommenden Jahre gut nutzen wird, um die Jagd anzuheizen.

Eines ist in jedem Fall demaskiert worden: CDU und SPD sind keine politische Konkurrenten mehr, keine faktischen Wahlalternativen. Man mag hoffen, dass das nächste Kanzlerduell mit einem Kandidaten der AfD oder wenigstens der Linkspartei gegen die amtierende Kanzlerin besetzt sein wird. Den Status als Volkspartei hat die SPD ohnehin inzwischen verloren und man mag hoffen, dass sie in dieser hoffentlich letzten Großen Koalition ihren verdientermaßen letzten Atemzug tun wird.

Martin Sellner, Gedankenverbrecher

Was mich am Samstag wirklich für eine Meldung sehr hart getroffen hat, war von der Verhaftung von Martin Sellner und seiner Freundin Brittany Pettibone, er patriotischer Aktivist der Identitären Bewegung, sie Journalistin und ihrer sachgrundlosen Inhaftierung über mehrere Tage in London zu hören. Die Tatsache allein ist es nicht, die verstört. Wenn eine Verhaftung angebracht ist, kann man kaum Journalisten und Aktivisten ausnehmen, so funktioniert der Rechtsstaat. Die jedoch bekannt gewordene Begründung liest sich allerdings alles andere als rechtsstaatlich, gesinnungsethisch, bis in den Bereich der Gedankenverbrechen hinein, in Grundzügen totalitär. Eine Argumentation, wie man sie bei der Antifa finden könnten und wir haben hier einen Staat, der eine solche Gesinnungsstrafe exekutiert.

Eigentlich wäre der Vorfall einen eigenen Artikel wert, aber Martin und Brittany sind inzwischen frei und sicher und das Thema wurde von Hagen Grell, Emperor Caligula und Martin selbst auch schon in Videos behandelt, weshalb ich meinen Anteil darauf beschränken möchte, diese hier an der Stelle zu verlinken:

Und darauf zu verweisen, dass mich der Vorfall darin bestärkt hat, zukünftig weitere tagesaktuelle Sachen erstmal zurückzustellen und mich an schon länger geplante Überlegungen zurückzusetzen, die dieses Themenfeld tangieren.

Die nächste unwürdige Buchmesse

Das ist dann auch der letzte Punkt. Neben dem GroKo-Artikel wird wohl der vorläufig letzte Artikel, der sich mit aktuellen Dingen befassen wird, wenigstens ein begleitender Beitrag zur Buchmesse in Leipzig sein. Ich bin diesmal an mindestens einem der Messetage auch persönlich vor Ort anders als in Frankfurt. Nicht unbedingt weil ich sensationsgeil wäre, auch wenn das die Intention ist, mit der ich das hier ankündige, sondern weil der Messebesuch für mich quasi Tradition ist, aber der Auftritt des Antaios Verlags verspricht eine ähnliche Eskalation wie schon in Frankfurt im vergangenen Jahr. Man kann es in audio-visuellen Zeiten als ein positives Zeichen sehen, dass das gedruckte Wort noch als derartig mächtig und gefährlich eingeschätzt wird, dass dafür die Würde einer Messe der Literatur gestört werden muss (Antaios hat jedes Recht dort zu sein und auszustellen), aber ein schlechtes Zeichen für den Zustand von Meinungsfreiheit und Demokratie und das die Versuche die Veranstaltung durch die Androhung von Ausschreitungen zum Platzen zu bringen (in dem man mit dieser Drohung Druck auf den Messebetreiber ausübt) auch kein gutes Zeichen für die öffentliche Ordnung.

Ich hoffe das Ganze geht so friedlich wie möglich über die Bühne, ohne Skandale oder neue Exzesse, sodass ich mir ein paar Bücher von Lichtmesz (vielleicht auch von Sellner, leider wurde sein Besuch auf den Sonntag verlegt, mal schauen) signieren lassen kann und ansonsten das übliche Messeprogramm in Ruhe genießen kann ohne in einen Pulk faschistoider Antifa zu geraten.

Das wars von meiner Seite aus zu diesem Beitrag. Wann neue Beiträge erscheinen, hängt sehr stark vom Zeitpensum und der kreativen Energie ab.

FBM 2017 Teil 4: Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Der vierte und letzte Teil der Buchmessen-Quadrologie. Es geht um geifernde Medien und FakeNews, hegemoniale Diskurse, ein Resumee der Frankfurter Buchmesse bezüglich der rechten Verlage und darum, wie allein die Existenz von Rechten für manche eine unerträgliche Provokation ist.

Der vierte und letzte Teil der Buchmessen-Quadrologie. Es geht um geifernde Medien und FakeNews, hegemoniale Diskurse, ein Resumee der Frankfurter Buchmesse bezüglich der rechten Verlage und darum, wie allein die Existenz von Rechten für manche eine unerträgliche Provokation ist.

Hinweis: Unter #diebuecherderanderen habe ich einige Bonmots aus meiner Twitter-Timeline zur Frankfurter Buchmesse 2017 gesammelt, die einen rechten Blick auf die dortigen Vorgänge und Meinungen und Kommentare dazu, freilich nicht erschöpfend, widerspiegeln. Schaut ruhig mal rein.

 

Die Buchmesse wurden zu einem Kampf gegen Rechts stilisiert und die Täter-Opfer-Logik schien von vornherein klar abgesteckt zu sein. Übergriffige, rechte Verlage entern das Zentrum der deutschen literarischen Kultur im zweiten Halbjahr, um ihren Hass und ihre Rassismen unters Volk zu bringen. Und wenn man sie schon nicht fernhalten konnte, was ja irgendwo schon die Messeleitung diskreditierte, dann musste man wenigstens Haltung und Präsenz zeigen. Schließlich müssen die Demokraten dafür sorgen, dass die Messe frei bleibt von Provokationen, von Unappetitlichkeiten und zeigen wie ein guter demokratischer Diskurs aussieht. Nur blöd, dass die Aufreger, die die Messe in der Hinsicht produzierte, nicht publikationsfähig waren, weil sie das Narrativ nicht stützten. Mutmaßliche Linke mit Haltung verwüsteten Stände und machten Bücher unbrauchbar. Sie demonstrierten, brüllten Podien zusammen und bauten eine Drohkulisse auf und die selbsternannten Wächter der Demokratie von der Amadeu Antonio Stiftung verweigerten die, an sie herangetragenen, Diskussionsangebote. Darüber zu berichten hätte vielleicht den >>falschen<< Eindruck erwecken können, die Rechten seien eigentlich gar nicht das Problem. Und man hätte übertrieben und überreagiert.

Aber wie glücklich muss die Presse gewesen sein, als es dann am Samstagabend im Rahmen einer Gegendemonstration gegen den Antaios-Verlag der einsame Held Nico Wehnemann, Stadtverordneter von Die PARTEI, der schon im Vorfeld gewarnt hatte, „Wer Nazis einlädt, muss damit rechnen, dass Nazis kommen“ (wobei hier offen bleibt, ob er womöglich, die von der Messe tatsächlich „eingeladenen“, Meinungsfaschisten der AA-Stiftung meint 😉 ) von einem Nazi angegriffen und zusammengeschlagen wurde, wie es in den ersten Berichten hieß. Jan Böhmermann kondolierte auf Social Media und Berichte über Sieg Heil-Rufe bei der Veranstaltung machten ebenso die Runde. Tatsachen natürlich: Endlich zeigt der hässliche Rechte wieder sein wahres Gesicht. Da gibts keinen Grund das in Frage zu stellen. Tatsachen?

Natürlich da der Beitrag hier in der Nachschau erscheint, dürfte jedem klar sein, dass die Medien hier Opfer ihrer eigenen Narrative geworden sind. Wehnemann hatte versucht eine Sperre zu durchbrechen, die die Demonstranten von der Antaios-Veranstaltung fernhalten sollte und die eben allein wegen der Demonstration erforderlich geworden war. Wehnemann wurde nicht zusammengeschlagen sondern ganz normal am Boden fixiert, wie es bei jeder Demonstration üblich ist, wenn versucht wird, eine Sperrkette zu überwinden. Und zu allem Überfluss war es auch kein „Nazi“-Ordner des Antaios Verlages. Es ist genug Video-Material im Netz, das die Szene zeigt. Von Prügeleien keine Spur. Und was ist mit den Sieg Heil-Rufen? Keine Quelle. Ich bin mir sehr sicher, wenn an diesem Vorwurf tatsächlich etwas dran wäre, dann wären Videos en masse auf YouTube und anderswo viral gegangen, die dies belegen würden. Das ist nicht der Fall und ich denke wir können damit diese Posse auch ins Reich der Legenden verweisen.

Von einer aggressiven Stimmung war mal wieder die Rede, nur ließ man dabei vieldeutig offen, von welcher Seite diese kam, um auch hier wieder durch das Fehlen relevanter Informationen ein schiefes Bild zu zeichnen. Aber Nazis wollte man ohnehin ja auch ausgemacht haben, nicht wahr? Aggressiv, drohend. Zumindest erweckten viele Artikel mit einem bestimmten Bild diesen Eindruck:

Frankfurter-Buchmesse-Text
Vermeintlicher Nazi als mediales Symbolbild für die „Rechte“ Messe entpuppt sich als Antifant vom Black Bembel Block

Aggressives Auftreten, drohend, schwarz gekleidet und glatzköpfig. Klar das das ein Nazi sein muss. Tja so schön das Bild auch ist, trägt die herzige Gestalt ein Shirt vom Black Bembel Block, einer lokalen Antifa-Gruppe und ist auch auf anderen Bildern mit Anti-Antaios Plakaten zu sehen. Wie es wohl dem Aktivisten damit geht, von der eigenen Seite als Nazi hingestellt worden zu sein? Dumm gelaufen auf jeden Fall.

Und damit, weil der Elefant damit aus dem Raum ist, will ich es an der Stelle bewenden lassen und dem geneigten Leser nur noch ein paar Videos einbinden, die sich noch einmal ausführlicher mit dem Vorfall beschäftigen, bevor ich fortfahre:

(YouTube: Unblogd ; newsleak ; Martin Sellner)

Man kann womöglich sagen, dass die Medien so begierig darauf waren, ihr eigenes Narrativ zu befriedigen, dass sie sich ohne nähere Quellenprüfung auf dieses Schmankerl stürzten, um dann doch endlich ihre Nazis zu bekommen, die sie über die voran gegangenen Messetage so verzweifelt gesucht hatten, ohne das ihnen Antaios oder die anderen Verlage diesen Gefallen getan hätten.

Linkshegemonie & Linksnormalität und der unnormale Rechte

Ich habe in meiner kleinen Quadrologie mehrfach den Fall Sieferle bereits erwähnt und ich werde auch hier noch einmal Bezug darauf nehmen, weil ich wirklich glaube, dass er quasi exemplarisch das Muster widerspiegelt, das hier am Werk ist. Kubitschek gab Tichys Einblick im Anschluss an die Messe ein Interview (Götz Kubitschek: Wir stellen Normalität her), dass hier nämlich das eigentliche Problem mit den Verlagen auf der Buchmesse und eigentlich mit Rechten allgemein widerspiegelt.

Das Muster ist das einer eigentlich gegenstandslosen Empörung. Die sich kaum mehr wirklich dezidiert inhaltlich mit dem Gesagten befasst, sondern damit aus welcher (gesellschafts-)politischen Großströmung die Äußerungen gemacht werden. Ich habe Sieferle gelesen, habe auch eine Rezension dazu geschrieben und man muss einfach konstatieren, dass das Buch nichts Außergewöhnliches, viel Belangloses weil entweder Selbstverständliches oder nichts Neues, enthält. Bis auf den Auschwitz-Mythos (wo die Zitate im Übrigen nachweislich aus dem Zusammenhang gerissen oder misinterpretiert wurden) – und auch hier gab es bereits kritische Artikel von Henryk M. Broder bspw. zu der Frage, ob die deutsche Nationalmannschaft unbedingt Auschwitz besuchen muss, die in die kultische Richtung gingen – hören wir vor allem kulturpessimistische Abgesänge und ansonsten vor allem ein dezidiert konservatives Profil. Vielleicht reichen die Erinnerungen gewisser Kommentatoren inzwischen schon nicht mehr vor 2005 denn geschweige in die 90er zurück, aber ich erinnere mich noch sehr gut an Zeiten, als der Sound der CDU kaum anders war. Dem konnte man immer schon politisch oder geistig kritisch begegnen, gerade wenn man Mitglied einer linken Partei war. Man erinnere sich noch an die lebendigen politischen Debatten zu der Zeit, aber niemals hätte man sich zu Äußerungen der Art „völkischer Nachtgedanken“ verstiegen. Es wäre lächerlich gewesen. Aber wie gesagt an sich weder Radikales, noch sonst bemerkenswertes. Das Buch wäre selbst auf seiner exponierten Empfehlungslisten-Position, die der Startstein der Anstößigkeit war, wohl kaum die Aufmerksamkeit widerfahren, die ihm diese Verdammung und mediale Hetze nun letztlich eingebracht hat.
Allein um beim Thema informiert mitreden zu können, war es dann erforderlich das Buch zu erwerben und zu lesen. Oder man kaufte es aus Solidarität. Ich persönlich hätte ohne die Posse das Buch vermutlich kaum gewürdigt. Natürlich ist die Frage zu äußern, ob es nur primär die Äußerungen Sieferles waren, die den Text dem öffentlichen Bannstrahl aussetzten oder ob es auch, wie die Messe jetzt gezeigt hat, die Tatsache war, dass es von diesem pfui pfui Verlag aus Schnellroda kam, den man damit womöglich auch noch aufgewertet hätte. Oh Zeiten oh Sitten! Wo kommen wir denn dahin, wenn Bücher eines rechten Verlages gekauft werden?!

Gerade weil der Sieferle-Text an sich so unaufgeregt ist, wirft die Hysterie darum aus meiner Sicht ein deutlicheres Schlaglicht, auf die eigentlichen hinter dieser Hysterie stehenden gedanklichen Prozesse. Im Nachgang der Messe gab es eben dieses Interview mit Götz Kubitschek, dem Chef von Antaios mit Tichys Einblick und einem Alexander Wallasch, der sich natürlich in guter journalistischer Tradition als kritischer Fragesteller befleißigte, aber doch sehr auf einem Fragenkomplex insistierte, der vielleicht sogar noch einen eigenen kurzen Artikel wert wäre. Indirekt warf er Kubitschek, der zu meinem Unverständnis darauf auch nichts Gehaltvolleres erwiderte, vor, den Nachkriegskonsens aufkündigen zu wollen. Ich will darauf nicht näher eingehen, wie gesagt an anderer Stelle, aber mir steht aber bei dieser Aussage ein anderer sehr guter Tichy Artikel vor Augen. Eine Analogie mit dem Namen: Warum alle Parteien links sind – und Sie ein Rechter. In Gestalt einer Geschichte von Eisverkäufern an einem Strand, verdeutlichte da Her Rieck wie der gesellschaftlich akzetable Diskursrahmen, auch Overton-Window genannt, immer weiter nach links gerutschst ist mit der Zeit und der Beobachter, der zu Anfang und nach wie vor in der Mitte des Strandes gesessen ist, plötzlich eben rechts des, neu gesetzten, Meridian sitzt, ohne das er rechter geworden wäre als vorher. Aus Sicht des neuen akzeptablen Konsensus ist er aber ein Rechter. Und ich denke dieses Bild ist sehr fruchtbar um zu beschreiben, was hier nun passiert ist.

Der Meridian verschiebt sich immer weiter nach links und was gestern noch eine akzeptable konservative Position war, muss inzwischen schon als Rechtspopulismus oder rückwärtsgewandte Hassrede gelten. Von nationalistischen (selbst bei den gemäßigsten und nationalliberalsten Einstellungen) wollen wir schon gar nicht reden. Generell die Rückwärtsgewandtheit. Es ist wohl der besseren Eigenwerbung der Linken sehr deutlich geschuldet, dass sie, trotz all der offenkundig negativen Auswirkungen ihrer Politik der Gegenwart und ebenso gescheiterten ideologischen Gesellschaftsexperimenten der Vergangenheit, nach wie vor breit akzpetiert für sich in Anspruch nehmen können, die überlegene und zwangsläufig zukünftige gesellschaftliche Evolution zu verkörpern. Die Zukunft ist links, ist fortschrittlich und es ist damit ganz natürlich, dass die Gesellschaft sich zwangsläufig dahin bewegen muss. Die Verschiebung des Meridians erscheint nicht wie eine zeitliche politische Prämissenänderung sondern als ein auf Dauer alternativloser Vorgang. Dem Gedanken daran mit geschichtsphilosophischen Methoden im Sinne von Hegel und Marx die Zukunft vorhersagen zu können, hat man zwar offiziell mit dem Verweis auf die Hybris abgesagt, aber dem Geist im Bezug auf die eigene Bedeutung für die Zukunft nicht abgeschworen. Und tatsächlich erzeugt der vorgeschobene Kampf für die Verbesserung der Rechte und Lebensbedingungen aller aber insbesondere vermeintlich gesellschaftlich marginalisierter Gruppen (und wenn eine Gruppe ausgemittelt ist, wird sich die Marginalisierung schon von allein finden) soviel gesellschaftliches Schmiermittel, dass man damit auch den gröbsten ideologischen Unsinn und schließlich seine Hegemonie legitimieren kann.

Wenn die Rechten erfolgreich in der Position des Rückwärtigen, des Gestrigen, des Überkommenen und Schlechten und die Linken Ideologien (insbesondere des Internationalismus) für das Zukünftige und Gute stehen (und wer will schließlich keine bessere und gute Gesellschaft?) dann ist allein die Frage in welche Richtung sich der politische Meridian zu bewegen hat schon alternativlos. Und genauso ist alternativlos, dass es bezüglich Rechts nur die Überzeugung geben kann und darf, dass er überwunden werden muss. Man kann ihn ertragen, bis sich das Problem organisch auflöst. Die Köpfe der jungen Generation hat man ja dank Schule, RundFUNK und politischer Erziehung (AA-Stiftung, Antifa) gekapert. Wenn man nur noch seine eigenen Ideen implementiert, dann reproduzieren sich auch nur noch diese.

Wenn ein Herr Kubitschek darauf hinweist, dass er, seine Autoren und letztlich auch seine Leser, ebenso wie die AfD und ihre Parteigänger für eine Ergänzung und Erweiterung des Diskurses eintreten, dann widersprechen sie diesem „Konsens“. Es bestand die Erwartung und die bequeme Gewissheit, die Rechten wären auf dem absteigenden Ast und würden sich, wenn auch mit Mosern, fügen. Mit den weitrechten Nazis hat man mit der Zeit ein gutes Auskommen gefunden. Sie verkörpern als düsteres Vexierbild den schwarzen Hintergrund vor dem sich das linke Handeln, umso heller und deutlicher abspielen kann und auf das man immer dann bequem verweisen kann, um zu zeigen, wie scheußlich die Rechten sind.

Entgegen der ganzen apokalyptischen Warnungen der Linken der mittleren Vergangenheit und derzeitigen Gegenwart, die aber eben Teil dieses eingeübten Schauspiels sind und waren, waren die Neo-Nazis stets eine politische Randerscheinung, aus dem sich ein dankbarer Boogeyman konstruieren ließ, der diesen Nimbus seinerseits zur alternativlosen Dominierung des rechten Teils des politischen Spektrums nutzen konnte (Nazihaken; siehe dazu Martin Sellner: Nazikeule und Nazihaken), während alle Parteien ihnen dieses auch bereitwillig und gerne überließen. Denn so funktionierte die Ausgrenzung von allem rechts des Meridians, ob es sich nun tatsächlich um Nazis handelte oder nicht, nur noch besser. Nationalistische, nationale und nationalliberale Kräfte waren die ersten Opfer dieser Entwicklung, während die Konservativen noch ganz gut damit leben konnten. Denn eine echte politische Konkurrenz oder Bedrohung konnte sich so nie entwickeln, wenn man mit den gelegentlichen Ausschreitungen, Morden oder Hetzjagden zu leben lernte, die man aber wiederum in politisches Kapital umsetzen konnte. Rostock-Lichtenhagen ist auch noch zwanzig Jahre danach noch wahres argumentatives Ambrosia, auch wenn es schon etwas ranzig riecht.

Auch wenn manch ein eingefleischter und nun enttäuscht zur AfD gewechselter CDUler die Entwicklung seiner Partei bedauern mag, so scheint die Sozialdemokratisierung der CDU auch seine guten Seiten gehabt zu haben, weil sie den Leidensdruck derartig erhöhte, dass sie diesen Mechanismus für breite Teile der Bevölkerung anschaulich offen gelegt hat. Die Sozialdemokratisierung kann man wohl sagen, verlief unter Merkel zu schnell, aber ich bezweifle nicht, dass sie als Wirkung der Hegemonialisierung des Diskurses, wie oben beschrieben, mit der Zeit ohnehin gekommen wäre. Durch die Geschwindigkeit ihrer Durchführung in nur etwas mehr als einem Jahrzehnt ist sie nur sehr viel greifbarer geworden. Wem rechte(re) (konservative, nationale selbst liberale) Werte tatsächlich am Herzen liegen, mag Merkel vielleicht für die Zerstörung einer konservativen CDU und der weiteren Durchsetzung linker Hegemonie anklagen, doch kann er ihr dafür danken, dass sie diesen Prozess offen gelegt hat. Ohne sie wäre er ansonsten mit großer Wahrscheinlichkeit schleichend und überwiegend unbemerkt vorangeschritten und es hätte sich kein ausgleichender Widerstand dagegen formiert, bis es unübersehbar und unabwendbar geworden wäre.

Gleichsam in dem die linke Hegemonie wächst ist das Wählerpotenzial immer mehr links der Mitte, die sich wie gesagt auch nach links verschiebt, zu suchen und eine Partei bewegt sich zur Erschließung von Wählerschichten dorthin, während Wähler die auf den alten Positionen zurückbleiben, also rechts bleiben oder werden, ohnehin wegen der Verdammung alles Rechten gar nicht mehr anzusprechen sind.

Man kann diesen Prozess mit dem Ende der 68er-Revolte und dem Beginn des Marschs durch die Institutionen verknüpfen. Gab es zu Beginn ein starkes Übergewicht konservativer, verstockt konservativer Kräfte ist über eine Zeit des Ausgleichs hinweg inzwischen eine Zeit der Hegemonie linken Denkens angebrochen. Derart hegemonial das rechtes Denken, egal welcher Art und welcher Radikalität auch immer, als das neue Unnormale, Unaussprechliche und Unvertretbare gehandhabt wird. Ein kleiner Kern konservativer Alibis hält sich jetzt noch in der CDU und CSU und damit noch im Bereich des gerade noch Sagbaren, doch auch hier zeigen sich schon die gesellschaftlichen Entlegitimierungserscheinungen und darüber hinaus zieht die Fundamentalisierung linker Weltsichten immer weitere Kreise, wie Debatten wie #aufschrei nach einem derangierten aber wohl kaum skandalfähigen Witzes Rainer Brüderles oder aktueller Kampagnen gegen allzu aufreizende Werbung oder Debatten um vermeintlich sexistische Nicht-Probleme wie Manspreading zeigen, die angeblich die großen Gleichstellungsfragen unserer heutigen Zeit sein sollen. An die Adresse der Konservativen in CDU und CSU: machen Sie sich nichts vor, heute sind sie vielleicht noch im Bereich des Sagbaren, morgen kann es ihnen schon so gehen, wie ihren ehemaligen Kollegen, die inzwischen bei der AfD Zuflucht gesucht haben.

Regressive Politik: Macht verdirbt, auch die Linken

Denn mit der Hegemonie kam auch für linkes Denken die Macht. Eine der wohl größten Possen, die die linken Parteien, Vereine und Intellektuellen nach wie vor und das mit unverständlichem Erfolg spielen ist die Posse der rechten Gesellschaft und der linken Avantgarde aus Publizisten, Intellektuellen und vergleichsweise wenigen aufrechten Aktivisten, die dem vermufften Zeitgeist den Kampf ansagen. Wie oft habe ich auch schon von Bekannten diese Einschätzung gehört und gelesen und tatsächlich früher auch selbst geglaubt. Manch einer weis es tatsächlich nicht besser, andere sind vielleicht Opfer des eigenen Mythos geworden. Diese ganze Scheinwirklichkeit ist eine Projektion gerade auch der Leute, die noch aus einer Zeit stammen, wo sie tatsächlich eine offene, subversive Avantgarde waren im idealistischen Meinungskampf gegen die verstockte Adenauer-Gesellschaft, die Kanzelpfaffen, die noch mit der Keule christlich-konservativer Moral und Ressentiments gegen die sozialistische und sozialdemokratische „fünfte Kolonne Moskaus“ die Macht von Staat und Gesetz zu nutzen verstand, um diese in ihren Rechten zu beschneiden; sowie deren gemütlichere und harmlosere Epigonen wie den ewigen Kohl. Diese Zeit ist längstens, spätestens am Ende der 90er tatsächlich überwunden, wenn sie nicht schon in viel offeneren und freizügerigen Zeiten (zumindest im Westen) bereits Jahre davor in Trümmern lag. Doch man hält es noch immer aufrecht, dieses Projektionsbild aus der Vergangenheit, denn es ist nützlich. Wenn die Bedrohung von rechts immer kurz vor der Tür steht, so ist stets jedes Mittel legitim, um sich dagegen zu erwehren. Man sieht sich immer noch im unterlegenen Kampf David gegen Goliath gegen den regressiven Zeitgeist von Rechts. Denn die Linken bauen auf ihren Opfernimbus, davon hängt ihre moralische Überlegenheit ab und die Legitimität eines Handelns, das auch mal gegen die autoritären Regeln verstößt. Nur so sind gedankliche Chimären zu erklären, wie die Ausfälle eines Ralf Stegner zu den G20-Ausschreitungen des Schwarzen Blocks, der es für völlig unmöglich hielt, dass dies von Links passieren könne bzw. mit dem Kampf gegen das übermächtige System zu relativeren versuchte.

In der Realität herrscht ein parteiübergreifender überwiegend linker Konsens im Parlament (bis zur Wahl der AfD und FDP gab es sogar eine völlige Einmütigkeit in der grundsätzlichen Ausrichtung), der auch die Regierung dominierte und von ihr exekutiert wurde und der im Gewand von Jamaika vermutlich auch die kommende Legislatur prägen wird. Wir haben eine mehrheitlich unkritische auf dem Kurs der linken Regierung und linken Denkens arbeitende und argumentierende Presse und Staatsfunk. Linke Medien sind nicht wie früher eine kleine Avantgarde. Sie sind die absolute Mehrheit und bestimmen hegemonial den Diskurs, gegen den eine tatsächlich jetzt rechte Avantgarde harte Stellungsgefechte führt. Die Macht liegt derzeit links. Und sie benutzen die Macht ebenso wie ihre konservativen Vorgänger unter Adenauer und Co und gerieren sich fast als desssen umgedrehte Widergänger, sie sind nicht besser. Sie nutzen Zensurgesetze wie das hoffentlich bald sterbende NetzDG um Meinungen im Internet zu kontrollieren und durch Löschungen faktisch zu zensieren. Der Tatbestand der Hassrede, der dafür herangezogen wurde, ist vornehmlich ein Tatbestand der aussagt: Jemand der nicht links denkt, also nicht unserer Meinung ist, denn wer nicht hasst, der muss schließlich links sein. Wer sich als rechts outet oder auch nur ganz spezifischen Politikfeldern, den Antworten von rechts mehr abgewinnen kann, als linken Phrasen, dem drohen gesellschaftliche Ausgrenzung, Arbeitsplatzverlust bis hin zu persönlichen Bedrohung durch die selbsternannten Schlägertrupps der Demokratie. Kritik, sofern sie von rechts kommt, wird direkt als gegenstandslos verworfen, Kritiker aus den eigenen Reihen in die rechte Ecke gestellt.
Wir sind in einer Zeit angekommen, in dem die Kinder und Kindes-Kinder der 68er ihre eigenen Eltern und Großeltern fressen. Wir sind zurück in den Zeiten autoritärer und regressiver Politik, in denen bestimmte politische Dinge nicht gesagt oder gedacht oder gar verhandelt werden dürfen ohne soziale Kosten fürchten zu müssen, in dem ein Teil des Spektrums ausgegrenzt wird und in dem ein neues Moralspießertum den Korridor des Sagbaren einquetscht, nur diesmal unter anderen Vorzeichen, überspitzt gesagt Kommunistisches Manifest und Willkommens(multi)kultur statt Bibel und Nato. Und das ganze findet inzwischen, gerade im Zuge der Buchmesse, so unverhüllt statt, das Albert Sellner in einem Gastbeitrag für Tichy sich, wie auch finde, wohl nicht zu Unrecht an seine erster Hand Erfahrungen aus der Adenauer-Zeit zurückerinnert fühlt.

Denn tatsächlich brechen rechte Verlage und Autoren, Parteien wie die AfD und Aktivisten der Identitären Bewegung, die sich anders als die Nazis eben nicht mit der Rolle des Buhmannes in der Schmutzecke der Gesellschaft zufriedengeben wollen, die eintreten für Teilhabe, für Repräsentation und selbstbewusst und auch mit völligem Recht die Normalität von Ansichten und Gedanken des rechten Spektrums verteidigen und reetablieren wollen, den bisherigen hegemonialen Konsens auf. Statt der linearen Alternativlosigkeit von immer weiter links, setzen sie ihnen, sogar ganz im Sinne einer lebendigen Demokratie und lebendigen Geisteshaltung, Alternativen entgegen und sind umso mehr eine Provokation für Linke, die es sich gemütlich gemacht hatten, in der von ihnen erst konstruierten Dichotomie: Wir guten hier, die Nazis dort. Etwas, das ich die sich selbst abspulende rechte Assoziationskette nenne, ist ihnen über die letzten Jahre derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie inzwischen nicht nur intellektuell faul sondern auch blind, ignorant, unfair und denunziatorisch gegen alles geworden sind, was nur einen Hauch rechts an sich hat. Wenn man an Rechts (war der Kampf gegen Nazis gegen den Faschismus nicht zu einem allgemeinen Kampf gegen Rechts geworden?) dachte, so war das zwangsläufige und mit Erfolg implantierte Narrativ, dass rechts zu sein, gleichzusetzen ist mit rechtsradiaklen Positionen, gleichzusetzen ist mit Nazi. Wer auch nur eine Spur rechts ist, so nach Abspulen dieser Assoziationskette, ist höchstens einen Schritt davon entfernt ein Nazi zu sein. Wer den Nationalstaat erhalten will, ist direkt anti-europäisch, will die Diktatur zurück und am besten morgen schon in Polen einmarschieren, wer für eine regressivere Einwanderungspolitik mit Maß und Regeln ist, ist Rassist, will ethnische Säuberungen und im Anschluss Rassegesetzen und KZs wieder einführen. Und natürlich auch alles gleichzeitig. Wer für regressivere Einwanderungspolitik ist, muss Europa auch scheiße finden, so ist das ja bei den Rechten. Zusammengerührt wurde alles, was man von links nicht (mehr) haben wollte und mit dem Begriff Nazi überschrieben.

Deshalb fällt der Umgang mit den Neuen Rechten so schwer. Man ist kaum mehr in der Lage die Ideen, die Anliegen und theoretischen Strömungen von einander zu trennen und kann gar nicht damit umgehen, dass diese Ideen >>plötzlich<< auch für Freiheit und Demokratie sind, obwohl sie nie wirklich davon weg waren. Die Geschichte der Demokratie in Deutschland ist auch eine Geschichte der Nationalbewegung und scheinbar löste es auch keine Dissonanz aus das angesehene Liberale und Konservative, mitunter gestandene ehemalige Politiker oder Unterstützer angesehener und etablierter Parteien, plötzlich Krypto-Nazis sein sollen? Und was ist, wenn die Identitären, klares Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaat und Abgrenzung gegenüber Rechtsextremismus und Nazismus miteinander verbinden und in gewissermaßen der Tradition des ehemals linken, antikolonialen Denkens agieren? Es ist völlig das Bewusstsein verloren gegangen, dass das rechte Spektrum zu jeder Zeit aus mehr als Nazis, Rechtsradikalen und Extremisten bestand und es ist ebenso der Gedanke völlig abhanden gekommen, dass das politische Spektrum und damit auch der legitime Diskurs innerhalb der Maßstäbe von Freiheit und Demokratie (soviel zum Nachkriegskonsens Herr Wallasch!) auch dessen rechten Teil normalerweise umfassen. Und es ist scheinbar die Logik verflossen, das es für eine vollständige Demokratie vielleicht sogar auch notwendig ist, dass diese Punkte Teil des Diskurses sind, insbesondere wenn ansonsten an der Spitze faktisch oppositionsfreie Einmütigkeit herrscht. Dieses im Wortsinn undifferenzierte Denken setzt das offene Treffen bei Kaffee und Kuchen einer AfD-Ortsgruppe von der Bedrohlichkeit her gleich mit dem paramilitärischen Training rechter Kameradschaften an scharfen Waffen. Und wozu das Ganze? Um die politischen Gegner zu diffamieren und auf die Stufe echter Verfassungsfeinde zu stellen, andererseits um das rechte Problem, aus dem sie selbst ihre Legitimation beziehen, noch größer Erscheinen zu lassen.

Und diese Taktik scheitert inzwischen tagtäglich, weil den Leuten zunehmend die Dissonanz auffällt zwischen den Vorwürfen und der Realität, dass in der fortschreitenden Hysterie plötzlich jeder das Problem sein kann, weil man gar nicht wusste, wie rechts (wahlweise auch sexistisch) man tatsächlich schon ist, aus der Sicht der linken Moralwachen und dieses Schema ebenfalls in Frage zu stellen beginnt. Und am Ende werden die Linken, die meinen, man müsse sich mit den Rechten qualitativ, inhaltlich beisammen und auseinandersetzen zu Opfern ihres eigenen Lagers werden, weil man mit Rechten nicht reden dürfe, um ihnen, so der Duktus keine Plattform zu bieten, damit sie ihre Nazi-Scheiße verbreiten können. Wie einfach wäre es doch, wenn es denn nur Nazi-Scheiße wäre?!

Tatsächlich sehen wir hier aber nach wie vor sehr stark das Wirken der linken Hegemonie. Statt also zu schauen, was die Rechten anzubieten haben, womöglich bessere Lösungsvorschläge für spezifische Probleme oder gute Ansätze in bestimmten Politikfeldern anzuerkennen (Rechte verweigern sich bspw. auch nicht aus Prinzip der Idee der Ökologie, im Gegenteil sogar; oder ist ökologisch jetzt auch konservativ und modernisierungsfeindlich, wie man uns attestieren wollte kürzlich?), setzt man auf Konfrontation. Niemand soll das eine Lager jetzt gegen das andere austauschen, das wäre unglaubwürdig, wenn man nicht reflektiert die kompletten Grundprämissen wechselt, aber es gibt natürlich auch ein Dazwischen. Ich persönlich unterstütze zwar die AfD momentan, gehe aber in Fragen der Sozialpolitik und der Gleichstellungspolitik für Homosexuelle auch nicht konform mit ihnen und bin da doch ein sehr klassischer Linker geblieben, siehe andere meiner Beiträge zu dem Thema. Aber es ist offensichtlich, dass dieser Zustand überhaupt gar nicht gewollt ist. Zugrundeliegen müsste ein Einverständnis, wie in der Zeit des hegemonialen Ausgleichs das beide Seiten des politischen Spektrums im Rahmen unserer demokratischen Grundordnung und Verfasstheit und abgekehrt von Gewalt, normale Teilnehmer am Diskurs sind. Und diese Anerkenntnis ist heute, im linkshegemonialen Raum, nicht gegeben und scheinbar auch nicht möglich. Und ich will nicht bestreiten, dass die Rechten, wenn sie selbst wieder hegemonial werden, womöglich auch in solche Tendenzen verfallen können, aber darüber reden wir hier nicht, dem wäre DANN ebenso gegenüber zu treten.

Rhetorik des Betriebsunfalls & Diskurs der Auslöschung

Wenn derzeit der gesellschaftliche und publizistische Mainstream über die Rechten redet, dann eben nicht im Duktus einer offenen und fairen Auseinandersetzung der Ideen sondern in der Sprache eines (unerwarteten) Betriebsunfalls. Das sich für alternativlos und unfehlbar wähnende Linksdenken befasst sich mit den Rechten als etwas Unnormalen, etwas das Geradegerückt, Repariert oder geheilt werden müsse. Über den Aufstieg der AfD berichtete man nicht in Form eines Positivs sondern in der Form eines Negativs. Nicht das womit die Wähler, Unterstützer und Mitglieder überzeugt worden waren, stand im Vordergrund, denn da konnte es ja offenbar bei einer rechten Partei nichts geben, sondern es wurde, wenn überhaupt, nach Fehlern der etablierten Parteien gesucht, so als hätte sich bei denen ein Zahnrad verklemmt und die AfD wäre nur das dadurch entstandene Leck. Traf das nicht zu, insbesondere wenn man sich keine Fehler zugestehen wollte, bemühte man den immer latent vorhandenen eigentlich rechten Ungeist der Deutschen oder machte rechte Netzwerke dafür verantwortlich, nicht etwa mit besseren Argumenten, sondern mit Desinformation und sinistren Ränkespielen im Verborgenen die Bevölkerung zu manipulieren (oder russischen Hackern). Leute die sich Rechts zuwenden, sind keine mündigen Bürger, keine Idealisten, keine Aktivisten, sie sind entweder destruktive Hass- oder Wutbürger, verängstigt und verführt oder getäuscht von den rechten Rattenfängern oder es sind diese schlimmen Protestwähler, die nur einen Denkzettel verteilen wollen und nicht wissen, was sie dort tun. Das sind die meisten, denn man will ja doch nicht Millionen von Wählern als Nazis beschimpfen, Pack muss reichen. Aber die, denen man doch zurechnet, es wissentlich und willentlich zu tun, die sind Unmenschen und gegen die ist jedes Mittel Recht.
Aus dieser Sicht des Betriebsunfalls ist eine Beteiligung am Diskurs gar nicht vorgesehen. Es geht nur darum, wie man die AfD nicht als politische Konkurrenz sondern in all dem bekämpft, wofür sie steht. Alle reden darüber die Sorgen der Bürger ernstzunehmen, doch dazu wäre eine AfDisierung der anderen Parteien, zumindest ein Stück weit, erforderlich und das können sie nicht leisten, deshalb blieb es bei dieser plakativen Aussage, womit man eigentlich meinte, den dummen Leuten nur die Politik noch ein drittes Mal und diesmal wirklich besser und als alternativlos zu verkaufen.

Die linke Hegemonie erkennt rechte Ideen nicht an. Sie sind in vierlei Belangen insbesondere bezüglich Internationalismus und Multi-Kulti ein gemäßigteres oder sogar gegensätzliches Kontrastprogramm, doch statt einem demokratischen Wettkampf der Ideen möchte man die Selbstverständlichkeit des hegemonialen Konsens beibehalten, wo nicht mehr über die Richtung sondern nur noch über die Details gestritten wird. Der eigene vornehmlich linke Konsens wird anmaßend als Maßstab für das Sagbare in der gesamten Gesellschaft herangezogen. Wer zukünftig noch am politischen Diskurs teilnehmen darf, muss links bis linksliberal sein, etwas anderes heißt das nicht und etwas anderes ist auch nicht mehr zugelassen.
Deshalb ist ein Reden mit Rechten auch nicht mehr möglich, so wie wir es auf der Buchmesse erlebt haben, so wie wir es im Fall Sieferle erlebt haben oder beim Einzug der AfD in den Bundestag aber auch im Wahlkampf. Denn die Rechten können sich noch so sehr von Nazis distanzieren, sich zu Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit bekennen und sie sogar fordern, fördern und forcieren, sie hängen Ideen und Idealen, Konzepten und Theorien an, die schwer oder nicht vereinbar sind, mit Gütekriterien der übergriffigen, hegemonialen Linken. Ein Begegnen auf Augenhöhe, auf der Basis von Interesse und nicht mit der Absicht der Entlarvung oder des Betriebsunfalls, würde sie zu normalen Gesprächspartnern machen und das darf nicht sein. Da man das Ende der Geschichte für sich bereits gepachtet hat. Die Rechten werden es zumindest in diesem Klima den Linken nie recht machen können. Für die Linken, die von der rechten Alternative in ihrer Diskurshegemonie bedroht sind, ist der einzig gangbare Weg, dass, wie Martin Sellner in seinem Resumee der Messe sagt, die Existenz der Rechten allein schon das Problem ist und das sie ausgelöscht werden müssen. Nicht das was sie sagen, nicht das was sie tun, nicht wie sie sich verhalten, wie gemäßigt oder gesprächsbereit sie sind, ist ausschlaggebend. Solange sie den linken Mainstream ablehnen bzw. ihm nicht folgen, ist ein Diskurs nicht möglich. Die reine Existenz der Rechten ist schon zuviel.

Und hier schließt sich dann der Kreis zu Sieferle und zur Messe. Antaios plante nicht auftrumpfend aufzutreten und Sieferle verfasste keine mit „Mein Kampf“ vergleichbare Hetzschrift sondern einen sogar sehr pessimistischen Abgesang. Antaios tat alles um eine Eskalation zu vermeiden, bot sogar Gesprächsbereitschaft an. Es zeigt sich hier, dass nichts was die Leute tun, irgendetwas an dem Skandal und der Provokation, der es für die Linken war etwas geändert hätte. Denn allein die reine Existenz des Textes, seine Platzierung in Bestseller-Liste als rechte Publikation (ganz unabhängig vom Inhalt) als auch Antaios Präsenz auf der Messe egal wie sie ausgesehen hätte, waren schon Provokation genug. Die reine Existenz wird so sogar zum unintendierten Widerstand, eben weil sie für Linke maximal anstößig ist, eben weil sie deren Selbstverständlichkeit einer Welt in der alle und alles ebenfalls links ist, erschüttert hat.

Wenn Kubitschek also davon spricht, dass er und sein Verlag auch auf das Messe mithelfen, die Normalität wiederherzustellen, die Hegemonie zu brechen und das Overton-Window zurück nach Rechts in die eigentliche Mitte zu verrücken und zu verbreitern, dann hat er damit völlig Recht.

Götz, der schwarze Ritter & Fazit der Buchmesse

Dieser Gedanke leitet dann auch zum dritten und abschließenden Teil meines Beitrages über. Relativ organisch ergibt sich nämlich die Frage, wer der Sieger der Messe geworden ist. Und das diese Frage überhaupt Gegenstand eines Resumees einer Buchmesse sein kann, spricht schon sehr für sich. Wir führen uns vor Augen das rechte Verlage und auch Publikationen wie die Junge Freiheit, die auch eine unrühmliche Vergangenheit als faktische NPD-Postille hinter sich hat, schon länger immer mal wieder auch auf der Buchmesse zugegen waren, aber das der Berichterstattung solche Szenen und Berichte, wie von der diesjährigen Veranstaltung bisher eher fremd waren. Normalität halt. Rechte Verlage oder Verlage mit rechtslastigem Angebot und rechten Publikationen sind eben Teil der verlegerischen Bandbreite. Antaios ging zur Messe um sich selbst und seine Autoren, auch natürlich angeheizt vom Erfolg von „finis germania“ zu präsentieren und natürlich, wie jeder politische Verlag auch, seine Inhalte vorzustellen. Für den Verlag wäre allein die Teilnahme an der Messe schon Zeichen genug gewesen.

Einen Kampf, eine Arena machte dann nicht zwingend der bereits erwähnte Offene Brief auf, der die Veranstalter aufforderte den Verlag auszuschließen, sondern die Veranstalter selbst, die sich das antifaschistische Rollkommando der Amadeu Antonio-Stifung ins Haus holten, maximale Befangenheit durch ihre eigene kleine Demonstration zeigten und Vandalismus und Ausschreitungen (einschließlich aggressiver Demonstrationen) gewähren ließen und dafür dann auch noch den Antaios Verlag selbst verantwortlich machten, der natürlich, was ihm wiederum negativ ausgelegt wurde, sich nicht alles bieten ließ. Der Kampf wurde von der Messeleitung initiiert und forciert, nur nach den vorgesehen Regeln, hier lichte Haltungszeiger dort böse Nazis, wollte Antaios nicht spielen. Und wie dargestellt assistierten aber die Medien wie blöde (im Wortsinn) dabei, es doch so aussehen zu lassen.

Ein besonderes Husarenstück leistete sich SWR2 mit dem geifernden Beitrag „Buchmesse-Monsterchen„, der jenen Leuten, die ohnehin alle modernen politischen Probleme mit Harry Potter erklären wollen und dabei ebenso gerne die dortige Gut-Böse-Schematik übernehmen, die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Götz der dunkle Ritter von Schnellroda, Darth Vader und Voldemort in einer Person, hatte mit seinem bösen Todesster… Verlag die Buchmesse geentert und die Besucher vaporisi… mit ihnen Gespräche geführt. Wie auch hier ist schon die bloße Anwesenheit, die Existenz eines rechten Verlages eine Zumutung und das der böse Puppenspieler Kubitschek jetzt auch noch die Hansels der Messe wie Puppen nach seiner Pfeife tanzen lässt, die Krönung. Eindrucksvoll hat das auch Lichtschlag auf „Eigentümlich Frei“ parodiert.

Wie dargestellt ist die Provokation für die Linken schon das der Verlag überhaupt auf der Messe erschien und für die getriggerten Herrschaften kann der Verlag nun wirklich nichts. Auch kann man wohl kaum verlangen, dass er sich nicht auch mit seinen Autoren präsentiert wie Sellner und Pirincci, die beide zum Verlagsprogramm gehören und gern gelesene Publikumsmagneten sind. Auch hier ist wohl nichts weiter vorzuwerfen. Wie Kubitschek zurecht in seiner Wutrede gegen den Börsenverein richtig anmerkte, störten keine Rechten auf der Messe Veranstaltungen, demonstrierten, verwüsteten Stände und beschmutzten und zerstörten Bücher und schlussendlich verweigerten nicht die Rechten den Dialog, sondern die Amadeu Antonio-Stiftung zog sich entweder faul oder feige oder beides aus einer angebotenen Diskussion heraus, um auf einem Podium, dann über diese bösen Rechten schlecht zu reden und über die Grenzen der Meinungsfreiheit nachzudenken, obwohl diese mit der Volksverhetzung bereits genug abgedeckt ist, nur zu schade, dass diese sich eben (noch) nicht an der linken Verschiebung des Meinungsmeridians mit ausgerichtet hat, obwohl daran auch schon juridisch gearbeitet wird, wie der Fall Stürzenberger zeigt.

Man machte die Rechten für die Eskalation, die man selbst in Kauf genommen, wenn nicht sogar aktiv befördert, hat, verantwortlich, wollte ihnen angemietete Veranstaltungszeit kappen, sie räumen lassen, weil sich all dies vor allem wegen der achso demokratieaffinen und dialogbereiten Demonstration verzögerte und das während die Presse dann auch noch einen medialen FakeNews-Schnellschuss fuhr.
Und im Anschluss beschwert man sich dann scheinbar darüber, dass die Rechten dann die Frechheit besitzen sich wohl doch mit allem Recht als Opfer ins Bild zu setzen und von der offenkundigen Doppelmoral, Meinungsfreiheit predigen aber die Meinungsfreiheit anderer bekämpfen, zu profitieren.
Zum Ende stichelte man dann nur noch, dass bei der Buchvorstellung durch Martin Sellner, die IB-Parolen erklangen und das Ganze den Spin einer politischen Veranstaltung annahm, etwas zu dem allerdings die Veranstalter, Sellner sollte eigentlich nur aus seinem Buch lesen und etwas darüber sprechen, mit der Demo und dem Versuch des Abbruchs des Podiums herausgefordert hatten, denn es stand wohl nicht zu erwarten, dass man sich einfach hinauskomplimentieren lassen würde und da war der Aktivist Sellner direkt im Element, um ib-klassisch eben zivilen Ungehorsam zu leisten. Die Steilvorlage gab ihm die Messeleitung.

Ja es lässt sich nicht bestreiten. Der klare moralische Sieger mit den besseren Haltungsnoten ist der Antaios Verlag. Er konnte sich als stoischer Felsen in der Brandung in einem Meer der Peinlichkeiten und Anfeindungen präsentieren. Und das nicht etwa, weil Kubitschek es darauf angelegt hätte, sondern weil seine linken Gegner in ihrem Wahn, verlassend auf ihre alten hegemonialen Denkmuster, die alten Rezepte und dann auch derart übertrieben anwendeten, dass sie sich damit selbst bloßstellten.

Wenn jetzt also in der Nachachau von einer Propaganda-Show der Rechten, von einer Inszenierung gar, die Rede ist, dann basiert das nämlich schon auf dem Irrtum diese ganze Angelegenheit sei so vom dunklen Mastermind Kubitschek, dem Götz von Schnellroda, so geplant worden. Die berühmte Bühne, die man den Rechten nicht geben wollte, als man sie hätte im Dialog stellen können, hat man ihnen direkt gebaut. Nicht in dem man sie zur Messe zuließ, sondern in dem man daraus einen Skandal und ein Politikum konstruierte. Und nachdem man diese Bühne aufgebaut hatte, hat man nicht nur freiwillig Platz gemacht sondern auch noch davor wie toll herumgepöbelt und damit erst Recht sämtliche Aufmerksamkeit auf den Verlag gelenkt. Wenn Kubitschek und Antaios also als Sieger hier vom Platz gegangen sind, dann nicht weil sie es meisterlich sinister geplant haben, sondern weil bornierte Haltungseiferer es ihnen möglichst einfach gemacht haben. Hätte man Antaios einfach präsentieren lassen, wie jeden anderen Verlag, so wäre dies gewiss eine unaufgeregte und entspannte Messe geworden, wie die Jahre zuvor auch.