Vaclav Havel über Zuhausesein

Ich habe dieses kurze Essay erst vor einigen Monaten entdeckt, als mir im Verkauf von Gebrauchtbüchern meiner Universitätsbibliothek ein alter Sammelband zum Thema Nationalismus in die Hände fiel. Dieser kurze Aufsatz hat mich nachhaltig beeindruckt, weil er ein gut formuliertes und meinen eigenen Überlegungen entsprechendes Bild von dem zeichnet, was die Nation ist. Ein komplementäres Element jedes Einzelnen, seiner Identität, die so bewahrenswert ist, wie sein Eingebundensein in Familie, Staat und Europa. Ein Element, dass ebenso wichtig, nicht wichtiger ist, als die anderen, dem man entsprechend aber auch sein Recht geben muss.

Ich wollte euch diesen wunderbaren Artikel nicht vorenthalten und werde ihm im folgenden in ganzer Länge einstellen.


Havel, Vaclav: Zuhausesein. In Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus. Hrsg. v. Michael Jeismann & Henning Ritter. Leipzig: Reclam 1993. S. 129 – 132.

übersetzt aus dem Tschechischen von Joachim Bruss.

Zu dem, was moderne Philosophen >>Lebenswelt<< nennen, gehört auch die Kategorie des Zuhauses. Jan Patocka hat sie schon vor dem Krieg analyisiert. Für jeden Menschen ist das Zuhause eine der grundlegenden existenziellen Erfahrungen. Was der Mensch als sein Zuhause wahrnimmt (im philosophischen Sinne), kann man mit einem System konzentrischer Kreise vergleichen, in dessen Mitte sich unser >>Ich<< befindet. Mein  Zuhause ist der Raum, in dem ich einige Zeit lebe, an den ich mich gewöhnt habe und den ich sozusagen mit meinen Duftmarken überzogen habe. Ich erinnere mich zum Beispiel, daß für mich selbst die Gefängniszelle auf ihre Weise ein Zuhause war und ich es immer als eine große Beeinträchtigung empfand, wenn ich plötzlich in eine andere umziehen mußte. Diese sah zwar absolut genauso aus wie die vorhergehende, ja sie konnte sogar besser sein, nichtsdestoweniger empfand ich sie als etwas Fremdes und Feindliches, fühlte mich in ihr zunächst entwurzelt und von Fremdheit umgeben, und es dauerte eine gewisse Zeit, bevor ich mich in ihr eingerichtet hatte, mich zu Hause fühlte und meine Sehnsucht nach der vorhergehenden loswurde.
Mein Zuhause ist das Haus, in dem ich lebe, die Gemeinde oder die Stadt, in der ich geboren wurde oder in der ich mich aufhalte, mein Zuhause ist meine Familie, die Welt meiner Freunde, das gesellschaftliche Millieu, in dem ich lebe, mein Beruf, mein Betrieb oder Arbeitsplatz. Mein Zuahsue ist selbstverständlich auch das Land, in dem ich lebe, die Sprache, die ich spreche, das geistige Klima, das mein Land hat und das die Sprache vergegenwärtigt, die man darin spricht. Das Tschechische, die tschechische Art der Wahrnehmung der Welt, die tschechische historische Erfahrung, die tschechische Art des Mutes und der Feigheit, der tschechische Humor – das alles ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil dieser Sedimente meines Zuhauses. Mein Zuhause ist also für mich auch mein Tschechentum, das heißt meine nationale Zugehörigkeit, und es gibt keinen Grund, warum ich mich zu diesem Teil meines Zuhauses nicht bekennen sollte, hat es doch für mich dieselbe existentielle Selbstverständlichkeit wie beispielsweise meine Männlichkeit.
Mein Zuhause ist allerdings nicht nur mein Tschechentum sondern auch mein Tschechoslowakentum, also meine Staatsangehörigkeit. Mein Zuhause ist dann auch Europa und mein Europäertum und – endlich – dieser Planet und dessen gegenwärtige Zivilisation sowie verständlicherweise auch diese ganze Welt. Doch nicht einmal das ist alles: Mein Zuhause sind auch meine Bildung und Erziehung, meine Gewohnheiten, das soziale Millieu, in dem ich lebe und zu dem ich mich bekenne: wäre ich in einer politischen Partei, wäre ohne Zweifel auch sie mein Zuhause.

Ich glaube, daß jeder dieser Schichten des menschlichen Zuhauses das zuerkannt werden muß, was ihr zusteht, es hat keinen Sinn, die eine im Namen der anderen zu bestreiten oder auszuschließen, als weniger wichtig oder weniger wert zu interpretieren. Sie gehören alle zu unserer Lebenswelt, und eine gute gesellschaftliche Organisation muß sie alle angemessen respektieren und allen Gelegenheit zur Entfaltung geben. Nur so kann Raum entstehen für eine freie Selbstverwirklichung des Menschen als Mensch, zur Verwirklichung seiner Identität, denn alle Schichten unseres Zuhauses, ebenso wie unsere ganze Lebenswelt, sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer selbst und ein nicht wegzudenkendes Mittel unserer Selbstindentifizierung als Mensch; ein von allen Schichten seines Zuhauses entblößter Mensch wäre ganz seiner selbst, seines Menschseins entledigt.
Ich bin für ein politisches System, dessen Grundlage der Bürger ist mit all seinen grundlegenden Bürger- und Menschenrechten in ihrer universalen Gültigkeit, als auch in ihrer allgemeinen Gleichheit (aufgrund dessen kein Angehöriger dieser oder jener Rasse, dieses oder jenes Volkes, Geschlechtes oder religiösen Bekenntnisses mit anderen Grundrechten als andere ausgestattet sein darf), ich bin also für das, was man Bürgergesellschaft nennt.
Dieses Bürgerprinzip wird heute häufig als Widerspruch zum nationalen Prinzip gesehen, als ob es die Schicht unseres Zuhauses übersehe oder unterdrücke, die von unserer nationalen Zugehörigkeit gebildet wird. Ich glaube, dies ist ein grobes Missverständnis. Ich bin für das Bürgerprinzip, gerade weil es dem Menschen am besten ermöglicht, sich mit sich selbst zu identifizieren und sich selbst in allen seinen Schichten der Zugehörigkeit zu seinem Zuhause zu verwirklichen, Freude an allem zu haben, was zu seiner Lebenswelt gehört, nicht nur an einem Teil davon. Einen Staat auf einem anderen als dem Bürgerprinzip begründen, zum Beispiel auf einem ideologischen, nationalen oder religiösen, bedeutet, eine bestimmte Schicht unseres Zuhauses über andere zu erheben, uns also als Menschen einzuschränken, unsere Lebenswelt zu beschneiden. Die meisten Kriege oder Revolutionen sind aus einer derartig eindimensionalen Konzeption des Staates entstanden. Ein Staat, der im Gegenteil auf dem Bürgerprinzip begründet ist und der den Menschen und seine Lebenswelt in seiner ganzen Breite und Schichtung respektiert, ist von seinem Wesen selbst her ein friedliebender und menschlicher Staat.

Ich will also die nationale Determinante des Menschen keineswegs bestreiten, ihre Legitimit oder ihr Recht auf vollständige Selbstverwirklichung, ich lehne bloß die politischen Konzeptionen ab, die im Namen und im Interesse dieser Determinante andere Schichten des menschlichen Zuhauses, andere Schichten des Menschseins und andere Menschenrechte als das Recht auf eigene Nationalität unterdrücken möchten. Und mir scheint, daß eine Bürgergesellschaft, auf die moderne demokratische Staaten allmählich hinarbeiten, genau das ist, was dem Menschen im gesamten Spektrum seiner Determinanten und in der gesamten Vielschichtigkeit seiner Lebenswelt Raum gibt und damit auch  den Ebenen seiner Selbstidentifizierung.
Die Bürgergesellschaft, die auf der Universalität der Menschenrechte begründet ist, ermöglicht es uns nälich am besten, uns als alles das zu verwirklichen, was wir sind, also nicht nur als Angehörige unseres Vilkes, sondern auch als Angehörige unserer Familie, unserer Gemeinde, unserer Region, unserer Kriche, unseres Berufsverbandes, unserer politischen Partei, unseres Staates unserer überstaatlichen Gemeinschaft – und das alles, weil sie uns vor allem als Angehörige des Menschengeschlechtes versteht, also als Menschen, als konkrete menschliche Wesen, deren individuelles Sein seinen primären, natürlichsten und zugleich universalsten Ausdruck in ihrem Status als Bürger findet, in ihrem Bürger-Sein im weiteres und tiefsten Sinne des Wortes.Die Souveränität der Gemeinde, der Region des Volkes, des Staates, jegliche höhere Souveränität hat nur dann Sinn, wenn sie von der in der Tat einzigen originalen Souveränität abgeleitet ist, nämlich von der Souveränität des Menschen, die ihren politischen Ausdruck in der Souveränität des Bürgers findet.

Angst um Deutschland – eine persönliche Leidensgeschichte

Gott sei Dank gibt das Format eines Blogs die Möglichkeit sehr subjektiv auf die Sachen zu schauen, die man thematisch behandelt und die Möglichkeit persönliche Erfahrungen und Empfindungen zu teilen. Mir geht es jetzt in diesem Moment nicht gerade gut und ich will schauen, ob vielleicht ein Teilen dieser Gedanken mich in der Lage versetzt mich für den Moment davon zu entlasten.

Es mag vermessen erscheinen, dass ein mehr oder weniger wohlsituierter Deutscher, wie ich, angesichts des Elends von Millionen Flüchtlingen oder andere Migranten, nun zu einem Lamento ansetzt, dass genau diese Situation zum Thema hat, aber es geht nicht anders. So zu tun als würde das Thema mich persönlich emotional nicht beschäftigen, bringt mich nicht weiter.

Keinen Appetit, Schlaflosigkeit, ewiges Gedankendrehen, ein Gefühl in der Brust als würde einem das Herz herausspringen mit dem Gefühl der Unruhe jetzt und genau jetzt etwas wichtiges erledigen zu müssen, verbunden mit dem schlechten Gefühl, dass es eilt oder feststellen zu müssen, dass es nicht funktioniert. Wie Heine es ausdrückte: „Wenn ich an Deutschland denke in der Nacht, bin ich um meinen Schlaf gebracht.“ Es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte, das ein zur Emigration gezwungener politischer Flüchtling, wie der von mir wegen seines Humors und seiner Literatur sehr geschätzte, Heine, der mit Weh und Sorge an den deutschen Nationalismus dachte, am besten ausdrückt, wie es mir geht.

Für mich war die Nation nie ein rein politisches Konzept, auf das ich mit der Distanz des unnahbaren, objektiven und unbeteiligten Beobachters schauen konnte. Für mich verbarg sich in dem, was für mich Deutschsein und damit in Deutschland aufgehoben sein bedeutete die Frage von Zugehörigkeit und Identität. Hier in der Blogossphäre werden regelmäßig mit dem Stichwort „Nationalismus“ mehr Beiträge von Nationalismusgegnern als andersherum geteilt, mitunter nette Zitationen der Art, dass die Nation nur brauche, wer keinen Selbstwert besitzt. Ich bin sehr zufrieden mit mir als Individuum. Ich bin nicht perfekt aber ich bin gut so, wie ich bin. Und ein Teil von mir ist die Nation. Ich brauche sie nicht, um mich besser zu fühlen, weil sie vermeintlich besser ist als andere, das ist eine Denkweise, die vielleicht mal im 19. Jahrhundert aktuell war, die aber von den Kritikern auch immer noch auf die heutigen Verhältnisse umgelegt wird, einfach weil man sich gar nicht mehr aktuell mit dem Thema auseinandersetzen will, denn das Feindbild hat man ja bereits. Nein, die Nation ist nicht größer als ich selbst und sie ist nicht besser, als ich es bin oder als andere es sind. Die Nation gibt Zugehörigkeit. Auch nicht in Form eines uniformierten, Stechschritt marschierenden Mobs sondern in er Form von Verlässlichkeit darüber, dass wir problemlos miteinander kommunizieren können, ein eigenes durchschaubares Gebaren und eine ähnliche Erwartung an das Verhalten unserer Umwelt haben, dass wir uns bezogen auf verschiedene prägende kulturelle und geisteshistorische Einflüsse, unsere Geschichte und ihre Auswirkung auf einer Ebene befinden und darüber hinaus auf einen gemeinsamen kulturellen Schatz von einheimischer Küche, über die Literatur, über Lieder, bis hin zur Architektur zurückgreifen können, der fremde Einflüsse nicht entbehrt, sie aber für uns ganz speziell in etwas eigenes verwandelt hat. Insofern ist die Nation für mich auch zutiefst demokratisch. Trotz der Tatsache das wir alle Individuen sind und unsere Geschmäcker, Hobbys und auch unsere politischen Überzeugungen divergieren können, war die Nationalität ein gemeinsamer Begegnungsraum. Dem politischen Gegner, konnte ich eben als Gegner in einem fairen Wettkampf begegnen, selbst linke Idee als Teil des gemeinsamen Ideenschatzes begreifen und darauf wie auf alles andere zurückgreifen. Wenn es nicht um Extremismus oder Hass ging, stritten wir schließlich darum, was der beste Weg für die Nation in Zukunft ist und auf dieser Ebene war ich aufgehoben in einem gemeinsamen Deutungsraum und fühlte die allgemeine Zugehörigkeit trotz Distanz und Differenzen im Einzelnen.

Im Besten Sinne verkörperte die Nation für mich die Aufhebung im Dreifach-Hegelschen-Sinne der Kombination aus Aufheben (Aufbewahren), Aufheben (Negieren) und Aufheben (Höherheben). So sorgte die Nation dafür, dass das alte, aus dem ihr genealogischer Hintergrund entsprang bewahrt wurde und bewahrte damit gleichzeitig all die praktische und geistige Tätigkeit der in ihr kooperierten Individuen in dem sie deren Werken physischer und geistiger Natur vom Reichtum und Wohlstand unserer Städte bis zur Theorie eines Marx oder Hegels oder der Literatur eines ETA Hoffmanns für die Nachgeborenen erhielt und ihr zugänglich machte, damit diese auch in Zukunft daran teilhaben mochten und ihnen damit auch ermöglichte zu schauen, woher sie gekommen waren. Sie negiert durch ihre Lebendigkeit, sie stellt den einmal erreichten Stand nicht absolut, sondern entwickelt sich innerlich weiter, ermöglicht die Aufnahme neuer Denkweisen, neuer Werte und ermöglicht so im Begriff des Höherhebens, dass jede Generation mit einem Fuß in dem was bereits erreicht wurde, ein neues Kapitel schreiben zu können, das als Fundament wiederum für ein neues Kapitel sein kann.

Ich mag die Nation also nicht, weil sie besser ist als andere oder andere weniger, weil sie schlechter sind. Meine Nation ist meine Nation, weil ich ihr zugehörig bin. Ich bin kein Migrant. Ich habe diese Entscheidung nicht freiwillig getroffen, ich bin in sie geboren worden und partizipiere an ihren Werken sowohl guter als (und das wissen wir als Deutsche) schlechter Natur in gleicher Art und Weise. Ich bin was sie ist und sie wird das sein, was ich sein werde.

Der Nationalismus ist für mich deshalb nicht ein Ausdruck von Abgrenzung oder gar Dominanz nach außen. Nationalismus bedeutet für mich bezogen auf die Nation als auch auf den Staat (was ich grundsätzlich als verbunden ansehe) zweierlei: helfen zu erhalten und helfen zu verbessern. Ich habe mich deshalb ehrenamtlich in einem Verein zur Erhaltung und öffentlichen Nutzbarmachung einer KZ-Gedenkstätte ebenso engagiert, um unsere Geschichte zu bewahren und für neue Generationen zu erhalten und zugänglich zu machen, doch nicht allein weil es ein KZ war und deshalb bewahrenswerter als anderes, sondern auch weil das Gebäude, in dem dieses untergebracht war, auch schon zuvor Geschichte und Bedeutung bspw. für meine Heimatstadt hatte, bevor es umfunktioniert wurde. Ich publiziere hier, auch um durch politischen Diskurs das Nationale auch in seinen positiven Aspekten wieder in die öffentliche Wahrnehmung und Debatte zu bringen, eben auch weil es ein ungeheurer Verlust wäre, sie zukünftigen Generationen vorzuenthalten. Und ich bin selbst als kreativer Autor aus eigener Lust freilich daran beteiligt Werke zu schaffen, von denen ich natürlich auch hoffe, dass sie vielleicht auch in Zukunft gelesen werden, die aber allein dadurch, dass sie in deutscher Sprache sind, schon unintendiert Teil unseres kulturellen Angebots werden.

Auf den Staat bezogen bedeutet es, dass ich Steuern zahle, mich ehrenamtlich zu engagieren versuche, wählen gehe, mich an die Gesetze halte, mich in politischen Debatten dafür einsetze, dass unser Sozialsystem aber auch unsere Wirtschaft zu gleichen Teilen erhalten und gefördert werden und mich auch hier publizistisch gegen jene Kräfte wehre rechts (wie auch links), die die Demokratie, die uns historisch soviel Gutes gebracht hat, bedrohen oder mit Gewalt und Hass die Stabilität des Staates selbst zu gefährden versuchen. Der Staat der mir alles ermöglicht hat, der mir Ausbildung gab, Sicherheit, der mit seiner Politik dafür sorgt, dass Arbeitsplätze geschaffen und erhalten werden und mit seinen Mitteln nicht nur die Infrastruktur erhält sondern auch jene Anliegen der Nation in Form einer Nationalbibliothek, Museen, Geschichtsforschung, etc.; der Vermittlung unserer Geschichte, unseres kulturellen Erbes und der Befähigung zur politischen Beteiligung im Schulunterricht; und dem Vertreten und Bewahren unserer Souveränität bei gleichzeitiger Kooperation in internationalen Organisationen fördert.

(Staats)Nationalismus bedeutet für mich damit keine avantgardistische Betrachtungsweise auf Staat und Nation, sondern eine Lebensweise und Lebenseinstellung, die darauf ausgerichtet ist, diese beiden Instanzen, die ich als essentiell für ein gutes Leben betrachte (so gibt die Nation neben den eigenen individuellen Lebenszielen, einen weiteren Lebenssinn und die Möglichkeit des Fortwirkens, die Möglichkeit zur Identifikation und die Möglichkeit zu Ergründen woher wir eigentlich kommen, während der Staat den Rahmen für ein gutes Leben schaffen soll) zu erhalten und sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen (wobei auch Kritik üben in diesem Sinne positiv und notwendig ist, um Missstände auszumerzen) und mich selbst einzubringen. Und das geht eben vom fast schon banalen Kleinen (Zahlen von Steuern, Beachtung von Gesetzen) bis hin zum Großen (politisches und ehrenamtliches Engagement). All das gehört für mich dazu, weshalb es mir schwer fällt, mich mit Leuten, wie den üblichen Springerstiefelträgern, die den Staat ablehnen und die Nation einzig auf ein Gott sei Dank nur zwölf Jahre währendes Konzept aus dem letzten Jahrhundert beschränken, zu identifizieren. Gleichsam es für mich ungerecht ist, mit diesen Leuten, nur weil mir auf eine andere Art wohl gleiche Werte wichtig sind, ständig zusammen geworfen zu werfen. Auf der anderen Seite empfinde ich es als grausam, dass im Zuge des gesellschaftlichen Kampfes gegen diese Subjekte, die o.g. Werte eben entwertet, negativ konnotiert oder verteufelt werden und ich damit quasi gar nicht mehr die Möglichkeit habe, ein entsprechendes alternatives Bild zeichnen zu können, gleichsam man selbst zum Verzicht darauf gedrängt wird.

All dies soll verdeutlichen, dass die Nation in seiner identitären (oder im idealtypischen Begriff völkischen) und in seiner republikanischen, förmlichen Bedeutung für mich beides erstens zusammengehört und zweitens mir beides emotional wichtig ist.

Die oben beschriebenen Punkte wie Appetitlosigkeit und dieses unangenehme Gefühl in Brust und Magen folgen aus nackter, reell empfundener Angst meinerseits um diese Dinge, die für mich eben mehr bedeuten als irgendein politisches Konzept, das man austauschen kann. Diese Angst musste nicht erst von AfD oder PEGIDA oder anderen Gruppen erzeugt werden, sie war latent schon da. Diese Gruppen artikulieren, wenn auch zum (Groß)teil auf unerträgliche Weise diese Ängste, während die Partei – durch die ich mich die Jahre eigentlich immer vertreten gefühlt habe – die SPD – sie kleinredet, ignoriert oder die Gründe für diese Ängste forciert, weil sie das, wovor ich Angst habe, sogar als Fortschritt für die Gesellschaft empfindet. Deshalb fällt eben die Abgrenzung von der AfD, obwohl ich mich gerne von ihr distanzieren würde, so schwer, weil man sich dann, was unser Repräsentativsystem angeht, im repräsentativen Niemandsland befände.

 

Was ist eigentlich die genannte Angst? Jetzt kommt eine berühmte Formulierung, die so gerne wegen des Abers zerrissen wird, wobei hier das aber eher auf die zwei Seiten der Medaille hinweist: Ich habe nichts gegen Migration, ABER…

Ich bin aufgewachsen auch im schulischen Kontext und der schulischen Erziehung und Sensibilisierung für die Gefahren von Rechts und die Unmenschlichkeit von Ausländerhass, Antisemitismus usw. usf. Und habe in zweierlei Maßen den Kopf geschüttelt: einerseits weil ich auch aus moralischer Gesinnung davon überzeugt bin, dass Gewalt, insbesondere gegen Schwächere und Unschuldige verachtenswert ist und zu nichts führt, andererseits weil der Tenor der daran anschließenden Aufklärungspodien und Diskussionen stets war: es sind gar nicht so viele Ausländer und es droht keine Überfremdung.

Um nun auf das Aber zurückzukommen. Wie sieht die Sache nun es aus, wenn die Migration (ich will hier kurz einwerfen, dass Flüchtlinge hier in der Betrachtung nicht direkt gemeint sind, weil sie eine Sonderrolle innehaben) in einem Maß zunimmt, während gleichzeitig Umstände wie die demographische Entwicklung, ein liberaleres Einwanderungs- und Einbürgerungsrecht und eine Gesellschaft die nicht mehr assimiliert sondern bestenfalls (wenn überhaupt) nur noch integriert, zu einer Situation führen, die man tatsächlich als Überfremdung bewerten kann. Es also nicht mehr nur um ein rechts Hirngespinst geht, mit der sie ihre menschenverachtende Gewalt zu rechtfertigen suchen, sondern um einen tatsächlichen Tatbestand.

Das es an dem ist, bzw. das wir uns auf dem strikten Weg dorthin befinden, belegen Geburtenstatistiken und Erhebungen zur Demographie, die die autochthone Bevölkerung im Schrumpfen sehen, die migrantischstämmige Bevölkerung im Wachsen, die Gesamtgesellschaft aber immer noch am Schrumpfen und weitere Migration als notwendig und wünschenswert begreifen. Dieses korreliert mit Aussagen, hier prominent nur von Kenan Kolat (im SPIEGEL, den ich da als seriös einschätze, stand bspw. auf ganz NRW bezogen gleichwertiges und es finden sich gewiss noch mehr Quellen):

„Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, hat bei der TGD Sitzung in Baden-Württemberg betont, dass 35 % der Bevölkerung in Deutschland unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund haben. Kolat: ‚In zwanzig Jahren wird dieser Anteil noch höher sein. Jetzt schon ist in manchen Städten dieser Anteil auf über 75 % gewachsen. Deutschland muss diese Realität sehen.’“

(Quelle: http://www.sabahdeutsch.de/die-beste-investition-sind-die-migranten)

Dazu kommen Aussagen von Parteien bezüglich der Anpassung der Deutschen (gemeint eben der Biodeutschen, nicht mein Begriff) an die Migranten und die Betonung der deutschen Werte, die sich allerdings in Aussagen unserer Spitzenpolitiker nur noch die Werte unserer durchaus wichtigen Rechtsordnung beziehen, aber kaum oder gar nicht mehr auf kulturelle Wertbestände, selbst die Sprache wird auf ihre Funktion als Verständigungsmittel reduziert). Einem Teil dieser Leute kann man vielleicht unterstellen, dass sie damit die nationale Selbstauflösung als wünschenswert befördern wollen, in vielen Fällen denke ich aber reflektiert sich innerhalb dieser Aussagen kein normativer Anspruch sondern eine Betrachtung der Wirklichkeit die tatsächlich oder vermeintlich angesichts der Vielzahl der Migranten die Frage nach Bewahrung deutscher kultureller Inhalte obsolet, weil scheinbar unmöglich macht.

Während es noch bis zum Ende des letzten Jahrzehnts auch in den Schulen (ich bin schließlich erst 24) noch hieß, dass es Überfremdung nicht gibt, weil es auch gar nicht so viele Ausländer gibt, ist die Überfremdung plötzlich sehr real, wenn die Politiker uns mit ihren Aussagen schon darauf einstimmen, dass dieser Staat nicht mehr exklusiv der deutschen Nation gehört, aber die deutsche Nation so auch nicht mehr weiterexistieren kann, weil das ja Migranten vom Anschluss ausschlösse. Es sind die Mechanismen, die in meinen Beitrag von vor ein paar Tagen bereits ansprach:

Was aber in Frage steht, ist ob Deutschland auch inhaltlich Deutschland bleiben wird, oder ob Deutschland entweder nur noch eine leere Phrase ist, die mit einer Beliebigkeit an verschiedenen Ethnien und Kulturen angefüllt ist und im Schluss nichts mehr außer seiner austauschbaren Verfassungswirklichkeit beinhaltet oder ob das Prädikat deutsch, um Sinne der Anpassung der Deutschen an die Migranten nicht soweit ausgehöhlt wird, dass daran alles anschlussfähig (schließtlich gehört der Islam gegen alle historische Vernunft ja auch irgendwie zu Deutchland) ist. Wobei sich beide Möglichkeiten im Endeffekt nicht sonderlich unterscheiden.

Um also auf den Gedanken zurückzukommen. Wenn Überfremdung abseits rechter Hirngespinste tatsächlich real wird, wie ist meine Meinung zu Migration dann? Selbst dieser Umstand rechtfertigt keine Gewalt, meine Haltung zu rechts wird damit  nicht angetastet, aber welche Schlüsse ziehe ich nun selbst daraus?

Ich habe Bekannte, Freunde, Studienkollegen die binationaler Abstammung sind oder komplett migrantische Wurzeln haben, mit und ohne Staatsbürgerschaft. Es war für mich nie ein Problem mit ihnen auszukommen. Wer hier aufgewachsen war, war uns so ähnlich, dass das im Alltag keine großartige Rolle spielte, bei Geburtstagen oder wenn es um das Privatleben ging vielleicht, aber das hinderte mich nicht daran diejenigen, in dem, worin sie deutsch waren anzuerkennen. Wobei das bei binationalen wegen des einen ohnehin deutschen Elternteils gleich gar kein Problem darstellte, weil es fast überhaupt keine Distanz gab.

Der Umgang war einfach, nicht weil ich mich an Migranten angepasst hatte, sondern weil das, was man als Migrant bezeichnen würde, sich auf dem Weg befand eben vollwertig deutsch zu werden bzw. da fast keine Distanz mehr war und das andere, fremde mehr oder weniger zurückgedrängt hat, in der Form vor allem, dass meine Freunde und Bekannte, eben Migranten höherer Generation sind und praktisch keine Migrationserfahrung hatten, sondern bereits das Gefühl als Deutsche nicht in ihrem Fremdsein, sondern in ihrem Deutschsein angenommen zu sein.

Die jetzige Migrationsdebatte und politischen Rekationen sprechen aber für einen anderen Weg. Anstatt die Migranten vollwertig aufzunehmen und nicht nur zu Bürgern sondern auch vollwertigen Deutschen zu machen, sprich ihnen nahezulegen, zu ermöglichen, zu erleichtern (durch Förderung und Aufnahmebereitschaft) sich in den o.a. genealogischen und kulturellen Zusammenhang zu stellen, wird wie beschrieben der Weg gewählt, diesen genealogischen Zusammenhang für uns selbst aufzulösen, um uns den Migranten, die diesen Zusammenhang mit dem Verlassen ihrer Heimatländer scheinbar ebenfalls verlassen haben, anzunähern.

Und das liefe darauf hinaus Über- oder zumindest Selbstentfremdung einer vermeintlich guten Sache wegen zu betreiben. Das nützt nicht uns, die wir zum Verlust genötigt oder aus Angst vor dem Verlust halb wahnsinnig werden und es nützt nichts den Migranten, die damit nur in ihrer Position als Fremdkörper (wenn auch positiv konnotiert) bestätigt werden, denn wenn wir unsere Identität aufgeben, schaffen wir gerade auch nur neue Unklarheit für Migranten, wohinein sie sich denn nun integrieren sollen, statt ihnen eben ein starkes Angebot machen zu können. Gleichzeitig befeuern wird damit nur, dass die Migranten selbst dann für diese Verluste verantwortlich gemacht werden, weil wir nur noch daran denken, was wir wegen ihnen nicht (mehr) sein können.

Die Linke meint Nationalismus gehöre nicht mehr in Zeiten wie diese, die von Globalisierung und Migration geprägt werden. Tatsächlich hatte sich Nationalismus eher in den guten alten Zeiten der Bundesrepublik überlebt. Eine Nation die unter keinerlei Anpassungsdruck steht, braucht tatsächlich keinen starken Nationalismus (höchstens den von mir angesprochenen engagierten Nationalisten) weil das dem Einrennen offener Türen gleichkäme. Doch die Herausforderungen unserer Gegenwart, die, wenn wir sie nicht regulieren und moderieren eine Gefahr für die Existenz unserer Statten und der damit verbundenen Selbstbestimmung als auch für das Überleben unserer Kulturen darstellen, in dem sie zum Spielobjekt transnationaler Akteure und Gewalten wie Unternehmen oder globaler Ungerechtigkeit macht, zeugen von der Notwendigkeit eines stärkeren Nationalismus, der durch unsere gefestigte demokratische Kultur eingehegt, gelenkt und nutzbar gemacht wird. Denn auch in dieser Hinsicht sind die Zeiten besser geworden, weil die historische Erfahrung und die gefestigten staatlichen und demokratischen Strukturen und Denkweisen endlich einen bewussten Umgang ermöglichen würden ohne Eingefahr der Entartung ins Extreme, viel mehr dem sogar vorbeugt, in dem den Populisten und Extremisten dieses Thema weggenommen wird.

So ist auch unter dem Eindruck zunehmender Migration und der Einwanderungsgesellschaft hingegen mehr und nicht weniger Nationalismus gefragt, einmal um zu bewahren, was wir sind und um dafür zu sorgen, dass die Migration eine Migration ins Deutschsein ist, eine Migration mit der wir unsere Offenheit bewahren können, ohne uns dabei selbst zu verlieren. Ein Nationalismus der ein zwingendes Angebot an die Zugewanderten ist, so wie auch der Anschluss an unsere Rechtsordnung ein zwingendes Angebot ist. Wäre es nicht die bessere Integration, wenn die Migranten nicht nur unsere Rechtsordnung respektieren oder sogar zu ihren ideellen Anhängern werden, Anhänger der Demokratie, des Rechtsstaates, seiner Offenheit und Toleranz, wodurch ein geregeltes Zusammenleben überhaupt möglich wird; sondern das sie auch ideell teilhaftig werden an unserer Sprache, der Geschichte, sprich unserem Wesen, dass Teil einer mehrtausendjährigen lebendiger, fortgeschriebener und erweiterter sowie erneuerter Tradition und Kultur mit all ihren Facetten und Eigenheiten ist, damit aus Zusammenleben auch echte Zugehörigkeit wird?

Doch dazu müssen diese Dinge betont und zur Mitgliedschaft geöffnet und nicht etwa eingerissen werden. Solange mit Migration wegen der derzeitigen Faktizität und durch Unterlassen der Politiker oder Befördern dieser Tendenzen, der Verlust dieses Schatzes an gelebter Identität in Aussicht gestellt wird, solange werde ich Angst darum haben und diese Angst wird weiterhin mein Leben beeinträchtigen, doch nicht ich kann mich von dieser Angst befreien, sondern nur die Politik kann es tun, in dem sie jene Gefahr abwendet, ohne aber das sie gleich dem Hass nachgeben muss. Aus Angst kann jedoch auch Hass entstehen, auf die Migranten die uns entfremden oder den Staat respektive seine Politiker, die das zulassen. Ich möchte nicht hassen und ich möchte, dass sich kein weiterer Hass entwickelt, doch dafür muss die Politik endlich für einen richtigen Ausgleich sorgen, um jene Angst zu moderieren. Ein „Deutschland wird Deutschland bleiben“, das nur die Form und nicht den Inhalt meint, wird dazu nicht reichen.

Ich und die Linke – ein großes Missverständnis?

Ein persönlicher Beitrag dazu, wie ich im Zuge der Migrationsdebatte meine politische Heimat verlor und seit dem nicht mehr weis, wo ich mich noch zuordnen soll. Fehlt eine weitere Partei?

Anlass für diesen Beitrag ist Seminar das ich vor wenigen Tagen hatte. Befinde ich mich mit meiner nationalen Positionen nicht gerade im Konsens mit meiner gewohnten Uni-Umgebung war jedoch diese Veranstaltung innerhalb der vergangenen Monate eine überraschend erfrischende Ausnahme. Es ging um den Sozialstaat und die staatliche Fürsorge und ich lag mit meiner Meinung dazu mehr oder minder im linken Mainstream. Eine gewisse Wehmut schlich sich ein. Warum betone ich jetzt diese Erfahrung so, warum benenne ich das links ausdrücklich? Einfach. Ich dachte dereinst ich würde dazugehören.
Auch wenn unsere Biographien und Werdegänge eigentlich praktisch keine Parallelen haben, muss ich gerade an Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken“ denken, an dass ich mich gerade vor allem wegen seines Untertitels erinnere: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Was bin ich dann? Einer, der sich für links hielt oder einer, der plötzlich rechts wurde? Aber gehen wir der Reihe nach.

 

Man kann sich sicher schon die Frage stellen, ob mich nicht allein diese Tatsache disqualifizieren würde: Seit den Agenda Reformen bin ich Sympathisant der SPD gewesen. Nicht weil ich ein ideologischer Anhänger des Neoliberalismus gewesen wäre, sondern weil ich durchaus verstand, dass sich ein System nicht über seine Kosten hinaus dauerhaft erhalten könnte und Reformen notwendig wären, um die Sozialsysteme auch unter veränderten Wirtschaftsbedingungen aufrecht erhalten und die Wirtschaft zum Zwecke der Revitalisierung der Staatsfürsorge zu stärken (und deshalb zumindest übergangsweise von Lasten zu befreien) sei) Das Ganze lief freilich unter Bedingung, dass das Anziehen der Wirtschaft schließlich der sozialen Nutzung wieder zugeführt würde. Notwendiger Realismus und regulierter Liberalismus als Position doch das soziale Ideal als Fundament. Neben aller pragmatischen Reformanpassungen war ich immer ein Vertreter eines starken Staates, der den Bürger nicht vor sich selbst aber vor den Unwägbarkeiten des Lebens in Schutz nehmen und eine Gewährleistung des Daseins sicherstellen sollte.

Darüber hinaus konnte ich mit oberflächlich konservativen Konzepten nichts anfangen, zumal die CDU, die seinerzeit noch für Konservatismus stand, für mich ein Sinnbild sozialer Kälte und Unfähigkeit war. Selten ging es um wirkliche Kernwerte sondern um überkommene Pfründen, die meinem Weltbild widersprachen (auch weil sie sich von einem religiösen Standpunkt herleiteten, den ich nicht teilen konnte). Für meine eher ländlich geprägte Herkunftsregion dachte ich damit erstaunlich progressiv und verwehrte mich auch gegen die plumpe Gewalt und den Hass von rechten Kräften. Dazu kam ein starkes umweltpolitisches Bewusstsein.

Ich galt in diesem Kontext durchaus als links, freilich auch pragmatisch. Ich bildete mir darauf nichts ein. Das, was ich damals für links hielt, erschien mir nur der anstrebenswerte politische Weg zu sein und die SPD unter Schröder, Müntefering und Steinmeier als meine Partei. Doch die Zeiten änderten sich.

Brecht porträtierte sich einmal selbst mit der Aussage er sei im dunklen Wald geboren und von seiner Mutter in die Stadt getragen worden. Man kann annehmen, dass ein Kulturschock solcher Art durchaus Eindruck machen kann. Als ich seinerzeit ausbildungsbedingt in die Großstadt kam, blieb das auch bei mir nicht aus. Jetzt war es nicht die grundsätzliche Anpassungsschwierigkeit des zurückgebliebenen Landeis an die mondäne, schnelllebige Stadtbürgerumgebung oder das globalisierte Flair. Im Gegensatz zu damaligen Ausbildungskollegen, die mir erschienen wie blöde Touristen und sich z.T. blöd staunend den Attraktionen der Stadt widmeten, nahm ich das mit einer gewissen Gemütsruhe hin. Man bedenke in Zeiten von Film, Fernsehen und Internet nicht schon Ansichten von Großstädten aus den unterschiedlichsten Perspektiven gewohnt zu sein, kann man eigentlich für eine Unmöglichkeit halten. Offenbar lag ich damit, was meine Kollegen betraf, falsch. Es gab sicher gewisse Orientierungsschwierigkeiten (jeder der schon einmal versucht hat sich in den ÖPNV einer fremden Stadt einzuarbeiten  wird sicher wissen, was ich meine) aber allein die städtische Umgebung löste nichts aus. Der gelebte oder betont vorgetragene Internationalismus inklusive eines großen Migrantenanteils war für mich jedenfalls nicht sonderlich schockhaft, was mein Linkssein anging.

Das änderte sich nach der Ausbildung als es für mich zurück an die Schulbank zur Vorbereitung des Studiums ging und ich dann mehr Kontakt hatte mit Städtern, mit denen man auch politische Gespräche führte und ich einerseits feststellen musste, dass ich so links gar nicht war, weil es noch sehr vier ideologischer ging in vielerlei Punkten ich aber auch gerade in sozialpolitischen Ansätzen, abgesehen vom Pragmatismus. Das war wohl der erste Drift nach rechts der sich in einer Verortung als rechter Sozialdemokrat äußerte und schon mit harten Konflikten mit meinen Diskussionspartnern, die schließlich Freunde wurden, die die nationale Position, die ich als Klammer (also als strukturierendes Leitbild) für mich ausdefiniert hatte, nicht verstanden, nicht teilen wollten oder konnten bzw. sie sogar für falsch hielten. Das war eine Herausforderung, da wir aber in den sonstigen Belangen auf einer ähnlichen Wellenlänge schwammen, war das mehr eine Fußnote. Und damals gab es noch keinen drängenden Anlass und damit auch keine Auseinandersetzung in der man Nationalismus auf politischer Ebene hätte noch einmal thematisieren müssen bzw. in der das Thema wichtig gewesen wäre.  So konnte ich mein Linkssein mit meiner nationalen Einstellung sehr gut vereinbaren.

Der endgültige Bruch kündigte sich mit Sarrazin und der Integrationsdebatte an, wo selbst meine als liberal empfundene nationale Position schon als Affront galt. Vollzogen wurde das Ganze als mit der Frage ob der Islam zu Deutschland gehöre und der durch die Flüchtlingsproblematik einerseits faktischen Dimension massenhafter Zuwanderung andererseits der Frage nach der Einwanderungsgesellschaft die Identitätsfrage gestellt war. Da der Nationalismus für mich das übergreifende ideologische Prinzip war, ging diese Frage an den Kernbestand meines politischen Denkens, um nicht zu sagen, dass sie ein Nerv schnitt, der seitdem nicht mehr aufhörte zu schmerzen. Das Ganze stand zudem ungünstig im Zusammenhang mit dem Wechsel an die Universität, wo ich auf einen links-ideologisch hart gefestigten Hintergrund traf, der mein Selbstbild nicht nur in Frage stellte oder in Zweifel zog sondern sogar aggressiv ablehnte und bekämpfte.

War ich bisher – den Schuh muss ich mir anziehen, naiverweise – davon ausgegangen, dass sich die Ablehnung des Nationalen nicht auf die Idee per se sondern auf selbsternannte Vertreter wie Neonazis und die NPD bezogen – musste ich feststellen, dass ich in für mich ganz zentralen Fragen keine politische Heimat mehr fand, schon gar nicht in der SPD oder den Grünen und nicht einmal mehr in der nach links und nach Europa ausgerichteten CDU. Der Gegensatz war nicht mehr durch gedankliche Synthese und auch nicht mehr durch Verdrängung aufzulösen. Die Parteien verabscheuten und bekämpften das, was ich für mich als zentral und wichtig erachtete… schließlich wichtiger weil grundsätzlicher auch als die Positionen in denen wir sonst mehr oder weniger Übereinstimmung hätten erzielen können.

Freilich, es stellt sich die Frage, ob ich dann nicht diese Position räumen sollte, wenn ich doch sonst mit den Parteien gut kann. Ist mir das wirklich so wichtig, dass ich dafür lieber so sinistre Kreise wie die AfD unterstütze? Tatsächlich. Mir würde es gehen wie einem Grünen, dessen Partei ihn dazu zwingen wollte, für eine unbegrenzte Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken und unter Maßgabe von wirtschaftlichen Sachzwängen für einen unbegrenzten Schadstoffausstoß zu votieren. Da man Nationalismus immer gleich mit Hass und oder Selbstüberhebung assoziiert, fällt gerne die Möglichkeit unter den Tisch, dass es für manche auch eine moralische Überzeugung und damit eine Gewissensentscheidung ist. Niemand mag bestreiten, dass es eine gewisse Flexibilität braucht, auch ein Grüner muss bspw. bereit sein gewisse Dinge zugunsten wirtschaftlicher Vernunft mitzutragen, die vielleicht der reinen Lehre widersprechen, aber das ist etwas anderes als die komplette Absage oder gar sogar eine ins Gegenteil verkehrte Position. Das heißt allerdings nicht gleich, dass eine Partei, die diesen Wert zentral vertritt damit automatisch wählbarer werden würde. Was quäle ich mich schließlich, gibt es doch eine Partei, die AfD, die sich den Nationalismus (zumindest irgendwie) auf die Fahnen geschrieben hat? Erstmal unabhängig von der wohl nötigen Feststellung, dass in Frage zu stellen wäre, inwieweit es wirklich ein kohärentes nationalistisches Politikbild bei der AfD überhaupt gibt und die Leute nicht aus Opportunität nur rechte Parolen wiedergeben, widerspricht das Parteiprogrammen in einer ganzen Vielzahl von Belangen der Position, wegen der ich überhaupt Anhänger der SPD geworden bin. Hier wiederum macht es die Masse der anderen Positionen. Was nützt eine nationalere Politik, wenn ich sie zum Preis sozialer Kälte erkaufe? Oder im Fall der NPD: Was nützt eine nationalere Politik, wenn ich sie unter dem Preis von Hass, Gewalt und Faschistisierung erkaufe?

 

Nationalismus muss nicht rechts sein

Die Verhältnisse kommen ins Tanzen. Ich beglückwünsche jene, die sich einfach so mit ihrer Partei identifizieren können, für mich war das immer ein Spagat, der jetzt nicht mehr funktioniert. Der Vorschlag: „Na dann wähle doch deine rechten Parteien“ ist idiotisch. Er basiert auf der Einschätzung, dass eine Partei, die sich nationalistisch oder zumindest nationaler orientiere automatisch rechts des Spektrums zu suchen sei und das ich die sofort gut finden würde. Abgesehen von der in der Politikwissenschaft eigentlich unumstrittenen Feststellung, dass ein aussagekräftigeres Spektrum eigentlich mehr als eine Achse brauche, um Parteien in ihrer Vielgestaltigkeit (im Bezug auf verschiedene Politikfelder) besser zu verorten, können wir vielleicht erstmal in der Links-Rechts-Dichotomie bleiben und Nationalismus dem rechten Spektrum als Merkmal zuschlagen, sollten dann aber nicht den Fehler machen und erwarten, dass damit automatisch eine demokratiefeindliche oder marktradikale Politik verbunden ist. Tatsächlich kann der Nationalismus, sobald das grundlegende Wohlergehen/ Fortbestehen der Nation gesichert ist, sich von autoritären über liberale bis hin zu sozialen Formen an viele denkbare Gesellschaftsentwürfe anlehnen. Das spricht weniger für einen Opportunismus, der hier nicht selten eingewandt wird, als vielmehr für eine gewisse Offenheit, die möglich wird, wenn die zentralen Anliegen des Nationalismus gesichert sind. Man bedenke dazu auch die vielen unterschiedlichen Theorien im liberalen oder sozialistischen Bereich, die sich alle jeweils ähnlich sind aber in gewissen oder sogar zentralen Punkten von einander abgrenzen.

Dieser Gedanke führt mich auch zu dem Missverständnis. Niemand würde wohl ernsthaft die Aussage bestreiten, dass kaum eine der  Parteien unseres heutigen Spektrums in irgendeiner Form die ihr zugrunde liegende reine Lehre zu 100% umsetzt. Die SPD bspw. hat sich schon vor über hundert Jahren auf einen Kurs der Reformen und eines idealfundierten Pragmatismus verlegt. Wir würden eine solche Partei als gemäßigt bezeichnen und erst die Gemäßigtheit versetzte die Partei trotz aller ideologischen Debatten in die Lage Volkspartei zu sein, breite Bevölkerungsteile mit einer Vielfalt von Schwerpunkten anzusprechen. Sozialen oder sogar sozialistischen Kerngedanken stehen Liberalität und sogar in gewisser Weise Marktliberalität zur Seite, die Position des Umweltschutzes wurde in der Auseinandersetzung mit den Grünen ebenfalls in die Partei aufgenommen und Verbraucherschutz und Datenschutz sowie Technologie haben insbesondere durch die Piraten den alten Fortschrittsgedanken wiedererweckt. Es sind Positionen, die nicht alle absolut miteinander vereinbar sind, aber in dem man sie aufeinander abstimmt, wird es möglich, alles gleichzeitig zu tun, nur eben in abgeschwächter Form. Man kann eine Sozialpolitik machen, die sowohl Nutzen hat als auch so austariert ist, dass die Unternehmen nur angemessen belastet werden, man kann Staatsfürsorge mit Freiheitsrechten in Einklang bringen und man schafft es auch den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen mit Leitlinien zu einer Umweltpolitik zu vereinbaren.

Schaut man in die Historie war die SPD zudem immer auch eine patriotische Partei so setzen sie sich stets für den Zusammenhalt des Volkes ein, akzeptierten, wenn auch mit aller berechtigten inneren wie später äußeren Kritik die Kriegskredite und was wohl die herausragende Leistung war: Sie übernahmen die Verantwortung für Deutschland nach dem verlorenen ersten Weltkrieg in einer Zeit, in der sich die eigentlich Verantwortlichen feige in die Büsche schlugen und das Land sich selbst überließen. Für linke Vordenker war es möglich sogar einen sozialen Nationalismus bzw. einen nationalen Sozialismus zu denken (und das ohne den Internationalismus zu beerdigen), wie das Beispiel Hermann Hellers zeigt.
Auch solidarisierte sich die Linke gerne mit national geprägten emanzipatorischen Bewegungen bspw. gegen den kolonialen oder machtpolitisch-kulturellen Imperialismus und setzt sich auch heute ja noch dafür ein, dass die Diskurs-Dominanz westlicher Weltdeutung gebrochen wird, in dem Stimmen, Meinungen und Theorien aus Ländern des globalen Südens Gehör finden und deren Selbstbestimmung stark zu machen. Auch wenn sie heute mit dem nationalistischen Erbe mancher ihrer eigenen Denkmuster fremdelt.

Es lag für mich, der damals politisch unerfahren, vielleicht auch naiv war, deshalb nicht gerade auf der Hand, dass linke Politik und nationale Politik Gegensätze sein müssten, im Gegenteil das ich mich gerade links am besten damit aufgehoben fühlen konnte, abseits von Neonazis, die mit ihrem Deutschtum Gewalt gegen Fremde und Andersdenkende zu rechtfertigen versuchten und den Begriff des Nationalen nach wie vor missbrauchten und nicht über den NS hinaus dachten oder darüber hinaus denken wollten…

Es war, wie gesagt, ein Missverständnis. Die Welt hatte sich seit Weimar weitergedreht und der NS lag wie ein Sperrbalken auf der nationalen Idee. Die Linke war kritischer (bis hin zum bloßen Selbstzweck) geworden.

Da mag der Einwand kommen, ob mir das denn nicht gleich hätte auffallen müssen. Wir reden von einer anderen Zeit. Der Jugoslawien-Krieg war längstens vorbei und Migration und Flüchtlinge hielten sich in einem Rahmen, der keine Positionierung erforderlich machte bzw. das Thema war einfach nicht auf der politischen Tagesordnung. Darüber hinaus auch immer wenn das Thema in der Schule gefragt war (Aufklärung zu Rechts und den Gefahren von waren ein, zumindest in meiner Schulzeit, immer wieder stattfindenes wichtiges Thema) kam dazu noch der regelmäßige Einwand, dass es gar nicht so viele „Ausländer“ geben würde und die Nazis, um die es eigentlich ging, logen um Panik zu verbreiten. Das muss man heute diffiziler sehen. Für das Bundesland in dem ich aufwuchs und zur Schule ging und den es umgebenden mag das damals zugetroffen haben, für den Rest Deutschland mag es das damals schon nicht getan haben, heutzutage noch viel weniger (ich war auch einigermaßen überrascht, muss ich sagen, dass ich nach der Schulzeit dann in den Nachrichten Aussagen der Art vernahm, dass Deutschland mit seinem hohen Migrantenanteil ohnehin ein multikulturelles Land sei und deswegen gewisse Denkweisen grundsätzlich schon völlig gegenstandlos seien, völlig diametral).
Der Diskurs stand aber wie gesagt nicht zur Debatte und so konnte ich guten Glaubens davon ausgehen, dass ich mit der SPD gar nicht so weit auseinander lag, zumal ich, bis auf die Sachen in denen ich national dachte, vor allem links dachte und denke und Nazis auch nicht mochte.

Meine Denkweise war: Selbst wenn die Nazis Recht hätten, dann wäre es möglich in gemäßigter Form einen Ausgleich zu finden, in dem man nicht gleich mit Ausgrenzung und Ablehnung sondern mit Begrenzung der Zuwanderung reagieren könnte. Klingt absolut naiv, war es auch und offenkundig auch mein Fehler. Das es mich dennoch in schwere Bestürzung setzte, als die SPD – von den Umständen, wie wir sie heute haben, genötigt – eine Position bezog, die meinen politischen Bedürfnissen nicht nur widersprach, sondern mich auch dafür angriff, dass ich diese überhaupt hatte, lässt sich trotz dieser Einsicht nicht abweisen. Ein Lichtblick war damals die Aussage von Herr Gabriel, die zwar nicht das Reichen der Hand aber wenigstens ein Zeichen von Verständnis war, wenn gleich er die Ansichten dennoch nicht teilte. Aber ein Zeichen, dass ich ihm nach wie vor zu Gute halte.

War ich bei der letzten Bundestagswahl noch Feuer und Flamme für eine Rot-Grüne Regierung und die Ablösung von Frau Merkel und nach dem Wahlniederlage sogar offen für ein Rot-Rot-Grünes-Bündnis bei der nächsten Wahl, hat sich in Folge der Debatten und Ereignisse der letzten Jahre das Verhältnis zu meiner Partei schnell zerrüttet. Die SPD ist weiter gegangen oder war immer schon weiter und ich bleibe jetzt politisch heimatlos zurück.

Hier stehe ich nun durchaus mit der klassischen linken Sozialstaatsposition, mit grünen Überzeugungen, marktwirtschaftlichem Pragmatismus, einem in Ansätzen wertkonservativem Verständnis und dem nationalistischen Ideal im Hinterkopf. Wen soll ich also wählen? Die Parteien, die mich offenkundig verachtenswert finden, weil ich die Vorzüge eines gestaltlosen Menschenbreis, in dem jede kulturelle Vielfalt verschwindet nicht erkennen kann oder hin zu Parteien wie der AfD, die meiner Vorstellungen einer sozialen und warmen Gesellschaft spotten oder gar zur NPD, die die Demokratie und den sie verkörpernden Staat ablehnt, dem eigentlich meine Fürsorge gilt?

Da mag die Entscheidung im Raum stehen, festzulegen, was mir wichtiger ist und dann eben die eine oder die andere Kröte zu schlucken. Nur geht es beim Nationalen nicht um eine späterhin korrigierbare Entscheidung, wie sie der Demokratie eigentümlich ist. Ist die Nation verloren, ist sie nicht mehr zu restaurieren. Sterben ihre Wurzeln ist sie nicht mehr zu retten. Geht man nach der Vielzahl überwiegen sicher alle anderen Punkte, die ich sonst mit den linken Parteien gemein habe. Geht es aber um Dringlichkeit und persönliche Wichtigkeit dann muss dem Nationalen geholfen sein.

Im Endeffekt bleibt mir wohl bei der nächsten Wahl keine Wahl. Das erste Mal, seitdem ich das Wahlrecht erlangt habe, wär es so, dass Nichtwählen eine Option darstellt… So schauderhaft das auch ist. Das aber zeigt überdeutlich das Fehlen einer weiteren Partei in unserer eigentlich schon nicht sehr parteiarmen Demokratie. Nämlich eine Partei der Mitte oder der Mäßigung, die die Synthese zwischen Rechts und Links schafft, ohne das eine wie das andere preiszugeben, sondern in Einklang zu bringen, denn von den linken Parteien, die mal meine politische Heimat waren, kann oder will sich niemand mehr um meine politische Bedürfnisse kümmern und ist somit keine Hilfe zu erwarten.

Um diesen persönlichen Beitrag abzurunden. Ich wäre gerne wieder d’accord mit meiner Partei oder mit meinen linken Freunden oder mit meinen Kommilitonen aber wie soll das unter den Umständen noch gehen?

Islam und Deutschland 1: Wie halt ich’s mit der Religion?

Erster Teil der Mini-Serie zur Islam und Deutschland-Debatte. Wie stehe ich persönlich zur Frage der Religion und was sind meine Gedanken zu vermehrter religiöser Erhitzung der letzten Jahre und was wäre aus meiner Sicht die nationalistische Perspektive auf Religion.

Ich denke diese als Gretchenfrage berühmt-berüchtigt gewordene Frage aus Goethes Faust trifft einen wichtigen Kern der Sache:

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Wer über Religion reden will, sollte wohl von seiner eigenen Position dazu nicht schweigen. Ich will also kurz redlicherweise meine Position dazu skizzieren, damit begreiflich wird mit welchem Vorverhältnis ich an die Dinge herangehe. Ich warne die ersten Abschnitte sind sehr subjektive und damit auch ausführliche Selbstbetrachtungen und ggf. nicht sonderlich interessant.

Gottesfern bis ins Mark

Ein Dozent von mir brachte es mal auf den Punkt, dass er religiös „unmusikalisch“ sei. Ich denke diese Beschreibung träfe auf mich ebenso zu. Ich wurde nicht anti-religiös aber eben auch nicht religiös erzogen. Ich kann also auch nicht sagen meine Meinung wäre jetzt eine rebellische Abgrenzungsbewegung gegen Autoritäten gewesen oder gestreute Skepsis. Ich diskutierte mit einem Freund vor einiger Zeit schon Agnostizismus. Während der Atheist der festen Überzeugung ist, dass es keinen Gott/ Götter gibt, ist der Agnostiker der ewige Zweifler, der einwendet man könne weder das eine noch das abschließende endgültig beweisen (aus meiner Sicht aber im Sinne der Pascalschen Wette häufig trotzdem nur allzu bigott ist). Ich bin unschlüssig. Gott oder der tatsächliche Glauben waren mir immer unglaublich fern. Wenn es denn einen Gott gab, war er mir egal. Er spielt für mein Leben keine Rolle. Ich kann mit keiner seiner Religionen in Form tatsächlichen Ernstes etwas anfangen, mit dem Konzept nichts und im Endeffekt könnte mir die ganze Sache egaler auch nicht sein, weil sich meine Gedanken schon immer eher auf menschliche Werke ausrichteten.

Das heißt nicht, dass ich keine Verbindung zur Religion als narrativem Hintergrund gehabt hätte. Ich bin kein völlig seelenloser Denker der entzauberten Welt. Ich fand Faszination im Mythos, in Sagen, in den Erzählungen und den aus ihnen hervorgegangenen Kunstwerken der Religionen. Für mich persönlich war das eher alles eine spannende Geschichte, ein Ausdruck unseres eigenen schöpferischen Werkes und unseres tiefsinnigen Geistes als Menschen (man bedenke nur die Abstraktionsleistung sich einen ewigen und allmächtigen Aufseher im Himmel zu imaginieren!) und war so auch immer mit der Erzählung dahinter verknüpft, nur fiel mir nie schwer so etwas – auch in ihrer sprachlichen oder optischen Überwältigungsleistung – von der Realität zu trennen.

Ich würde zwar tendenziell auch eher glauben, dass es Gott nicht gibt und mich damit eher unter den Atheisten einreihen, statt wie der Agnostiker ewig zu zweifeln und dann vielleicht doch noch zu Gott zu finden, im Endeffekt ist es irrelevant weil ich nicht davon ausgehe, wenn es ihn nun gibt oder nicht, dass er sich in Form irgendeiner langatmigen Offenbarung, die offenkundig das Werk menschlich-schriftstellerischer Leistung ist, mit einer derartigen Präzision offenbart hat, als das es statthaft wäre auch nur irgendetwas davon aus etwas anderem als durch persönliche, weltbezogene Auffassung vom Richtigen zu befolgen (und nicht etwa, um die Ansprüche einer ewigen Imagination zu erfüllen).

Gleichsam halte ich Religion nicht im Sinne linker bzw. marxistischer Religionskritik ausschließlich für ein Herrschafts- und Unterdrückungselement. Das kann es werden und organisierte, institutionalisierte Religion hatte auch immer auch mehr als nur einen Hang dazu, aber das würde wohl das Bedürfnis der Menschen nach Seelsorge, nach Weltdeutung und nach Transzendenz zu einer Fußnote in einem ausgeklügelten Herrschaftssystem degradieren und das halte ich für nicht sinnvoll. Kann man aber sagen, dass ich diese Bedürfnisse nicht habe? Ich denke doch. Jeder hat sie. Auch der trockenste Wissenschaftler wird sie haben, nur geht man wohl fehl in der Annahme, dass diese Bedürfnisse allein von der überweltlichen Religion gestillt werden könnten. Vielmehr hat sich im Zuge der Renaissance, des Humanismus und der Wiederentdeckung des Ichs (zumindest für Europa) wieder ein Pfad der weltlichen Selbstverwirklichung eröffnet. Areligiöse Menschen finden ihre Transzendenz in der Welt selbst, durch das, was sie in ihr Hinterlassen.

Was bleibt also für mich festzuhalten? Religion ist für mich vor allem eine spannende Erzählung, als philosophisches oder lebensgestalterisches Konzept taugt sie für mich allerdings nicht im geringsten. Das Weltliche ist eher meine Sphäre.

Der Blick des Zehnjährigen

Als Kind hat man häufig einen sehr unspezifischen und häufig auch weltfremden Blick auf das Geschehen, dass sich nicht unbedingt in den eigenen Erfahrungshorizonten abspielt. Religion war für mich eines dieser Dinge seinerzeit. In dem Ort aus dem ich komme haben wir eine wunderschöne Kirche stehen. Ich schätze das Gebäude wegen seiner Architektur und meiner damals großen Begeisterung für Burgen und Ritter. Ich hatte auch schon das Bewusstsein, dass es um etwas Religiöses dabei ging (und hatte auch schon Vorstellungen davon, was das bedeutet) für mich war das aber eher weit weg. Religion war sozusagen ein Spiel. Sie war fester Bestandteil der Spiele, die ich seinerzeit spielte und der Romane, die ich las oder der Serien, die ich schaute (Herkules, Xena, Papyrus). Wir reden hier von polytheistischen, vergangenen Götterwelten. Das Christentum unterschied sich für mich damals qualitativ in nichts von dem. Es war vielleicht genau der Kontrast: das areligiöse Elternhaus, diese Medien und dann religiöse Praxis, die eben auf mich damals schon wirkte wie eine Tradition, die man pflegt (so wie Weihnachten oder Ostern bei uns gefeiert wurde, gänzlich ohne religiösen Kontext) aber mit dem Tagesgeschehen an sich wenig zu tun hat.

Als ich zehn war behandelten wir das Thema Religion im Ethikunterricht (in der Nachschau betrachtet hat mich der Unterricht trotz teils extrem wechselnder Qualität und Konsistenz ebenso mitgeprägt wie Geschichte und Sozialkunde seinerzeit). Wir befassten uns mit den „Welt“religionen (was allerdings hieß nur Judentum, Christentum und Islam ; dieser komische polytheistische Hinduismus war meiner Lehrerin scheinbar zu weltfremd oder er war, wie der  Buddhismus übrigens auch – und das ist eine wichtige Anmerkung – wohl nicht in das enge Schema zu pressen, dass ein-einhalb Jahrtausende Monotheismus-Rezeption hinterlassen haben). Ich will das an der Stelle nicht überbewerten. Es war eher ein klassischer und niedrigschwelliger Unterricht, der sich mit den wichtigsten Grundüberzeugungen, Unterschieden, Eigenheiten und Gemeinsamkeiten der drei Religionen befasste. Man kann das also nicht überbewerten, da wir bei keiner der drei jetzt in die theologische Tiefe gingen, aber ich finde – auch jetzt noch – das wir damit auch das Ziel eines Ethik-Unterrichts verfehlt hätten, der nun einmal etwas anderes ist als Religionsunterricht. Religion ist ein Thema weil es zur gesellschaftlichen Praxis dazu gehört und auch Teile unserer moralischen oder philosophischen Konzepte daher stammen, aber eben nur ein Teil.

Wenn ich mir diesen durchaus naiven Blick seinerzeit auf das Thema/ den Gegenstand vergegenwärtige, erklärt dies auch mein in den kommenden Jahren wachsendes Unverständnis. Religion waren aus dem Verständnis, das ich für mich selbst gewonnen hatte, dreierlei Dinge: eine traditionsbedingte Praxis (mit entsprechenden Kulthandlungen), aufgrund eines bestimmten Glaubens an die eschatologischen/ die letzten Dinge aufgrund des Bedürfnisses nach Trost, Weltdeutung oder Erlösung. Das reale Leben und der Glaube stellten für mich zwei Dinge dar, die nur dadurch zusammen kamen, wenn sich die religiöse Gemeinde eben zur Kulthandlung versammelte. Dieser Eindruck wurde nämlich durch meine tatsächliche Lebenserfahrung zu der Zeit entsprechend verstärkt. Das Aufwachsen in einer ostdeutschen Ortschaft, wo quasi historisch bedingt der Glaube demontiert ist, legte mir diesen Eindruck nah. Religion war kein großes Thema. Wer glaubte der ging in die Kirche, wer nicht der nicht und thematisiert wurde das darüber hinaus nicht, während christlich geprägte Feste und Weihnachtslieder aber faktisch völlig verweltlicht auch unter Atheisten kulturelles Gemeingut waren, kein religiöses. Religion war damit etwas Privates, dass man zu besonderen Zeiten gemeinschaftlich teilte, dass sich aber im Leben der Menschen darüber hinaus nicht niederzuschlagen schien und wo das eine wie das andere mal mit mehr, mal mit weniger Augenzwinkern akzeptiert wurde.

Unverständnis kam auf als sich mein Horizont weitere, es klar wurde, dass sich Leute ob der richtigen Auslegung oder Ausübung des Glaubens umbrachten, dass Religion auch mit unter offensiv gelebt wurde und sich nicht etwa auf die spirituellen Fragen beschränkten sondern handfeste Regelungen des Lebens nicht allein der Kulthandlungen aufzustellen vermochten bzw. der Lebenswandel zum Teil der Kulthandlungen gehörte. Das es um Missionierung und Absolutheitsansprüche ging. War es zuvor einfach Religionsfreiheit für leicht machbar oder selbstverständlich zu halten (platt ausgedrückt, verstand ich den interreligiösen Konflikt eher so, dass man sich um die kleingeistige Frage stritt wie Gott nun heißen und welches Buch man benutzen soll) wurde es nun… kompliziert. Das mag jetzt vielleicht so wirken, als sie das als schockierende Erkenntnis plötzlich über mich gekommen aber tatsächlich ist das natürlich ein Erkenntnis- und Erlebnisprozess über etliche Jahre gewesen.

Im Endeffekt verstand ich, dass Religion rein praktisch so viel mehr Implikationen mitbringt, die über die Grundfunktionen, die ich persönlich nach wie vor als Kern des Ganzen identifizieren würde, hinausgehen und da lag und liegt für mich seitdem das große Problem, weshalb ich in religiöser Hinsicht noch „unmusikalischer“ wurde als ich das von vornherein war. Es war auch nicht nur der real-existierende Islam, als ich erstmals mit ihm Berührung kam, der mich da abgestoßen hat, jedes Schulkreuz in Bayern, jede religiös verbrämte Debatte über Sterbehilfe, über Abtreibung, über Sexualmoral oder die Frage ob Homosexuelle heiraten dürfen oder nicht löste ähnliche Abstoßungsreaktionen aus.

Erodiert die Säkularisierung?

Wie ich bereits anekdotenhaft erzählte war es für einen Atheisten ein einfaches Leben, in dem ich aufwuchs. Wer religiös war, übte das im Privaten aus, öffentlich waren andere Dinge wichtiger. Die Religionsfreiheit die unsere Gesellschaft gewährt, war ohnehin nur möglich in dem die Religion noch viel mehr Privatsache wurde und das weltliche als davon stärker unabhängige und eigenwertige Sphäre etabliert wurde. Ein Konflikt übrigens – und das sollte man nicht verschweigen – der in Europa seit dem Mittelalter andauerte, mehrere Höhepunkte durchlebte und eigentlich auch nie vollständig abgeschlossen wurde, selbst da nicht, wo wie in Frankreich laizistische Regime errichtet wurden. Ich denke am nützlichsten war eine Verknüpfung religiöser Institutionen mit staatlicher Kuratel, wie wir sie in Deutschland seit einigen Jahrzehnten pflegen. Ironischerweise sorgt gerade die Verschränkung für eine stärkere Bändigung und Integration des Religiösen durch das Weltliche, was insgesamt die Verträglichkeit erhöhen dürfte. Es ist allerdings auch ein fragiles Gleichgewicht, dass das Ergebnis der oben erwähnten Verweltlichungsprozesse der vorangegangenen Jahrhunderte ist, gegen die sich die Kirche zu allen Zeit auch mit gewisser Gewalt gestemmt hatte.

Wenn wir also über Religionsfreiheit (auch im Sinne der Freiheit von Religion reden) dann müssen wir mitdenken, dass diese als Teil der Verfassung bereits auf dem informellen Konsens einer fortschreitenden Verweltlichung des Lebens (auch wenn der Glaube zu der Zeit noch lebendiger war als heute) basierte.

Welche Sorgen, weshalb ich die Zwischenüberschrift auch in Frageform formulierte, habe ich bezüglich der  Zukunft? Menschen die zuwandern, sind keine tabulae rasa. Sie bringen aus ihren Herkunftsländern viel Immaterielles mit, unter anderem Ansichten, die Religion und eine bestimmte Auffassung davon. Das betrifft selbstverständlich nicht nur  Muslime sondern gilt genauso für orthodoxe Christen, erkonservative Katholiken udgl. mehr. Muslime stehen vor allem wegen der besonderen Zahl im Fokus des Ganzen. Aufgrund spezifischer Migrationsphänomene (Nähe-Distanz-Verhältnisse bspw. ist dann sogar auch eine durch Abgrenzung motivierte verstärkte Rückkehr zur Religion in jüngeren Generationen zu beobachten). Worauf ich generell hinaus will ist, dass durch Migration auch der Import eines lebendigeren oder heißeren Religionsverständnisses stattfindet, der auf eher erkaltete Gesellschaften trifft.

Während die Freiheit von religiösen Symbolen in Schulen oder im Staatsdienst sich endlich langsam etabliert hatte (von der Verweigerung der Exekutive in Bayern das auch dort umzusetzen mal abgesehen, was zurecht kritikwürdig ist) und inzwischen sind wir wieder in einer Situation angekommen, wo darüber diskutiert wird, ob bspw. Kopftücher als religiöse Symbole beim Lehrpersonal, bei Schülerinnen oder im Staatsdienst zulässig sind, wo das Urteil Berliner Richter, die eigentlich nur die allgemeine Praxis jedwede religiöse Symbole (der Bannstrahl trifft damit bspw. auch das offene Tragen eines Kreuzes) aus der Schule herauszuhalten mit der Entscheidung gegen das Kopftuch bekräftigt haben, dafür Kritik einstecken müssen. Wir befinden uns in Zeiten wo eine selbsternannte Scharia-Polizei den unmoralischen (weil gegen die Grundsätze einer Religion verstoßenden) Lebenswandel anprangert, wo darüber diskutiert wird, ob es Gebetsräume an Schulen oder anderen öffentlichen Einrichtungen geben sollte oder müsste, man aber – sobald dann auch andere religiöse Gruppe ein solches fordern – dann auch wieder schmallippig wird. Der aktuelle UniSPIEGEL ist dabei auch wieder ein schönes Rührstück darüber unter welchen schrecklichen Bedingungen, sofern man dem Tenor des Heftes folgt, muslimische Studenten ihren Glauben nur ausleben dürfen; zum Beispiel die Zumutung für ihre religiösen Verrichtungen nur einen Balkon in der Mensa zur Verfügung zu haben. An der Stelle will sich aber niemand ernsthaft die Frage stellen, ob es wirklich notwendig ist, das sie mit ihrer Kulthandlung nicht bis nach der Uni warten und dafür eine Moschee oder die eigene Wohnung aufsuchen.

Ebenso unschön ist es wenn dann religiös motivierte Konflikte damit ebenso ins Land getragen werden, obwohl sie mit Deutschland an und für sich nichts zu tun haben, sprich wir damit zum Gefechtsfeld für Konflikte anderer Art werden. Ich spreche nicht vom Terrorismus. Islamistischen Terror müssten wir (egal ob wir Muslime hätten oder nicht) allein schon deshalb fürchten, weil wir als Teil der westlichen (auch gerne christlich aufgefassten) Welt zum erklärten Feindbild des islamistischen Terrors gehören. Aber wenn Konflikte innerhalb der Muslime (unterschiedliche Strömungen, gemäßigte gegen Extremisten) ausgetragen werden oder Konflikte zwischen den Religionen entbrennen dann durchaus auch, weil wir Menschen aufgenommen haben für die Religion nicht nur noch Frage der Eschatologie sondern praktische Wirklichkeit ist. Deutschland verzeichnete in den letzten Jahren wieder vermehrt Antisemitismus der jedoch nicht auf eine erhöhte Aktivität der Nazis (die weiterhin eine wichtige Rolle spielen) zurückzuführen ist, sondern aus muslimischen Kreisen, die ihre Geringschätzung des Judentums (freilich auch historisch-politischen aber leider auch aus religiösen Gründen) zu Übergriffen kommen lassen. Auch der Anschlag auf ein Sikh-Gebetshaus vor nicht allzu langer Zeit hatte eine interreligiöse Komponente, um den religiösen Extremismus allgemein nicht zu vergessen.

Auf der anderen Seite betrifft das nicht nur Muslime. Herausgefordert oder angeregt durch diese Erhitzung der religiösen Diskussion kriechen auch einheimische, christliche bigotte Strömungen wieder ans Licht und versuchen in Anschmiegung und Austausch mit identitären Kräften ebenfalls unter dem Wahlspruch „Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ eigentlich ihre religiös-verbrämten-erzkonservativen Positionen in die Politik einzubringen, die sie, was nicht wirklich erstaunlich ist, häufig mit den Extremisten unter den Muslimen tendenziell teilen.

Ich sehe, wie klar geworden sein dürfte, Religion generell kritisch und die durch Zuwanderung bedingte wieder erstarkte religiöse Position und religiöse Einflussnahme ebenso wie das Entstehen neuer, eigentlich fremder religiös-politischer Konflikte mit erheblicher Sorge bezüglich der Frage, ob die Fortschritte, die die Säkularisierung hier gemacht hat, unter diesem Ansturm nicht langsam ins Erodieren gerät.

Die nationalistische Position

Unabhängig von meinem eher aus Abneigung bestehendem Verhältnis zur  Religion will ich nun kurz zur aus meiner Sicht statthaften nationalistischen Position kommen. Das hier würde sich im Endeffekt für einen eigenen Theorie-Beitrag anbieten, weshalb ich das an dieser Stelle bei einer Skizze belassen möchte. Wie zu jedem Theoriebeitrag von mir gilt, dass das meine Position dazu ist, wie ich Nationalismus verstehe und entsprechend welche Ansichten dann zu spezifischen Fragestellungen daraus abzuleiten sind.

Für die nationale Position spielen meiner Erachtens zwei wichtige Charakterzüge der Religion eine Rolle. Einmal ist es der kulturelle Charakter, auf der anderen Seite ist es der funktionale Charakter.
Das erste bedeutet dass Religion immer schon ein Teil der Kulturpraxis ist. Die Art und Weise wie Religion ausgeübt und oder gedacht wird ist kulturell codiert und steht zudem mit anderer kultureller Praxis (bspw. Architektur oder bildender Kunst) stets in einer Wechselwirkung bspw. wenn religiöse Motive Eingang in einen Text finden. Es ist daher auch schwer spezifische religiöse Systeme an andere Orte zu verpflanzen, da die Praxis sich wiederum wechselseitig aus mitunter zunächst profanen Kulturtechniken oder der spezifischen, beobachtbaren Umwelt ergab bzw. ergibt.

(Anmerkung: Das ist nicht monolithisch gemeint, Einflüsse anderer Kulturräume oder Religionen mit denen man in Kontakt steht, können freilich auch in das eigene religiöse/ kulturelle Repertoire übernommen werden; bspw. ist unklar wie sehr die spätere nordische Balder-Überlieferung bereits durch das Christentum überformt ist)

Der funktionale Charakter der Religion ergibt sich aus den religiösen Bedürfnissen der Menschen, ob es Trost, Rituale, Beistand oder Weltdeutung im spezifischen oder Transzendenz im Allgemeinen ist. Diese Bedürfnisse werden durch die Religion über institutionalisierte oder gemeinschaftliche Kultpraxis und Lehre befriedigt.

Die aus nationalistischer Sicht elementaren Aufgaben des Nationalstaates gegenüber seinen Bürgern bestehen darin das Dasein des Volkes abzusichern, seine Identität und kulturelle Individualität zu erhalten und zu fördern und dessen Versorgung und Wohlfahrt zu organisieren und sicherzustellen.

Sehen wir von dem Punkt ab, dass in früheren Zeiten durchaus die Ansicht verbreitet war, dass das Wohl und Wehe des Gemeinwesens vom Wohlwollen der Götter und damit auch von deren Verehrung abhängig war, können wir uns zunächst an der Stelle auf Identität und Wohlfahrt beschränken, um dann im Rückschluss auf das Dasein zurückzukommen. Das erstere spricht den kulturellen, das zweite den funktionalen Charakter von Religion an.
Wenn wir Religion demnach als Kulturpraxis begreifen, hat der Staat aus nationaler Perspektive die Verpflichtung zumindest Religion als kulturelle Praxis als Ausdruck der kulturellen Identität auf Dauer zu stellen. Er muss und sollte damit nicht eine sterbende Glaubensgemeinschaft am Leben erhalten sondern muss viel mehr dafür sorgen, dass Sterbende (gleichsam wie das Lebendige) in den Kanon nationaler Erinnerung zu überführen. Man kann es museal aufbereiteten, Traditionspflege sollte als folkloristische Übung Förderung erhalten und in dem Informationen und auch Schriften dieser Glaubensgemeinschaften wissenschaftlich und archivarisch gesichert werden, können sie damit den Nachgeborenen zur Verfügung gestellt werden. Protektionistische Maßnahmen bezüglich religiöser Einflüsse von außen können ergriffen werden, müssen aber entsprechend dadurch zu legitimieren sein, dass dadurch wirklich eine Aushöhlung der bisherigen Identität droht. Das steht abseits von der Religion dann aber ohnehin mit den o.g. Grundsatz in Zusammenhang und könnte ggf. bei einer Massenzuwanderung im Einzelfall Anwendung finden.
Will der Staat seine Wohlfahrtsaufgabe wahrnehmen, so muss er die Bedürfnisbefriedigung seiner Bürger sicherstellen. Da dazu auch die Erfüllung des Transzendenz-Bedürfnisses durch die Religion gehört, muss der Staat entsprechende Rahmenbedingungen entweder schaffen oder Institutionen selbst einrichten, dass eine erfüllende Kultpraxis möglich wird. Im Sinne des Alten Fritz gehört damit auch die Versorgung von Muslimen mit Moscheen dazu. Das Argument gilt übrigens nicht allein für Gesellschaften mit Zuwanderung sondern allgemein. Auch innerhalb der Nation kann es geschehen, dass Individuen, inspiriert von fremden Religionen, zu einer solchen konvertieren möchten, entsprechend muss auch hier die freie Ausübung inklusive der Einrichtung entsprechender Örtlichkeiten (freilich unter Maßgabe der Verhältnismäßigkeit) sichergestellt werden.
Das führt aber zur Daseinssicherung zurück. Der Staat muss in der Konstellation insbesondere bei ausgeübter Religion eine Kontrollinstanz darstellen, kann und muss Rahmensituationen setzen und Rahmenbedingungen formulieren (zum Beispiel in dem er die Ausbildung von Priestern organisiert und reglementiert und auch nur solchen Priestern die Führung einer Gemeinde oder religiöse Lehre gestattet, die nach seiner Maßgabe ausgebildet worden sind). Die staatliche Kontrolle hat aber den Zweck der Sicherung der Gesellschaft zu dienen, nicht die Religionen einem staatlich diktierten weltanschaulichem Konzept zu unterwerfen, aber mit den Werten der Gesellschaft in Einklang zu bringen..

Desweiteren trotz seiner starken Eingriffs- und auch Förderrolle hat die staatliche Öffentlichkeit ein areligiöser Raum zu bleiben, um so die Freiheit der Nichtgläubigen sicherzustellen, während das Religiöse als ein privater oder halb-öffentlicher Bereich (in den Gemeinden) davon zu trennen ist.


Das war es zum ersten Teil der Reihe. Der zweite Artikel mit dem Thema „‚Der Islam gehört zu Deutschland‘ – Implikationen einer Aussage“ kommt in den nächsten Tagen. Ich werde ihn dann hier verlinken:

Reblog: Degeneriert

Schon etwas älter aber gerade erst entdeckt und dabei auch noch so erheiternd geschrieben. Aber es wird ein Problem beschrieben, dass ich mit Nazis seit langem habe.

Man ist in gewissen Foren unterwegs und outet man sich als Nationalgesinnter wird man schnell in die klandestinen Zirkel eingeladen wo die Abscheu und Herabwürdigung anderer Nationen, Kulturen und wie hier auch Sprachen bestes Gemeingut ist. Man wird für einen Kumpan gehalten, obwohl man sich zusammenreißen muss in jenen abgeschlossenen Bereichen nicht verbal im Kreis zu kotzen.

Ich zitiere mal Stefan R. aus der Kommentarspalte:

Allein die Vorstellung, Sprachen in höher- und minderwertig einstufen zu wollen, ist von solch erlesener Dämlichkeit.

Aber will das hier besonders hervorheben (deshalb mache ich es auch dick :p):

„Dass man selbst die eigene Kultur anderen vorzieht ist dabei ja in Ordnung, schon weil es bequemer ist – man kennt sich aus, weiß wie der Hase läuft und so. Daraus aber eine grundsätzliche Höherwertigkeit des Eigenen abzuleiten ist kindisch und durch nichts gerechtfertigt.

Es ist dumm einerseits. Andererseits erkennt man hier auch gut, dass es keine Nationalisten im emphatischen Sinne sind. Wer die Liebe zur Nation beschwört (pathetisch besprochen) und von anderen den Respekt erwartet, kann diesen nicht mit Herabwürdigung verweigern. Da zeigt sich kein Anhänger der nationalen Idee, die gerade die Eigenwertigkeit einer jeden Nation und Kultur stark macht und dessen Erhalt so wertvoll ist. Was schade ist, dass die breite Masse dann auch noch glaubt, solch ein Ausfall sei national.

Nein es zeigt sich das in minder- und höherwertig dichotomierende sozial-darwinistische Gedankengut eines Nazis, eines Zöglings der braunen Soße, die er zudem auch nur in konsumierbaren Parolen begreift, weil selbst „Mein Kampf“ zu schwer zu lesen ist.

Wie kann man nur national sein und die Befreiungskriege nicht wertschätzen, wo verschiedener Länder Völker die Suprematie Napoleons und des imperialen Frankreichs zurückwiesen, was ist aus der Polenbegeisterung von Hambach geworden?

Völkerfreundschaft statt Völkerhass, gegenseitige Wertschätzung statt Hierarchie und Abwertung? Die meisten die heute auf den Nationalismus schauen, haben ein Brett vor dem Kopf. Es trägt die Buchstaben NS und während die Rechten in ihrer Dummheit glauben das Brett sei der nationale Gedanke, glauben die anderen den Rechten, lächelnd und wenden sich ab.

gnaddrig ad libitum

Neulich habe ich in so einem völkisch orientierten, fleißig „überfremdungskritisch“ trompetenden Hetzblog gelesen, Englisch sei nichts weiter als ein degenerierter deutsch/germanischer Dialekt. Die englische Kultur sei nichts weiter als eine auf einer [sic!] Abart germanischer Sprachen bezogene Randerscheinung der Germanen, und – natürlich – ohne den deutschen Vorfahren gebe [sic!] es die “englische” Kultur nicht. Englisch sei die Weltsprache der Degenerierten.

Kann man meinen, es wird davon aber nicht richtiger. Und wenn ich mir anschaue, mit was für Parolen derzeit in Deutschland spazierengegangen und marschiert wird, frage ich mich, wen man hier für degeneriert halten soll.

Erstmal zur Kultur: Mir liegt es fern, die „englische Kultur“ als besonders hochstehend oder nachahmenswert hinstellen zu wollen. Sie ist im Wesentlichen ein Fork der gemeinsamen, eigentlich noch nicht wirklich deutschen Vorgängerkultur. Seit der Übersiedlung der Angeln und Sachsen auf die britischen Inseln ist sie natürlich durch romanische, namentlich französische…

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Nationalbeobachter

Im Zuge der angekündigten Formate hier auf dem Blog soll es in Zukunft neben dem SPIEGELblick auch eine Schau ins rechte Spektrum geben. Wie ich bereits in meinen ersten Beiträgen erwähnt habe, steht, wer sich selbst Nationalist nennt, in einem weiten Dunstkreis auf der rechten Seite des politischen Spektrums, nicht unbedingt faktisch (ich habe eher Probleme mich dort abschließend zu positionieren), sondern assoziativ. Es kann daher nicht schaden zu schauen, was andere Gruppen für Aussagen oder Verhaltensweisen an den Tag legen, die sich selbst auch als patriotisch oder national verstehen. Aus diesem Grund befasse ich mich im Nationalbeobachter nun genau mit diesen Dingen.

Warum das Ganze? Das hilft mir einerseits hinsichtlich meiner eigenen Positionierung, wo bin ich anschlussfähig, wo gibt es Meinungsunterschiede und was finde ich überhaupt nicht in Ordnung und gibt im Endeffekt neue Ideen entweder aus der Zustimmung oder Abgrenzung heraus und hilft somit andererseits das eigene Profil zu schärfen.

Als ein weiterer wichtiger Punkt geschehen tagtäglich widerwärtige Dinge, Anschläge auf Heime und auf Menschen, unmenschliche Hetze und die absurdesten Ideen und Verschwörungstheorien und ich habe einerseits wenig Lust meine Wut und Ohnmacht darüber in mich hinein zu fressen, andererseits sehe ich es gerade als meine Verpflichtung als auch Nationalist eine klare Gegenposition dazu zubeziehen und das nicht stellvertretend für uns alle stehen zu lassen.

Notwendigkeit der Rechtfertigung

Der Begriff des Nationalen ist vergiftet und rechtsradikale Kräfts sorgen dafür das es so bleibt. Auch dadurch befindet sich die Gesellschaft und Abgrenzung und Ablösung zum und vom Nationalen. Es ist daher notwendig, dass wir mit offenen Karten spielen und klar machen, dass es auch anders geht. Drum müssen wir die Last der steten Rechtfertigung annehmen.

Der Begriff des Nationalen ist vergiftet und rechtsradikale Kräfte sorgen dafür, dass es so bleibt. Auch dadurch befindet sich die Gesellschaft in Abgrenzung und Ablösung zum und vom Nationalen. Es ist daher notwendig, dass wir mit offenen Karten spielen und klar machen, dass es auch anders geht. Drum müssen wir die Last der steten Rechtfertigung annehmen.

Es bietet sich gerade dieser Beitrag an, weil sich beim Schreiben anderer Beiträge doch gerade immer eine gewisse Tendenz abbildet. Gerade jetzt beim Anfang des Blogs. Man ist ständig versucht sich zu rechtfertigen, um die Geduld der Leser zu bitten für spätere oder differenziertere Erklärungen, darum Aussagen nicht für absolut und monolithisch zu nehmen, darum zu bitten anzuerkennen, dass man sich womöglich auch revidieren wird und diese Änderung zur Kenntnis genommen wird. Das Problem: Man bewegt sich in diesem Themenbereich in einem Minenfeld. Der Nationalismus gilt als ausgedeutet, von der Gegen- wie von der Befürworterseite aus. Der gesellschaftliche Diskurs hat eine Gut-Böse-Dichotomie installiert, die von Parteien und Organisationen bespielt wird und die Gegenseite tut ihr möglichstes dem Klischee möglichst vollumfänglich zu entsprechen und all das zu bestätigen, was gerechtfertigter weise gehasst und abgelehnt wird. Und über allem schwebt die geschichtliche Monstranz des 20. Jahrhunderts mit seinen Weltkriegen und dem Gedanken des „Nie wieder!“ als auch politischer Opferverbände, die dieses dogmatische „Nein“ ganz zwangsläufig zum Lebensinhalt erhoben haben und mit menschlichem Antlitz vortragen. Das nationale Modell ist diskreditiert und es gibt zudem die scheinbare Diskrepanz, dass es dafür in der modernen, globalisierten Welt auch keinen Platz mehr gibt oder geben dürfe. Und wie gesagt: Die Apologeten des Nationalen (zumindest deren Lauteste und Hässlichste) tun das möglichste dazu, die negativen Erwartungen, die Ängste und ihre eigene Kleingeistigkeit zu bestätigen und den Hass und die Häme, die ihnen entgegenschlägt, zu legitimieren.

In diesem sehr negativ besetzen Feld bewegen sich damit aber auch dann diejenigen, die sich ohne autoritären Hintersinn oder Überheblichkeit dem Nationalen zuwenden, sich einem leichten oder beschwingten Patriotismus hingeben und durchaus auch an der Aussage „Stolz ein Deutscher zu sein“ nichts schlimmes finden können, da es eher Zufriedenheit mit dem eigenen Sein ausdrückt als in der Vergangenheit Erhebung über andere. Gleichwohl aber all jene mit genauso inquisitorischem Eifer bekämpft werden, wie jene Gefahr von rechts, die auch heute noch den Holocaust leugnet und erneut bereit steht für den Marsch auf Berlin, auch wenn dies ein kleiner Marsch mit einem vielfachen an Gegenmärschen sein würde. Der viel genannte und wohl herbei geschriebene Fußballpatriotismus ist nicht nur in seiner eher seichten Art sondern gerade auch in der ihm entgegen rollenden Reaktion eine wahre Stilblüte des Diskurses, die wohl mit dem herunterreißen deutscher Fahnen zur WM von den Balkonen deutschtürkischer Wohnungen in Berlin ihre z.T. absurdestes Triebe zeigte. Was allgemeinhin belächelt wird, veranschaulicht aber in welchem Klima sich alles bewegt, dass auch nur den Anschein nationaler Gesinnung zeitigt. Es herrscht ein überaus negatives Klima, dass durch rechte Ausfälle und unerträgliche Akte, wie die Taten des NSU, bestätigt und verschärft wird. Das Ergebnis ist die naheliegende Frage: Wie kannst du guten Gewissens noch nationalem Denken anhängen?

Ich verwende für mich bewusst – auch im Bewusstsein der Brisanz des Ausdrucks – selbst die Bezeichnung Nationalist.
Ich wurde, wie an anderer Stelle bereits erwähnt, nicht in der Form sozialisiert oder politisiert wie das für Wähler von Parteien wie der NPD üblich wäre. War nie Mitglied in Parteien oder Organisationen mit dieser Schlagseite. Auch, obwohl eine durchaus belastete, ländliche Region gab es kein offenes Auftreten rechter Parteien, Nazis oder Skinheads, an das ich mich erinnern würde. Das höchste an Präsenz waren Wahlplakate, an die ich mich im Detail auch nicht mehr erinnern kann, nur das sie da waren. Ich hatte einfach ein positives Nationalgefühl, das aber immer auch schon sehr stark staatsbezogen geprägt war. Relativ unbeeinflusst durch Quellen fanatischen oder dummen Nationalismus hat sich daraus eher eine eigene Erarbeitung dessen ergeben, was Nationalismus für mich ist oder bestenfalls sein soll und wie die eigene Position zum Gemeinwesen sein sollte/ müsste, um dem gerecht zu werden.
Entsprechend war es auch ein Findungsprozess nämlich nach Namen oder Begriffen, die das adäquat fassen konnten. Die besondere Problematik liegt daran, dass Nationalismus und Nationalist sowohl historisch als auch politisch-aktuell verbrannt sind und keinen guten Stand hatten bzw. die Leute sich darunter etwas vorstellten (und heute ja auch tun), mit dem ich mich eigentlich gar nicht identifiziere. Ein weiteres Problem bestand darin, dass sich extrem nationalistische Gruppierungen aus reiner Taktik auch immer wieder neue Logos und Slogans zulegten, um einen angeblichen Gesinnungswandel zu verkaufen und wählbar zu werden, obwohl unter dem neuen Etikett der gleiche Wein und unter der Oberfläche der gleiche Radikalismus verkauft wurde. Es war eine Abwehrschlacht immer neuer Begriffe wie „Neue Rechte“ oder „Nationale Alternative“, die aber alle diese Begriffe wiederum verbrannte. Ich bezeichnete mich dann immer mal wieder abwechselnd als Nationalgesinnter oder auch als Patriot. Ein durchaus positives Softpower-Nationalgefühl wie in den USA war damals ein wenig Vorbild dafür gewesen. Die Variante eines Verfassungspatriotismus, der Teil meiner späteren Konzepte wurde, kam mir erst später unter.
Später dann fand ich den Begriff des Patriotismus nicht mehr aussagekräftig genug und auch historisch wenig anschlussfähig, da unsere patriotische Kultur durchaus eine gewesen ist, die sich als Nationalbewegung verstanden hatte. Darüber hinaus, erschien ich anderen – und das auch nicht zu Unrecht – mit meinen Konzepten und Denkweisen im nationalen Bereich zu liegen. Ich fand es ab da unwürdig mit unpassenden oder verschleiernden Begriffen um den heißen Brei zu reden und nahm die Eigenbezeichnung Nationalist an. Erst fügte ich noch ein >>gemäßigt<< hinzu, später ließ ich das ganz und ergänzte es nur, wenn es die Gesprächssituation erforderlich machte. Die Selbstbezeichnung als Linksnationalist entwickelte sich dann mit der Zeit daraus. Demnach empfand ich es immer mehr als Zumutung das sich rechtes Pack, das dem Nazismus zuzurechnen war, sich dem Begriff des Nationalen bediente. Entsprechend war diese Begriffsübernahme ein Versuch das Nationale aus dem nazistischen Würgegriff zu re-emanzipieren und diesen Begriff bewusst selbst zu besetzen und ihn nicht verfassungsrechtlich fragwürdigen Kräften zu überlassen, die ihn benutzten um nationalgesinnten Nachwuchs anzulocken und dann zu indoktrinieren.

Sagen wir also für mich stellt sich die obige Frage anders. Ich betrachte den Nazismus als etwas anderes und extremen Nationalismus als nicht zwangsläufig. Es ergibt sich daraus nun ein Nationalismusbild, dem man sich nicht schämen muss oder wegen dem man nicht zwingend Gewissensbisse zu haben braucht, zumindest der Einschätzung meines Gewissens nach. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass das von Außenstehenden auch so verstanden wird.

Da der Begriff Nationalist mit der Erwartungshaltung (Nationalist = Nazi) belastet ist, binde ich das natürlich nicht jedem potenziellen Gesprächspartner auf die Nase, sondern warte mit dieser Offenbarung bis es einen Anlass dafür gibt und wenn ich sicher sein kann, dass mein Gegenüber mich gut genug kennt, um dort dann zu differenzieren.
Dieses persönliche Beispiel zeigt gut, dass wir uns als Nationalisten in einer Position befinden, in der wir uns rechtfertigen müssen. Sie, lieber Leser, mögen mir also verzeihen, wenn es eine gewisse Neigung in den Artikeln für Erklärungen und Rechtfertigungen gibt, aber ich denke sie sind nötig, damit die Leute eine Möglichkeit haben, zu erkennen, dass hier kein Funktionär der NPD sitzt und das trotz einiger ähnlicher Termini oder auch Positionen hier nicht Nazismus gepredigt wird. Eher im Gegenteil.

Für den öffentlichen Diskurs ist also zu sagen: Ja es ist manchmal nervig und anstrengend manche Sachen fünfmal sagen zu müssen, Kontexte zu betonen, Unterschiede klar zu machen, sich immer wieder zu rechtfertigen und abzugrenzen und vielleicht sogar beschimpft zu werden. Aber wir bewegen uns in einem Feld das durch die Historie und die politische Betätigung fragwürdiger Parteien und Organisationen besetzt und vergiftet ist und das durch andere (linke) Parteien und Gruppen in seiner pauschalen Form (durchaus notwendig) zum Feind erklärt worden ist. Wir können nicht a priori auf Verständnis hoffen oder darauf bestehen und auch nicht darauf, dass unsere Prämissen verstanden werden, denn das ist unter den gegebenen Umständen nicht zu erwarten; und in der Hoffnung auf eine potente Reaktion gegen rechtsextreme Umtriebe auch nicht unbedingt wünschenswert. Dadurch, dass wir uns rechtfertigen und nicht arrogant verschließen, ermöglichen wir es erst ein anderes Verständnis und einen anderen, gemäßigten Blickwinkel auf einen Teil des nationalen Spektrums zu etablieren, nämlich den, dass es da draußen nicht nur Nazis gibt sondern auch Nationalisten.